Stolz und Urteil

Menschen an der Bar (Teil 2)

Er wackelte auf seinem Hocker herum, bis selbst dem Blindesten klar war, dass er sich zum Angriff bereit machte. Nach zehn endlosen Sekunden gab er sich einen Ruck. „Du bist sicher Schauspielerin“, sagte er, „du siehst einfach super aus.“ Er lächelte mich an. Sein Gesicht war wie geschaffen für Prügeleien.

Ich hatte nicht das geringste Bedürfnis, mich von ihm anquatschen zu lassen. „Ich habe nichts mit Film zu tun“, sagte ich, „also zisch ab.“ Es gab keinen Grund, ihn anzulügen. Empört stemmte er seine winzigen Mäusefäuste in die Seiten. „Warum denn so unfreundlich?“, sagte er, „ich dachte, du und ich, wir könnten ein bisschen Spaß haben.“ Der ganze Kerl war ein Gefängnis für Spermien. Die armen Jungs hatten lebenslänglich bekommen. Um ein Haar hätte ich Mitleid mit ihm gehabt. Er schnaufte, schnappte sich sein Glas und setzte sich demonstrativ zwei Hocker weiter nach links.

Der Barkeeper lächelte mir zu und stellte mir einen frischen Drink hin.

Anderthalb Gläser später war ich voller Gin und Langeweile. Doch dann spürte ich, während ich in der Handtasche nach den passenden Geldscheinen wühlte, einen kalten Windzug am Rücken. Die Tür war aufgegangen. Im Türrahmen stand Titus. Und er sah nicht gerade wie jemand aus, der sich schuldig fühlt.

Titus lächelte, als würde ihm die Sonne aus dem Arsch scheinen. Ich kapiere diese Babe-sei-dankbar-dass-ich-mich-mit-dir-abgebe-Attitüde bei mittelmäßigen Männern nicht.

Er war gerade nach sechs Wochen aus L.A. zurückgekehrt. Die Zeit hatte offenbar gereicht, um ihm einen Rettungsring zu verpassen, der jedem Titanic-Passagier das Leben gerettet hätte. Und zuviel zu essen war nicht sein größter Fehler gewesen. Auf Titus’ Kinn hatten sich genügend Barthaare breitgemacht, um auf sein sowieso schon spitzes Gesicht einen noch fledermaushafteren Ausdruck zu zaubern. Er kaute hektisch und mit halb geöffnetem Mund auf einem Kaugummi. Das einzige, was sich in den letzten Wochen nicht verändert hatte, war sein Gang. Er ging immer noch leicht gebeugt, wie ein alternder Preisboxer, als wäre ihm seine Größe unangenehm.

Zum Glück hatte ich nicht vor, mit ihm zu schlafen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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