Mens sana in corpore Ghana?

Boateng trifft Ballack und uns ins deutsche Herz

Harald Anton Schumacher war ein richtig guter Torhüter. Ein bisschen verrückt zwar, wie es auch später die Kahns und die Lehmänner waren und wie sie sonst noch hießen; weil sie regelmäßig so wirkten, als ob sie nicht alle auf dem Kasten hätten und ihre Großhirnrinde nicht schon zu häufig gegen die Pfosten geprallt wäre. Wenn sie zum Beispiel Gegnern in die Weichteile bissen oder ihnen mit gestreckten Stollen voll in die Zwölf traten. Ist doch kein Kindergeburtstag, pflegte der Maier Sepp zu sagen und spuckte anschließend den Rasen wieder aus. Er muss es ja wissen. Schließlich hechtete er bereits vor ausverkauftem Haus nach einer Ente, die sich hoffnungslos verflogen hatte.

Auch Harald Anton war so ein sprunghafter Typ. Ein durchgeknallter Springinsfeld, der für viele einen an der Latte hatte und Dinge sagte, die zweifelsfrei darauf schließen ließen, dass sein Schädel selten eine Basis fand und starken Erschütterungen ausgesetzt war. Trotzdem mochte man ihn, er wurde liebevoll Toni genannt und auf einen Schlag berühmt, als er vor 28 Jahren den heranstürmenden Patrick Battiston dem Strafraumboden gleich machte und damit beinahe einen dritten Weltkrieg ausgelöst hätte. Voilà, der hässliche Deutsche war wieder da: Monsieur Battiston wirkte nämlich derart mitgenommen von Tonis rustikaler Begrüßung, dass der französische Nationalspieler erst mal ein paar Minuten zu kollabieren gedachte.

Aber Toni, ganz Toni, kam keine noch so zarte Entschuldigung über die Lippen. Er lächelte nur, sich keiner Schuld bewußt, und ließ sich doch zu einem kleinen Zugeständnis herab, als der blutende Battiston damit begann, seine ausgeschlagenen Zähne auf die Wiese zu würfeln. „Dann zahl ich ihm seine Jacketkronen“, sprach Herr Schumacher. Wie gesagt, er war nicht gerade aufs Maul gefallen. Was ihm jedoch weder bei der WM 1982 in Spanien noch vier Jahre später in Mexiko besonders half. Er kam zweimal ins Endspiel und schaffte es als einziger Torhüter der Welt, es trotzdem niemals geschafft zu haben, Weltmeister zu werden. Bis heute fällt Toni durch seine kleinen Klugheiten auf, wenn er zum Beispiel nach der Bewertung unserer drei Torhüter für Südafrika gefragt wird und er nach dem Absturz unseres flügellahmen Adlers nach allen Seiten offen bleibt. Also, es könnte Butt sein. Oder Neuer. Oder Wiese. In solchen Augenblicken frage ich mich, ob er wenigstens Friedrich Hebbel kennt, der da behauptete: „Jedenfalls ist es besser, ein eckiges Etwas zu sein als ein rundes Nichts.“ Ich fürchte, er kennt ihn eher nicht.

Auch nicht Jean-Paul Sartre, soviel steht fest. Denn ich erinnere  mich noch ganz genau daran, wie der Stern vor langer Zeit ein Gespräch mit Toni zu führen versuchte und ihn nach der Beschreibung seiner vielen Verletzungen vom Kopfschuss bis hin zum Schleudertrauma mit einem Zitat des angeblich fußballhassenden Freigeistes konfrontierte, das so oder ähnlich lautete: Gedanken, die man bis zum Ende verfolgt, führen immer in die Verzweiflung. Woraufhin Harald Anton lange, sehr lange, überlegte und gefragt haben soll: „War Sartre auch Torhüter?“

Ich dagegen verfolge oft Gedanken bis zum Ende, bevor sie mich dann geradewegs in die Verzweiflung führen. Wenn ich an meine Rente denke, an das nächste Buch von Susanne Fröhlich, oder daran, dass meine Krankenkassenbeiträge lieber in schicke Rollatoren für alte, rückenschwache Herrschaften investiert werden, anstatt damit sehr kranken Kindern die Schmerzen zu nehmen. Und jetzt das noch: Ohne Ballack fahrn wir zur WM!

