Wie weit kommt Deutschland ins Finale?
Vorsicht! WM-Fieber kann schwachsinnig machen!
Na, hören Sie es auch? Das Rauschen im Kopf und diesen ständigen Trötentinnitus? Es klingt wie eine Horde verschnupfter Elefanten, die pausenlos Hornissen aus ihren grippalen Rüsseln stoßen. Aber ich blase natürlich mit. Gestern war ich mit meinem jüngsten Sohn Deutschland gucken, in der Stadthalle Langenfeld. Wo man halt so hingeht, damit man zuhause nicht ständig erklären muss, was Abseits ist. Also Stadthalle, vier null gegen Australien, alle drehten durch. W.E.L.T.M.E.I.S.T.E.R. Aber so was von sicher. Neben mir stand ein Schwarzer, der sich sein Kölsch gleich literweise von oben durch die Vuvuzela (nein, nicht Uwe Seeler) kippen ließ. Bei der deutschen Hymne stand er stramm, stramm wie er war, und guckte mich so böse an wie ein Krieger im Busch, dem man in Gegenwart eines hungrigen Löwen das Messer geklaut hat. Nur weil ich nicht aufstand und wie er die Hand aufs Herz legte und irgendwas brüllte, das wie Einigkeit und recht viel Freizeit klang.
Oder im Radio. Da ist es gerade besonders schlimm, in den Sendern herrscht eine mediale Pandemie, gegen die jede Schweinigrippe so harmlos ist wie die bergheimsche Kleinhirnrinde von Lukas Podolski. Seit Tagen hört man nur noch gackernde Kinder, die sich zwar Moderatoren nennen, doch am fehlerfreien Erwähnen einer Warmfront im Wetterbericht grandios scheitern; die meisten von ihnen lachen über ihre eigenen Witze, einige wären sicher froh, wenn ihr IQ nur die Hälfte der Dezibelzahlen ihrer Klangkörper erreichte, mit deren Getröte sie uns morgens aus den Betten röcheln.
Halloooooo. Aufstehen, Sommermärchen ist wieder da, flöten die aus dem Radio. Oder die im Frühstücksfernsehen. Sommermärchen! Kurze Röcke. Blöde Fragen. Kaltes Bier. Und Kneipen, die nicht mehr uns Kerlen gehören. Duhu, warum nimmt der Lahm den Ball beim Einwurf in die Hand? Scheiß Sommermärchen. Es schleicht sich ins Blut, schwemmt die Wampen mit Gerstensaft auf und befällt besonders gern die weiblichen Synapsen; es erhöht die Gefahr, für mindestens vier Wochen lang völlig dem Schwachsinn zu verfallen. Während das kleine Spießerlein sein bundesdeutsches Fähnchen aus dem Kleingarten holt und sie staatsstolz in den Hosenlatz steckt. Ich liebe deutsche Land. Ich liebe deutsche Land. Ich!liebe!deutsche!Land! Kennen wir noch von Lena.
Wo wir gerade dabei sind: Unser Verlag ließ sich nicht lumpen und baute eine riesige Leinwand zum heiteren Gruppenglotzen auf, leider direkt vor dem Fenster meines Büros. Nun muss ich schon am Mittag Sprüche von Delling und Netzer in einer Lautstärke ertragen, die nach Ohrenstöpseln schreit. Gerade ist Japan gegen Kamerun dran. Oh Mann, wie freue ich mich auf die zweite Liga.
Wahnsinn! Plötzlich sehen sich erwachsene Menschen solche Klassiker wie Slowakei gegen Paraguay an. Nordkorea gegen Elfenbeinküste, Honduras gegen Chile. Plötzlich beginnen überall ziemlich lustige Ratespiele, die wirklich echten Fußballverstand erfordern. Wo geschah das Wunder von Bern? In der Schweiz? In der Kirche? Wie lautet der Vorname von Jogi Löw? Joachim? Balduin? Statt mal zu fragen, an welchem Tag die Sonnenfinsternis mit dem Ausfall der Flutlichtanlage im Stadion von Bloemfontein zusammentraf. Selbst wer wo wann und mit wem im deutschen Mannschaftsbus hockt, wird mittlerweile wichtig und doppelseitig mit großem Sitzverteilungsplan in Hochglanzmagazinen abgedruckt. War doch klar, dass Poldi in der letzten Reihe blödelt. Wie früher auf der Klassenfahrt.
