Gegen den Strom
Ein Mädchen will die Welt umsegeln – ein verbotener Traum
Die kleine Laura hatte einen großen Traum. Aber bald hatte die große Laura ein kleines Problem. Das Mädchen Laura Dekker aus den Niederlanden, 13 Jahre alt, wollte die Welt umsegeln, allein, auf einer etwa neun Meter langen Yacht. Dem Jugendamt aber gefiel dieser Traum nicht. Ein Gericht entschied, den Eltern das Sorgerecht zu entziehen. Das Gericht untersagte den Törn. Aus.
Der Fall kochte hoch, es gab Schlagzeilen. Erst berichteten die kleinen Zeitungen, dann die Lokalsender, dann die deutsche „Yacht“, bald Blätter wie die „Süddeutsche Zeitung“. Die verbotene Weltumsegelung des Mädchens Laura Dekker schlug Wellen, erst in Holland, dann in Europa, bald in der ganzen Welt.
Wie weit darf der Staat gehen? Wie weit muss er gehen? Darf er womöglich absurde Rekordjagden untersagen, die Ruhmessucht eines Vaters unterbinden, wenn der ein sehr junges Ding aus dem Mathe-, Englisch-, Sachkunde- und Geschichtsunterricht zieht und mutterseelenallein um die Welt segeln lässt?
Darf der Staat Träume töten?
Dies waren die Fragen. Ein gefundenes Fressen, ein großes Thema, die Gesellschaft betreffend, die Menschen und den Staat – eine alte Angelegenheit und nicht immer ein schönes Verhältnis. Der Fall Laura Dekker erreichte rousseau’sches Niveau. Die Freiheit des Individuums stand auf dem Spiel, eingeengt durch das Machtwort des Staats und die Klauen der Gesellschaft.
Talksshows, Kommentare, Kolumnen. Alle mischten sich ein, wussten dies und meinten das, derweil das kleine große Mädchen Laura Dekker sich zurückzog, in all dem Gezeter schwieg, keine Interviews, keine Fotos. Doch sie träumte ihren Traum weiter. Das Meer. Der Wind. Die Welt. „Ich will doch nur segeln“, sagte sie in einem von wenigen Statements.
Der Staat, die Krake Europa, hat schon einiges entschieden. Keine alten Glühbirnen mehr. An der Ostsee darf der Tang nicht mehr weggeräumt werden. Normen hier, Regeln da. Komissionen, Grämien, Ausschüsse. Politiker, die Entscheidungen treffen zugunsten der Sicherheit, der Umwelt, der Wirtschaft, der Menschen.
Nun hat sich der Staat auch Laura Dekker und des Segelns angenommen. Er schaltet sich in Träume ein, verwaltet Sehnsüchte, reguliert Leidenschaften.
Laura Dekker ist in Neuseeland auf einer Yacht geboren, verbrachte die ersten vier Jahre ihres Lebens auf einem Schiff. Im weiteren Leben wohnte sie Jahre lang auf Schiffen, segelte einhand und ohne Probleme über den Ärmelkanal. Das Mädchen und das Meer. Selbst gestandene Hochseekapitäne dürften nicht so viel Seeluft inhaliert haben.
Dann ihr großer Plan – und das Urteil: No!
Mit der Ruhmessucht ihres Vaters, mit der Jagd auf einen Rekord, habe ihre Reise nichts zu tun, sagte Laura Dekker. Laura Dekker, 13, beherrscht alle Knoten, Navigation, sie kann Segel trimmen und Karten lesen, kann Masten legen und stellen, Segel nähen, sie kann in der Kajüte kochen, wenn es draußen weht. Den meisten Hobbyskippern würde sie wahrscheinlich mit einem leisen Lächeln zur Hand gehen, wenn die beim Anlegen mal wieder hektisch werden.
Die kleine große Laura Dekker spricht Englisch. Kann funken. Kennt die Mercatorprojektion. Sie weiß, wo Fiji liegt, und liest lieber Bücher über Seemannschaft als die „Bravo“. Auch kümmert sie sich lieber um GPS-Daten und Wasservorräte als zu simsen oder zu dancen; sie trägt lieber Segelzeug als bauchfrei und ersten Lippenstift.
Sie ist durch den Ärmelkanal, allein. Der Ärmelkanal ist schwierig und gefährlich. Der Atlantik ist relativ leicht dagegen.
Der Staat trägt grobe Handschuhe. Er pflügt in großen Schritten, denkt in Normen, begreift die Menschen als Massenware. Die Menschen aber sind keine Massenware, sie sind Individuen. Es gibt unter all den trägen Legehennen tatsächlich noch Mädchen, die 13 Jahre alt sind und segeln können. Die mit ihrem Verstand, ihren Händen, ihrem Mut, ihrem Können, ihrem Willen und ihrer Abenteuerlust aufs Meer wollen, um zu segeln.
So etwas gibt es. Es ist möglich. Das Anderssein als die Masse.
Der Staat muss vieles regeln. Keine einfache Aufgabe. Die Politiker haben viel zu tun. Gelder, Steuern, Schulden, Wirtschaft, Bomben, Macht.
So soll es geschehen. Aber sie sollen uns gefälligst aus der Sonne gehen.
PS: Laurer Dekker arbeitet zur Zeit in Holland mit ihrem Vater weiter an ihrer Yacht. Ein Gericht will demnächst erneut entscheiden, ob sie im Juli aufbrechen darf.




