Der Berg groovt!

Oder ruft der Klippschliefer vom Kilimandscharo?

Meine  Frau und ich werden bald auf den Kilimandscharo gehen. Er weiß noch nichts davon; aber ich vermute, es ist ihm auch völlig egal. Meine Frau wurde fünfzig, was man ihr überhaupt nicht ansieht, ich habe ihr auf der Feier das Geschenk überreicht. Mit Trommelmusik und einem klebrigen Kuchen, auf dem ein Bild des Berges prangte. Die Begeisterung war groß, auch bei der Rede, weil ich Blödmann noch unbedingt darauf hinweisen musste, dass Frauen im Alter meiner sehr schlanken Gattin deutliche Nachteile bei der Fettverbrennung haben und sie wegen der drohenden Beckenbodenschwäche am besten nur ebenerdig schlafen sollten. Irgendwie kann ich es nicht lassen.

Erst lächelte meine Frau, dann zuckten ihre Brauen, was bei ihr immer ein sicheres Zeichen für einen beginnenden Gefühlsausbruch ist, gegen den ein Vulkan auf Island höchstens auf Sparflamme fährt, und dann: freute sie sich. Es war mein Glück. Weil ihr die heitere Betroffenheit der Gäste keine andere Möglichkeit ließ. Einige Frauen schauten trotzdem betreten auf den Teppich und diskutierten bereits die Kleiderfrage bei zwanzig Grad minus aus, während die Männer um mich herum plötzlich Bärte trugen und aussahen wie Reinhold Messner kurz vor der Entdeckung des Yeti. Kleiderfrage? Was soll´s. Du stinkst am zweiten Tag genauso wie am sechsten Tag.

Doch die Miene meiner Gemahlin verhieß nichts Gutes. Sie schwankte zwischen Ich-kann-ihn-ja-jetzt-nicht-vor-all-den-Leuten-zur-Schnecke-machen und verächtlichem Mitleid und wechselte in ein brutales Lächeln, das dieses wunderschöne Weib mir über zehn Meter Tisch herüberschickte. Es schien zu heißen: Warte, wenn du nach Hause kommst. Dabei hatte ich es doch nur gut gemeint, denn vor einigen Jahren hatte sie es mal als ihren Herzenswunsch bezeichnet, Afrika aufs Dach zu steigen. Schließlich ist sie Sportlehrerin und fit wie zwei Turnschuhe. Einmal auf den Kilimandscharo, sagte sie. Ich höre es noch wie damals, doch nach der Feier interpretierte sie es so: Ich habe ihr ihren Herzenswunsch geschenkt, damit ich mir meinen Herzenswunsch gleich mitschenken konnte. Ich fand das ziemlich gemein.

Dabei hatte ich vorher alles heimlich machen müssen. Führte gefühlte tausend Gespräche mit Reiseveranstaltern, traf mich konspirativ mit Menschen, die schon auf dem Berg gewesen waren. Lief meine Wanderschuhe ein, bis mir die Socken qualmten, ging stundenlang mit Skistöcken ohne Ski durch die Gegend. Ich glaube, es nennt sich Nordic Talking; weil mir dabei ständig plappernde Schwadronen weiblicher Heerscharen entgegenkamen, die sich ähnlich grotesk wie ich um ihre motorischen Grundeigenschaften kümmerten. Außerdem fragte ich Heike, Gabi, Christian und Klaus, ob sie mitkommen wollten, damit mich meine Frau nicht auf dem Gipfel aussetzen konnte. Sie! Wollten! Mit!

