Germany, twelve points!

Wann spielt Lena Meyer-Landrut endlich Fußball?

Sie, ja, Sie. Wollen Sie wirklich behaupten, dass Sie Ahnung vom Fußball haben? Dann sag ich Ihnen mal was, haben Sie nicht. Sie kennen sich neuerdings vielleicht mit einer kessen Göre aus, die Lena heißt und so wunderbar schief singt und sich dabei wie ein Eichhörnchen auf Ecstasy bewegt. Aber im Fußball? Null Punkte! Zero points! Sonst wüssten Sie nämlich, wer Rudolf Gramlich, Camillo Ugi, Otto Harder, Josef Glaser, Alfred Pfaff, Hans Hagen, Willi Tiefel, Helmut Röpnack, Paul Pömpner, Ernst Eikhof, Heinrich Träg, Wilhelm Hahnemann und Franz Binder waren. Na, irgendeine Idee, was hinter diesen Namen stecken könnte, bevor sich nun nicht nur die Sachsen unter Ihnen die Google geben? Jedenfalls sind es keine Sänger beim Eurovision Song Contest.

Jetzt haben Sie es, oder? Nein, auch keine Schiedsrichter, die uns die schönsten Abseitstore aberkannten. Keine Vereinspräsidenten, die ihre Vereine in die Pleite präsidierten. Es sind auch nicht, wie Sie bestimmt gedacht haben, alle Platzwarte in chronologischer Reihenfolge des SV Hönnepel-Niedermörmter. Oder alle Hausmeister und Sportlehrer in der Schule von Lena Meyer-Landrut. Das hätte man ja noch wissen können, genauso wie die unumstößliche Tatsache, dass Myllykosken Pallo Anjalankoski aus Finnland und Dnjepr Dnjepropetrowsk aus der Urkraine bisher niemals aufeinandertrafen; und Giovanni Broccoli beim Landesberger SV spielt.

Nein, bei denen da oben hört der Spaß auf. Endgültig, sonst droht kolumnistischer Landesverrat. Oder es gibt einen Tag lang pausenlos Lena auf die Ohren, während man sich dabei zehn Mal hintereinander Stefan Raabs Sendungen angucken muss. Also, die da oben haben Deutschland vertreten, hören Sie, Deutschland, im Fußball, nicht nur für einen netten Abend vor ein paar Leuten in Oslo.

Sie quälten uns nicht mit ihren Stimmbädern, höchstens sich selbst mit ihren Kreuzbändern. Sie grätschten für unser Land, sie bluteten, schimpften, weinten zu Ehren der Nation; und waren so hart drauf, dass sie nur glatte Brüche als Grund für eine Auswechslung akzeptierten. Von wegen siebzig Prozent Ballbesitz und dann verlieren. Sie trugen eine Binde am Arm und viel Stolz in der Brust. Weil auf ihrer Binde keine drei schwarzen Punkte prangten, was bei manchen von ihnen ob ihres blinden Spiels nicht mal so ausgeschlossen gewesen wäre. Die da oben gehören zu den 110 Kapitänen der deutschen Nationalmannschaft der letzten 102 Jahre. Für einige waren es häufig nur Monatsbinden oder Einsätze für eine Halbzeit;  zur Geschichte reicht es aber trotzdem. Und wie.

Wilhelm Hahnemann und Franz Binder waren deutsche Österreicher. Sie kamen aus dieser sehr multikulturellen Zeit, als Rapid Wien gegen Schalke spielte und 1941 am Tag des Überfalls auf Russland Deutscher Meister wurde. Binder schoss drei Tore in zehn Minuten und wurde von den Nazis Bimbo genannt, weil seine Bewegungen angeblich „denen eines Negerbengels“ ähnelten. Selbst für Fußballmuffel Adolf soll er trotz seiner wenig arischen Züge ein Held gewesen sein, er kam ja schließlich auch aus seiner Gegend. Ansonsten verstand der Braunauer, wie wir alle wissen, Sturmangriffe eher völlig sportfrei und ließ zur Klärung der leibestüchtigen Machtverhältnisse nach dem Anschluss unseres Nachbarn im April 1938 ein Verbrüderungsspiel austragen. Österreich gewann, was dem hüftsteifen Strolch sicher ein Lächeln unterm Schnäuzer entlockte; danach wurde beschlossen, die Nationalmannschaft zur Hälfte mit Spielern seiner Heimat antreten zu lassen, beide Seiten waren sich stets in herzlicher Abneigung zugetan.

Franz Bimbo Binder brachte es sogar fertig, gleich in seinem ersten Spiel für Deutschland Kapitän zu sein. Das schafften nur wenige von ihnen, genau genommen gerade mal sechs.  Franz war bitteram, eines von zehn Kindern, und schlief noch im Bett seines Bruders in St.Pölten, während er auf dem Feld des Kampfes bereits ein großer Star war.

