Des Trainers neue Kleider
Beim Fußball geht es um mehr als Fußball - zum Beispiel um Mode
„Uwe“, fragte meine italienische Freundin Paola erstaunt ihren norddeutschen Ehemann, als sie Joachim Löw zum ersten Mal auf dem Bildschirm erblickte, „aus welchem Land kommt dieserrrr Mann?“ Paola lebte schon lange hier, aber so eine elegante Erscheinung hatte sie zwischen Berlin und Berchtesgaden, wo „bequem“ das Schlüsselwort für Männermode ist, nur selten gesehen und schon gar nicht beim Fußball: Die dunklen Strähnen perfekt geschnitten, so dass sie wie zufällig fallen, die schwarze Hose zum weißen Hemd, das schon bald zum Markenzeichen wurde, der Dufflecoat, das Poloshirt, die rote Windjacke, alles hat Klasse. „Madonna“, hat Paola ausgerufen.
Erinnert sich jemand an Jupp Derwall oder sogar an Helmut Schön? Als sich Otto Rehhagel in dieser Woche im Trainingsanzug mit den drei Streifen aus dem Worldcup verabschiedete, stand er dort unten auf dem Rasen wie ein Gruß aus fern gerückten Zeiten. Die Trainer der deutschen Nationalmannschaft zogen, von einigen Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer abgesehen, gern in Trainingsanzügen in die Arenen des Weltfußballs ein, als hätten sie gerade das morgendliche Schießen aufs Tor unterbrochen. Die Knie scheinen immer etwas ausgebeult auf den Schwarz-Weiß-Fotos, auch wenn sie es vielleicht gar nicht waren. Jedenfalls spurtete damals schon der Coach des FC Barcelona im Anzug die Seitenlinie entlang. Im Anzug!
Heute ist der Anzug auf der Weltbühne Trainerbank kein Statement mehr. Fast alle tragen ihn. Die Asiaten sowieso. Der spanische Coach zum weißen Hemd und roter Krawatte wie ein älterer Grandseigneur. Der Portugiese überraschte mit offenem Hemdkragen und Goldkette im eisgrauen Brusthaar. Andere stecken in sportlichen Anoraks, wie Marcello Lippi aus Italien. Vor wenigen Tagen hielt Paolas Mamma das Handy zu Hause in Perugia aus dem Fenster, um ihre Tochter die Stille hören zu lassen: „Kein Laut, niemand ist auf der Straße.“ Das war in den Minuten nach der Katastrophe.
Wir wissen ja alle, beim Fußball geht es um mehr als um Fußball. „Fußball ist Ausdruck für das Lebensgefühl eines Volkes“, hat Cesar Luis Menotti, der ehemalige Trainer der argentinischen Nationalmannschaft, einmal philosophiert. Eine überraschende Parallele zwischen Fußball und Leben zog in diesen Tagen die französische Zeitung „La libération“. Im Spiel Deutschland gegen England habe es zwei Weltsichten gegeben - die Mannschaften hätten so gespielt, wie ihre Trainer lebten. Die Anmutung des Coaches spiegle den Geist des Teams, was eine ziemlich kühne These ist.
Fabio Capello, der italienische Coach der Engländer, heißt es da, „ist ein Mensch, der nicht viel lacht. Sein Umgang ist ebenso streng wie seine Frisur, der Blazer, die Krawatte, eng um den obersten Knopf geschlungen, und die Brille mit den rechteckigen Gläsern.“ Dagegen Löw. „Von der positiven kalifornisch-coolen Schule Jürgen Klinsmanns geformt“, schreibt die Zeitung, sei „der deutsche Coach so weit gegangen, sein legendäres – tatsächlich: legendäres – tailliertes weißes Hemd gegen ein lavendelfarbenes T-Shirt zu tauschen.“ Wobei man sagen muss, dass die Idee, es könnte sich bei Stil und Spirit um schwäbische Heimprodukte handeln statt um USA-Import, gar nicht ins Bild eines Pariser Journalisten passt. Jedenfalls ergibt sich für den Medienmann aus dem Land, in dem die Mode ein Teil der Kultur ist, ganz klar, dass England auf dem Rasen „organisiert, aber verkrampft, verschlossen – um es klar zu sagen: kleinmütig ist“. Deutschland dagegen präsentiere sich als moderne weltoffenen Auswahl: „Offensiv, großzügig und eine Spur unbekümmert.“
Da reiben wir uns die Augen. Wer ist hier der Italiener? Welche Mannschaft wird, nicht unbedingt ein Kompliment, als organisiert beschrieben? In welchem Aufzug wird der berühmte Nachfolger des Trainer-Philosophen Menotti am nächsten Sonnabend am Spielfeldrand entlang fegen? Ich muss mit Paola sprechen.