Plötzlich wurden Fragen wichtig, von denen wir vorher nicht mal wussten, dass es sie überhaupt gibt. Wieviel Miese schafft dein Schlafsack? Wo kriegen wir die beste Funktionsunterwäsche her? Wie lange halten die Lithiumbatterien der Stirnlampen, damit der schwarze Kontinent nachts nicht noch schwärzer werden würde; Steckdosen sind ja oben eher selten. Ich schlief mit Steigeisen und Eispickel, bis man mir sagte, dass der Kilimandscharo zwar 5895 Meter hoch, aber klettertechnisch so aufregend ist wie eine Rolltreppe im Seniorenheim. Das kam mir sehr gelegen, denn ich bin ein sauschlechter Bergsteiger, der schon vor Angst in seine langbehoste Wechselwäsche bläht, wenn er nur  freihändig über einen hohen Bordstein gehen muss. Na ja, nicht ganz.

Jedenfalls gebe ich ziemlich an, seit ich meine Frau auf den Kilimandscharo begleiten darf. Noch mehr als sonst. Überall, wo es nur geht, spreche ich vom Berg. Unserem Berg. Wisst ihr, wir gehen da hoch, ohne Sauerstoffgerät, mit drei paar Socken übereinander, und irgendwann hast du nur noch die Wahl zwischen Rotzen und Kotzen. Zwischen Schwindel und ...., äh, Schwindel, wenn du ein paar Meter unterschlägst. Am 9. August, morgens um acht, stehen wir im letzten Schnee des Kilimandscharo und werden uns keine nassen Füsse holen. Wir nicht! Handy zücken, die Welt informieren. So sieht´s aus. Oder zumindest meine Mama in Bottrop.

Erst neulich saß ich neben so einem Schaumschläger, der auf einer Party mit der Gabel im Schokoladentortesahnehaufen herumstocherte, der verdächtig dem Mount Everest ähnelte. Kilimandscharo? fragte er und gähnte. Schon mal was vom Hillary Step gehört? Da ist so als schwärmtest du vom Tiefseetauchen mit Stachelrochen und dann kommt einer, der so nebenbei erwähnt, er habe beim Schnorcheln einen weißen Hai harpuniert.

Dann rief ich Hilde an und sagte ihr, dass ich darüber schreiben wolle. Das hätte ich niemals tun dürfen. Eigentlich ist Hilde ganz nett, aber als sie hörte, ich sei Journalist mit Hang zur gnadenlosen Ausschlachtung nett gemeinter Geburtstagsgeschenke, ließ sie nicht mehr von mir ab. Nach einigen Wochen kannte ich ihre Lebensgeschichte. Dass sie seit 25 Jahren in Tansania lebt, welche Krankheit ihre Mutter in Deutschland hat und warum sie die Doktorarbeit in Biologie schmeißen musste. Sie duzte mich gleich und erzählte mir, wie sie regelmäßig Flugzeuge verpasst. Oder wie ihre alten Jeeps verrecken, wenn sie Urlauber durch die Steppe fahren will. Hildes Offenheit war keine gute Werbung für ihre Firma, die immerhin „Paradies Safaris“ heißt. Ich glaube, wenn Hemingway sie am Kilimandscharo träfe, würde er sich freiwillig ein zweites Mal den Lauf seines Gewehrs in den Mund stecken und hocherfreut abdrücken. Liebe Hilde, nur ein schlechter Scherz!

Sie schickte mir einunddreißig Seiten. Auf ihnen standen, was wir alles auf keinen Fall verpassen dürften. Das Impatiens Kilimanjari,  die Colobusaffen, das Hartlaubs Turako, den Mti Mkubwa, die Klippschliefer, den Erica arborea, die Riesen-Senecien, das Lavatowermassiv, die Barranco-Wand, die Penck Hängegletscher, die Striemengrasmaus, die Fumarolen, die Lobelia deckenii, den John Sell Point, die Klute und den East Shira Hill. Um nur einige wenige Dinge zu nennen. Ihr letzter Satz war: Nach dem Duschen werdet ihr vor Kraft strotzen. Ach so, den Gipfel hat die wilde Hilde auch kurz erwähnt.

Wir buchten in Freiburg. Bei Elefant Tours. Meine Freunde. Und ich. Und ich für meine Frau. Sie hatte schließlich Geburtstag.







 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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