Ich finde an dieser Stelle, es ist genug mit den Ösis. Schließlich haben wir ihnen viele Jahre später das Wunder von Cordoba zu verdanken. Sie wissen schon, als uns diese Schluchtenscheißer aus der WM von 1978 schossen und beim 3:2 die berühmten Worte von Edi Finger fielen: “ I werd narrisch! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch, wir busseln uns ab. Und warten`s no a bisserl, dann können wir uns noch ein Vierterl genehmigen.“ Edi genehmigte sich danach vor allem einen Fernsehpreis, was für einen Radioreporter ziemlich selten ist. Ganz zu schweigen von den grausamen Zeilen nach dem Absturz eines Flugzeuges über Asien, als Austria Anfang der Neunziger nicht sehr felix war: „ Drei Österreicher gestorben“ stand dort in der Überschrift eines Wiener Massenblattes und viel kleiner darunter: „Auch über hundert Deutsche unter den Toten.“ Soviel zu unseren lieben Nachbarn.

Aber eines könnte unser neuer Kapitän Philipp Lahm vom Binder Franz bestimmt lernen. Die Faust auf den Tisch. Die klaren Worte. Das hatten die Jungs von früher einfach besser drauf. Man hört, noch nicht mal einen Kasten Bier habe Philipp springen lassen, seit er der Nachfolger von Ballack ist. Er mag es lieber nüchtern, wie ich bei einem Gespräch mit ihm vor drei Monaten feststellen konnte:  Doch nie zuvor habe ich einen Fußballspieler erlebt, der höflicher, zurückhaltender und aufrichtiger war als er. Kein Handyklingeln zwischendurch, wie es bei einem Lukas Podolski alle paar Sekunden passieren kann. Kein wichtigtuerisches Gehabe, stattdessen scheinbar ehrliche Betroffenheit, als er von seinem Besuch in Südafrika erzählte;  und davon, wie er auf eine Armut traf, die ihn bis in seine Träume verfolgte. Danach gründete er eine Stiftung, die wirklich hilft, aber ich dachte damals: Könnte so ein netter Kerl auch Kapitän sein?

Jetzt ist er es, dieser kleine, leise Mensch, dem viele nicht zutrauen würden, allein an den Lichtschalter zu kommen. Er muss Chef sein. Hilft ihm dabei, dass er doch was mit Bimbo Binder gemeinsam hat? Beide kommen aus einem Arbeiterviertel, wo die Wahrheit bekanntlich noch auf dem Platz liegt; und Philipp Lahm sagte mir, dass er oft zu seinem alten Verein in München-Gern geht, in dem seine Mutter noch heute ehrenamtlich als Jugendleiterin arbeitet. Dort hat sie ihm auch ehrenamtlich als kleiner Junge die Tränen getrocknet, wenn er sich die Knie aufgeschlagen hatte. Das hat ihn geprägt, natürlich: Aber reicht das, um die vermutlich schwächste deutsche Mannschaft der letzten zwanzig Jahre zum Sieg zu brüllen?  

Allerdings kann Philipp Lahm deutlich besser Fußball spielen als Lena singen. Viel besser. Tanzen sicher auch, sonst müsste er ja wie Joe Cocker übers Gras laufen. Zum Sommermärchen wird es trotzdem wohl nur bei Lena reichen: 15 Millionen schauten ihr im Fernsehen zu, Raab hatte „Gänsehaut im Gesicht“, wie er glücklich stotterte, während Jogis Buben vor 7 Millionen gegen Ungarn zum 3:0 stolpern durften. Es muss was passieren! Werde laut, Philipp! Da kann die Bildzeitung noch so oft „Männer, ihr müsst die Lena machen!“ schreiben und sie in der Haarpracht unseres Fräulein Frech wie ein paar durchgeknallte Schwuchteln zeigen. Auch keine Lösung. Beim Fußball muss man für „Germany, twelve points!“ viermal gewinnen. So sieht`s aus. Merkt euch das gefälligst.

Einige rufen sogar: Lena muss Ballack werden! Na ja. Ich finde, sie sollte lieber dringend ihr Abitur bestehen. Damit sie nicht mehr so was wie ins goldene Buch der Stadt Hannover schreibt: „Wow! Verdammte Axt, ist das geil! Dankeschönst. Leni.“  kritzelte sie. Typischer Fall von Aua. Da hilft auch kein Bundesverdienstkreuz mehr. Oder? Kapitän Lahm?


 


 

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Fritz Walter

Dienstag, 01-06-10 17:27

Was soll das denn. Lena für Ballack? Und Köhler? Wo spielt der? Ich finde, er wäre ein guter Rechtsaussen. Und mit seinen weichgeklopften Sprüchen könnte er uns dann zum Titel labern. In diesen Sinne, Fritz Walter

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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