Die Wand Gottes
Feuchtfröhlich bei Lenka oder wie wir Messi nass machten
Am letzten Samstag habe ich richtig schwarz gesehen. Nein, nicht was das Spiel gegen Argentinien betrifft. Natürlich nicht. Doch als es los ging, war der Sommer kein Märchen mehr; eher eine schlecht gelaunte Laune der Natur, bei der ich nur froh war, dass ich nicht völlig abgeblitzt bin. Die Kinder hatten alle Seepferdchen, das ist die viel wichtigere Nachricht. Aber nun von Anfang an.
Es ist ja so, wenn WM ist, bleibt keiner im Wohnzimmer sitzen. Oder auf dem Balkon. Geht gar nicht, da schminkt sich selbst der letzte Soze in den Farben des Landes und hält sein Fähnlein in den Wind. Die Vorrunde überstand ich in meiner Stammkneipe auf einem harten Plastikstuhl unter einer großen Weide, aus der es ständig Mückenpipi regnete. Auf einer wackligen Bierkiste mit gelber Tischdecke stand eine Flimmerkiste, die so alt war, dass ich überhaupt noch keine Farbe darin vermutete; außerdem war sie nur halb so groß wie meine daheim, an der Wand, direkt vorm Bett. Die Kaltgetränke kamen nur unregelmäßig, die Bedienung war mürrisch, der Wind frisch, doch Hauptsache draußen. Hauptsache massenkompatibel beim Gruppenglotzen. Jubel, soziologisch abbaubar.
Gegen Diegos Gringos war vieles anders. Lenka und Dirk, zwei wirklich gute Freunde, hatten uns in ihren wunderschönen Garten eingeladen, wo schon die deutsche Flagge gehisst war. Dirk hat sogar die Fahne von Tschechien im Keller, weil erstens ist Lenka daher, und zweitens man weiß doch nie. Im Mai zum Beispiel, ich sag nur: Eishockeyweltmeister! Aber heute war nur Ball. Männer, die gucken durften. Mit ihren Frauen. Großer Bildschirm. Lecker Fleisch. Fässchen Bier. Was braucht man mehr für das Gelingen eines heißen Fußballnachmittags?
Sie dachten an alles, nur nicht daran, dass Wetter abzubestellen. Kurz vor dem Anpfiff grollte der Himmel als rülpsten die Engel. Schwere dunkle Wolken krochen heran; was für eine Packung da oben, fast schlimmer als jene, die wir bald erleben durften. Oder eher nicht, weil wir mit solch gemeinen Dingen wie Hose auswringen beschäftigt waren, während im Fernseher wieder Sportgeschichte geschrieben wurde. Das Spiel begann um vier Uhr. Ich schaute hoch und erblickte die bärtige Fratze von Diego Armando Maradona. Er grinste wie ein kleiner Teufel mit Verdauungsproblemen. Nicht umsonst hatte er im Hotel beheizte Toilettenbrillen verlangt. Sah echt Scheiße aus, der Kerl. Danach war nur noch Gewitter. Es brodelte in der Wand Gottes.
Zwei Minuten später hockten wir unter einer riesigen Plane und versuchten mit ein paar eilig aufgeklappten Regenschirmen den neuen Flachbildschirm vor dem Ersaufen zu retten. Es prasselte auf uns herab, es stürzte soviel Wasser auf uns, dass damit Noahs Arche flott geworden wäre. Gerade als Thomas ins Tor müllerte, war ich damit beschäftigt, mein Hemd auf dem Gästeklo zu fönen. Na klasse! Als ich zurückkam, sah ich ausschließlich feuchtfröhliche Gesichter mit einem Glas Bier davor.
Von da an nahm ich mir fest vor, sämtlicher Verweichlichung zu trotzen und mich lieber epidermisch aufzulösen als auch nur noch einen Treffer zu verpassen. Lenka bot mir an, für mich im Kleiderschrank nach trockenen Sachen zu suchen. Was für eine bezaubernde Gastgeberin. Dirk war nicht weniger bemüht und stellte mir einen neuen Gerstensaft hin: Es schmeckte ein wenig nach Cumuluswolke. Dünn, nach Kölsch eben. Eigentlich kein Unterschied. (Ich hoffe, dass Gregor das nicht liest. Er war schließlich fürs Bier zuständig, auch sehr nett. Und sehr nass.)
Wir ließen uns die Stimmung nicht verderben. Nicht an so einem Tag. Vier zu null! Absteiger Friedrich schießt ein Tor. Gegen Argentinen! Macht Messi nass, selbst meine nicht weniger bezaubernde Frau wollte plötzlich mit mir Spielzüge diskutieren. Normalerweise kriege ich keine Sportschau bei ihr durch. Herrlich! Diese Zeit dürfte nie vergehen. Vor zwei Wochen schrieb ich: doofes Sommermärchen, der Ball ist wund und so. Wann ist wieder zweite Liga? Ich Kretin.
Diego schaute mittlerweile aus wie ein kleiner Junge, dem sie den Ball zum Spielen geklaut haben. Sollte dieser kleine dicke Mensch immer noch auf Droge sein, müsste er sich heute mit der Vuvuzela an der Nase eine Linie ziehen. „Ich habe mich wie nach einem Faustschlag von Ali gefühlt,“ sagte er und heulte sich seine zarte Seele aus dem Wanst. Na und? Don't cry for me, Argentina! Wir tanzten im Regen, wir trieften vor Lust und unsere Schuhe schmatzten bei jedem Schritt. Wir wussten nicht, ob unsere Augen weinten oder die Tropfen naturgewollt waren. Gregor, Astrid, Wolfgang, Michaela, Lenka, Dirk, Jonathan, Martina, Simon, Leoni, Julia, Noah, Elias, Lina und ich, der große Experte: der einem Klose keine Chance gegeben hatte. Als er das vierte Tor schoss, riss der Himmel auf und die Sonne brach durch. So weit zu Klose. Wir jubelten. Gruppendynamisch, versteht sich. Diego war dort oben schon lange verschwunden.
Irgendwann abends, als ich zu Hause war, dachte ich, oh Mann, ABSEITS ist wieder dran; das liest zwar keiner, zum Ausgleich bekomme ich aber auch kein Geld dafür. Ich trank noch ein Pils und noch eins, also endlich richtiges Bier, und schrieb fünf Gründe auf, warum selbst ich Misanthrop jetzt daran glaube, dass wir Weltmeister werden. Seien Sie nicht so streng mit mir, ich war - wie ganz Deutschland - alkoholisiert.
1. Weil wir Spanien schlagen. Und dann Holland. Müller! Zwei. Eins.
2. Weil wir Deutschen aus Tunesien, Bosnien, Ghana, Spanien, Brasilien, Türkei und Polen stammen. Ach so, und aus Bayern.
3. Weil „11 Freunde“, dieses wahnsinig wichtige und wahnsinnig heitere und wahnsinnig wahnsinnige Organ der neuen deutschen Fußballkultur, einen großen Verlag gefunden hat.
4. Weil Angela Merkel jetzt zu jedem Spiel eingeflogen wird und sie vor Freude in die uckermärkischen Händchen klatscht. Wir Steuerzahler zahlen das gern.
5. Weil Jogi und sein Hansi ihre blauen Pullover nicht mehr waschen. Ihr Ausrüster hat genug davon.
So, jetzt gehe ich ins Bett. Noch sechsmal schlafen, dann sind wir Weltmeister. Hoffentlich muss ich nicht raus, Wasser lassen. Meine Klodeckel sind nämlich nicht beheizt, Diego. Oder pinkelst du im Stehen?



