Hören Sie gefälligst zu!
Ohne Netzer wird Milchgesicht Delling alt aussehen
Man kann nicht gerade behaupten, dass Gerhard Delling besonders witzig ist. Er ist eher ein gnadenloser Langweiler, der uns auf dem Sofa bis ins Koma moderieren würde, wenn man ihn nur ließe; und dabei so unbeteiligt guckt wie ein Bademeister in der Wüste. Nur ein paar Mal ließ er aufhorchen mit Sprüchen, die öffentlich-rechtliche Sportgeschichte schrieben. Der eine ging so: „Wenn man ihn jetzt ins kalte Wasser schmeißt, könnte er sich die Finger verbrennen.“ Der andere, auch nicht schlecht: „Die Luft, die nie drin war, ist raus aus dem Spiel.“ Aber eigentlich könnte das jeder bringen, der gegen Geld Fußball kommentiert, ob er Beckmann oder Kerner heißt. Gerade die. Letzterer rief immerhin mal ins Mikrofon: „Ich schlage Ihnen vor, Sie halten sich die Augen zu. Ich teile Ihnen jetzt die Bundesligaergebnisse mit.“
Was ich eigentlich sagen möchte: Delling ist nur mit Netzer zu ertragen. Weil der ihn so wunderbar beleidigen darf und ihm zum Beispiel mit unbewegter Miene diagnostiziert, dass Gerhard ein Milchgesicht hat, wie die von den Färöer Inseln. Und Gerhard danach dreinblickt, als habe er sich im kalten Wasser die Finger verbrannt. Das tut mir aber auch weh. Sie, Netzer, Sie.
Zusammen sind sie unschlagbar, wie ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig die Bälle zuschiebt. Wenn sie beide im Studio stehen - hinter ihnen das Stadion - und so reden, als würden sie sich ums Haushaltsgeld streiten. Ich meine, der Netzer ist früher mit einem schwarzen Ferrari durch Mönchengladbach gebrettert und hat dort die Diskothek „Lovers Lane“ betrieben. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Von den Frauen, die er alle hätte haben können oder auch gehabt hat, ganz zu schweigen. Sein Pass in die Tiefe ist bis heute unerreichbar, die Punkband „Emscherkurve 77“ hat ihm ein Lied gewidmet und im ZDF-Sportstudio machte er gleich fünf Stück an der Torwand. Mehr geht nicht. Höchstens an der Torwand. Da kann er auch verkraften, dass er 1974 nie richtig Weltmeister war. Die paar Minuten bei der systemfeindlichen Packung gegen die DDR zählen bei ihm nicht. Da ist er zu stolz.
Netzer. Delling. Wir werden euch vermissen. Das Ehepaar trennt sich nach zwölf Jahren. Scheidung im Hosenkrieg. „Hören Sie gefälligst zu, Delling!“ sagt der Günter gern streng zum Gerhard; wie ein Mann zu seiner Gattin, die man nicht mehr vom Schaufenster wegbekommt, während daheim bereits die Sportschau läuft. Aber manchmal lobt er Delling auch, was ihm sichtlich schwerer fällt: „Sehr kluge Frage, habe ich von Ihnen gar nicht erwartet.“ Unbeweglich, nuschelnd, steif, eine Halskrause wie ein Baumarktleiter mit Schlips unterm Doppelkinn; mit Haaren über den Ohren wie mit der Nagelschere geschnitten. Sieht man die beiden, erwartert man gleich darauf die Wiedereinführung des Schwarzweißfernsehens. Trotz Grimmepreis. Ich bin sicher, Waldorf und Stadler machen weiter. Ganz bestimmt, ach so, übrigens: Ein Freund von mir traf sie in einer Kneipe. Sie siezen sich wirklich.