Das mag ich nicht wirklich zu Ende denken. Auf keinen Fall. Unser aller Knöchel der Nation ist dahin, wie soll denn da erst die Mannschaft auftreten? Mit angeknackstem Selbstbewusstsein? Aber es ist die bittere Wahrheit, das Scheiß Syndesmoseband des heiligen Michaels ist völlig derangiert, sozusagen im Eimer; ab jetzt bin ich für die Abschaffung aller Syndesmosenbänder in den Sprunggelenken, falls sie wichtigen deutschen Fußballspielern gehören. Er will, aber er darf nicht mehr. Acht Wochen humpeln, den Schweinis und den Poldis wird der Vater genommen, sie müssen ohne IHN zu Kindern des Erfolgs werden. Ohne ihren Antreiber, wie er es schon in Plattenbauzeiten der Betriebssportgemeinschaft Motor West Karl-Marx-Stadt war.

Aus! Vorbei! Viele Zeitschriften kommen gerade mächtig ins Rotieren und müssen Michael Ballack für viel Geld vom Titel kratzen. Und ich möchte nicht die Schlagzeilen kennen, die bald über den Rüpel Kevin-Prince Boateng erscheinen werden. Dieser farbige Strolch, der es doch wirklich wagte, Ballack in die Knochen zu treten und sich damit an einem ganzen Land zu versündigen. Einfach draufgehalten hat der, im Internet wird vor Wut die Sklaverei ausgerufen. Wer im Berliner Ghetto mutwillig mehrere Autos beschädigt haben soll, der beschädigt auch noch unsere Hoffnung. Raubt uns die Seele, reisst uns den Stolz aus der Brust. Sicher wird es bald Überschriften wie „Der Treter trifft uns ins Herz“ oder „Ein Migrant, der nicht mal einen Hintergrund hat“ geben. Auch für die Bahn ist der Zug abgefahren, für die Herr Ballack mächtig Werbung machte. Senk ju vor träweling, Michael.

Es stinkt sowieso streng nach Verrat, nach schlimmer Lüge und feigem Betrug. Denn Kevin-Prince (wer schon so heißt!) spielt in Südafrika für Ghana gegen die mittlerweile ballackfreie Deutschlandzone; und nicht wenige glauben, sein der Korruption doch sehr aufgeschlossenes Land habe ihn auf die unfreundliche Beseitigung des stärksten Mannes beim Gegner angesetzt. Da passte es ganz prima ins Fernsehbild, dass Herr Ballack dem guten Ghanaen vom FC Portsmouth kurz vor dem faulen Foul im Spiel um den englischen Pokal heftig eine gewischt haben soll. Oder dass er ihm vor vier Jahren angeblich so unter zwei kurzen Hosen auf dem Spielfeld geflüstert habe: „Halt die Klappe. Nur weil du gegen Frankfurt ein Tor geschossen hast, musst du nicht denken, dass du der Größte bist.“ Herr Ballack ist ja auch kein Kind von Traurigkeit.

Joachim Löw will keinen Streit. Auch nicht mit Jérôme Agyenim Boateng, der wo unglücklicherweise für Deutschland spielt und noch unglücklichererweise ein Halbbruder des postpubertären Wüstlings ist. Er wolle alle Kräfte bündeln, sagt Herr Löw, und es wird hartnäckig vermutet, dass Bankdrücker Miroslav Klose als Kapitän nachrückt, weil er die meisten Länderspiele auf seinen schmalen Schultern hat. Wahrscheinlich aber läuft es auf Philipp Lahm hinaus. Jetzt erst recht! 10:0 gegen Ghana! Wetten werden noch angenommen.

Vielleicht sollte man es einfach nur mit Harald Anton Schumacher halten. Damals sagte er nach seinem forschen Fehltritt, den manche für einen missglückten Mordversuch hielten: „Seither bemühe ich mich, bei jeder leichten Berührung, bei jedem Zusammenstoß, bei jedem Foul im Gegner zuerst den Menschen zu sehen.“ Geht doch, Toni.  




 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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