Oder Witz gefällig? Trainer, ich habe Probleme mit dem Kreislauf. Dann renn gerade aus! Ha. Eine dieser aufgeregten Mikrofonpubertanten, die sich ohne WM-Fieber niemals eine Sportschau ansehen würden, aber ihren Freund in jeden Film mit Georg Clooney schleppen, fragte mich morgens um acht beim Müsli: “Wie weit kommt Deutschland ins Finale? Stimmen Sie ab! Jetzt!“ Schwerer Fall von Oligophrenie, fand ich, und gab vor Schreck den Löffel ab. Aber was will man erwarten, wenn sogar der Schütze des ersten Tores bei der WM Tshabalala heisst? Und die Blätter voll von hässlich gekapten Wortgebilden wie KAPriolen, KAPputt und Cup der guten Hoffnung sind. Wann kommt der Kapp-Putsch?
Nur Diego Armando Maradona darf richtig schwachsinnig sein, finde ich. Weil er sich nicht ändern muss, er schien ja, mit Verlaub, zu jedweder Zeit ein wenig geistesarm. Schoss mit einem Luftgewehr auf Journalisten, fuhr einem Kameramann über den Fuß bei gleichzeitig wüster Beschimpfung und erschreckte Kinder bei einem Schulfest in Pretoria mit furchtbarer Grimasse; manche sagten später, er habe ihnen nur sein normales Gesicht gezeigt. Außerdem probierte er als Trainer der argentinischen Nationalmannschaft in 18 Monaten mehr als hundert Spieler aus. Dabei stolziert er mit den dicken Havannas seines Freundes Fidel Castro im Mundwinkel über den Platz und ließ die Verlierer ihr Hinterteil hinhalten, auf dass die Sieger auf selbiges hart schießen mögen. Geht’s noch bekloppter, du Hand Gottes?
Auch mein Freund Uwe fällt mir sofort ein. Ganz das Gegenteil von Maradona. Nichts bei ihm ist wie die Stimmung im Land. Er verdient ebenfalls sein Geld damit, die 26 Buchstaben des Alphabets einigermaßen erträglich zusammenzusetzen; es gelingt ihm in der Regel vorzüglich. Er ist der Meister des trockenen Humors (Friese!) und hat sich bei mir mit zwei Geschichten unsterblich gemacht. Einmal schrieb er einem lieben Kollegen von uns, der gerade einen Schlaganfall erlitten hatte und leicht halbseitig gelähmt war, „Schöne Grüße an die bessere Hälfte“ auf unsere gemeinsame Genesungskarte. Wenig später fing er einen Artikel über eine Urnenbestattung auf See mit folgenden Worten an: „Die Hauptperson wirkt heute ein wenig zerstreut.“ Was für ein Satz! Uwe wirkt ruhig und gelassen, wenn alle um ihn herum total bescheuert werden. Er liest das Spiel, gibt kluge Kommentare, trinkt ein Jever oder auch zwei und schaut stets ernst zu. Keine Spur von verrückt. Ich glaube, beim Fußball hört der Spaß für ihn auf. Was bestimmt nichts damit zu tun hat, dass er Anhänger des FC St. Pauli ist.
Eine Nachbarin von mir will sich schwarzrotgoldene Verhüterli über die Außenspiegel ihres Sportwagens ziehen. Sie interessiert sich überhaupt nicht für Fußball und schwärmt höchstens für Beckham und Ballack. Ihr Mann will die Scheidung, falls sie ihre Drohung wahr macht. Sie zögert noch.



