Der kleine Puck
Das schönste Wintermärchen schreibt der Mai
Es ist Mai und endlich wieder Winter. Glauben Sie den Leuten nicht, die jetzt von zarten Blüten träumen oder den Rock zum Gärtner machen wollen. Es läge Liebe in der Luft, die Mädchen kurz im Kleid und leicht beschwingt und Vögeln gleich. Alles Quatsch, die so schwärmen, haben sicher zu lange am Raps gerochen, der soll ja sogar Rehe auf den Feldern kirre machen und im Notfall auch bei Menschen zum ordentlichen Rausch reichen, wenn kein Gras in der Nähe ist.
Nein, nein, ich nicht. Ich bin völlig nomal, hoffe ich wenigstens; außer dass ich gerade im knüppelvollen Zug hocke und mir den pestilenzialischen Knoblauchgeruch meiner hübschen Nachbarin reinziehe, die so hübsch ist, dass es, wenn ich ehrlich bin, immer mehr nach Bärlauch duftet. Da, sie guckt rüber und sieht den ersten Satz meiner Geschichte: Es ist Mai und endlich wieder Winter. Warum schaut sie mich jetzt so mitleidig an? Wahrscheinlich hält sie mich für einen, der sich schon die ersten Gedanken über seine Weihnachtsgschenke macht.
Na gut, Pfingsten war ganz ordentlich. Im Gegensatz zu den interglazialen Klimaphasen des Pleistozäns, mit anderen Worten scheißkalten Tagen zuvor. Und wenn der Kachelmann nicht immer noch im Knast säße, hätte das Wetter über die Feiertage sicher alle Rekorde gebrochen. Ich war in Holland, in der Heimatstadt von Louis van Gaal, der in Noordwijk an der Nordsee lebt, in einem wunderschönen Haus am Meer. Aber ich konnte leider nicht mit ihm reden, er war verhindert, irgend so ein blödes Fußballspiel mit den Bayern gegen Mailand in Madrid. Stattdessen spielte ich mit den Wellen am Strand und lag gemütlich in den Endmoränen, die wie Wanderdünen aussahen, und las bäuchlings in der Zeitung davon, dass Diego Maradona in seinem Hotel in Südafrika nur aufs Klo gehen will, wenn die Brille unter seinen drallen Bäckchen auch beheizt ist. Dann las ich von Eishockey im Mai, während ich mir von meiner Gattin genüsslich den Latissimus dorsi einreiben ließ. Nein, nicht was Sie vermuten, wir kleinen Latiner wissen doch, dass es sich dabei um den großen Rückenmuskel handelt.
Ich brütete also im heißen Sand, ließ mich von meiner Frau und der Sonne streicheln (genau in dieser Reihenfolge) und guckte mir Fotos von dick vermummten Spielern an, denen der Atem ging, als würden sie den Nanga Parbat besteigen, während ich glücklich vor mich hin transpirierte. Deutschland im WM-Halbfinale! Zum ersten Mal seit 57 Jahren. Jungs, kratzt die Kurve, stand da, und natürlich, dass wir ganz, ganz stolz auf sie sind. Doch der nächste Gegner würde Russland sein, gegen die wir seit Zeiten des kalten Krieges nicht den Hauch einer Chance hätten; aber die wollten wir nutzen.
Ein Wintermärchen mitten im Mai. Der kleine Puck und die großen, starken Männer, die auszogen, der Bande das Fürchten zu lehren. Oder so ähnlich, jedenfalls mit viel Eis am Stiel. Doch was scheren uns die Jahreszeiten, wenn es um den Stolz einer ganzen Nation geht? In Bottrop kannst du schließlich auch im Sommer Skifahren, weil auf einer Kohlenhalde eine schiefe Halle steht, in der es solange schneit, wie es den Hausbesorgern passt. Ich denke, das ist noch ausbaufähig. Wie wäre es mit einer Rodelbahn im Hallenbad oder einer Loipe in der Sauna mit Reinhold Messner als Bademeister?
Es wird Zeit, dass Kachelmann endlich frei gelassen wird, dachte ich, während ich mich schon mal innerlich darauf einstellte, in einer halben Stunde so heftig zu kontrahieren, dass ich mich ohne Mühe umdrehen konnte. Ich wollte ja auch am Bauch braun werden. Vorher fiel ich in einen kurzen Traum, in dem ich mit ölglänzendem Astralkörper vom Zehnmeterturm sprang und während der verdammt kurzen Flugphase feststellte, dass ich gleich mit dem Kopf zuerst in eine von Jörg gekachelte Gletscherspalte verschwinden sollte. Meine Frau holte mich ins Leben zurück, indem sie zischend ein kaltes Bier öffnete.
Das mit dem Eishockey fing vor zwei Wochen auf Schalke an. Wo auch sonst? Nirgendwo gibt es so abgebrühte, eiskalte Typen, die sogar Bäume blauweiß streichen würden, wenn man sie nur ließe. Sie schoben ihren grünen Rasen aus dem Stadion, einfach so; in einer riesigen, 11000 Tonnen schweren Schublade unter den Mauern hindurch. Bis der grüne Teppich draußen lag, 118 Meter lang, 79 Meter breit. Das tun sie dort immer, wenn er sich von der unwürdigen Treterei erholen soll, aber diesmal musste er für den Winter Platz machen. In nur drei Tagen und Nächten breitete er sich aus, in Gelsenkirchen wurde danach die Heizung wieder eingeschaltet, "Stille Nacht" gesungen und für den Advent geschmückt; anschließend strömten sie ins Stadion, um einen Rekord für die Ewigkeit aufzustellen: 77803 Zuschauer sahen das Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und den USA, das wir (wir!) 2:1 gewannen. Mehr Menschen waren vorher nie, um das Treiben mit der Scheibe zu erleben.
Am nächsten Tag wurde es dann auch in Holland kälter. Freche Wolken schoben sich vor die Sonne, meine Frau hatte selbst gegen Zahlung eines guten Schmiergeldes keine Lust mehr, mich sittlich zu berühren. Die Temperatur fiel noch weiter, als ich von unserer knappen Niederlage gegen Russland hörte; erst war das Eis gebrochen, dann hat einer aufs Eis gebrochen: völlig fertig, der Mann, wie ich hörte. Tschechien wurde Weltmeister, was Dirk, den Mann von Lenka, der besten Freundin meiner Gattin, dazu veranlasste, in seinem Garten freudig erregt die Fahne in den Farben des Siegers zu hissen. Lenka kommt aus Tschechien und interessiert sich sehr für Eishockey, was ich für eine Frau ziemlich toll finde. Im nächsten Winter (hören Sie, Winter!) werden wir mal zusammen zu einem Spiel gehen, aber das nur am Rande.
Kurz danach sah ich eine Gestalt am Nordseestrand spazieren, die wie van Gaal aussah. Bauch rein, Brust raus, sie stampfte entschlossen durch den Sand, als wolle sie England zu Fuß erreichen, um dort die Nationalmannschaft zu übernehmen. Doch die Frisur verhielt sich im strammen Wind nicht in dem Maße, wie sie zu ihr gehören sollte, um nicht zu sagen: Glatze. Plötzlich kam mir ein bekanntes Zitat von Rudi Carrell in den Sinn: Wer nie ein Pferd gesehen hat, kann über keinen Esel lachen. Ich weiß nicht, warum ich gerade in diesem Moment daran dachte.
Nun ist der Mai fast vorbei; und außer Eishockey und Bayern München ist eigentlich nichts gewesen. Fleisch hab ich auch noch nicht auf meinen Rost gelegt. Kein Tier zum Bier. Bitte, bitte, lasst uns die Bullys im Eis versenken und bald lauschige Abende haben, an denen sie flüstert: „Hör mal, die Grillen.“ Und du, echter Kerl, schulterzuckend erwiderst: „Ich rieche nichts.“ Kachelmann ist auch so einer. Ganz bestimmt.



