Wie blöd ist das denn?
Das Leben des Brian, eine Frage der Ähre
Ich muss Ihnen jetzt eine Geschichte erzählen, die glauben Sie nicht. Die werden Sie gar nicht glauben können. Sie passierte vor ein paar Tagen in Amerika und sie klingt fast so, als wäre der Sport vielleicht noch zu retten; obwohl die alle dopen und alle bestechen und alle lügen und alle betrügen und Radrennfahrer nicht nur die Kette schmieren. Aber Brian Davis wäscht sie gerade rein. Sein Name strahlt ganz hell im Netz, er wird huldvoll gehaucht und die Stimmen zittern bei der bloßen Erwähnung seines wunderbaren Edelmutes. Was für ein Anstand! raunen die einen, nur charakterschwache Menschen wie ich, dem Häme mehr liegt als gemeine Lobhudelei, würde ihm gern ein freundliches „Trottel!“ hinterhernuscheln.
Jetzt schon schlecht machen? Bevor die Geschichte eigentlich los geht? Zu meiner Entschuldigung für diesen Defätismus möge der Umstand gelten, dass ich in meinem Berufsleben schon über so manche medikamentöse Hinterlassenschaft eines Spritzensportlers gestolpert bin und vor vielen Jahren eigentlich so weit war, meinen Job an den Fingernagel zu hängen; als ich erfuhr, warum den vielen schwarzen Sprinterinnen so fürchterlich krumme Dinger aus der Epidermis wuchsen. Keine Pornoschippen, wie diese aufgesetzten Teile in der weiblichen Berufschulszene heißen, sondern Fingernägel, die deutlich länger als zehn Zentimeter waren.
Damals fragte ich mich, wie man damit überhaupt laufen könne, und bekam die Antwort, dass dies gar nicht die Frage sei. Die Wahrheit nämlich war auf dem Klo: Dort saßen die Kratzbürsten nach ihren Siegen auf der Schüssel und mussten unter strenger Beobachtung der Dopingfahnder gefälligst ins Töpfchen harnen. Manche von ihnen bedienten sich dabei eines einfachen, aber sehr durchtriebenen Tricks, um ihre Blutwerte vom jeglichem Verdacht zu befreien. Sie steckten sich vorher ein Plastiksäckchen mit sauberem Fremdurin in die Scheide und ritzten es beim Pullern mit ihren langen Nägeln auf, damit alles unbemerkt ins Röhrchen fließen konnte. Als ich davon hörte, wollte ich nicht mal mehr mit meinen Kindern Schwimmen gehen. Ich brauchte lange, um mich wieder mit dem Sport zu versöhnen.
Und jetzt so etwas. Jetzt auch noch einer wie Brian Davis. Eigentlich müsste man ja froh darüber sein, dass es soviel dämliche Haltung wie bei ihm gibt. Wo es doch um soviel Geld geht. Liegt es an seinem Sport? Liegt es am Golf? Wir sprachen hier an dieser Stelle ja bereits darüber. Dass Golf nur Bücken und frische Luft sei, für festgeldgenährte Tattergreise, die wegen ihrer fortschreitenden Beckenbodenschwäche hinter jeder Ecke abschlagen müssen. Ein Spaziergang mit Hindernissen und so weiter, das müssen wir nicht noch mal vertiefen. Deshalb an dieser Stelle nun endlich die lang angekündigte Geschichte; manche müssen eben sehr weit (2889 Anschläge!) ausholen, um endlich auf den Punkt zu kommen.
Es ist der letzte Tag beim Turnier in Hilton Head Island, es sieht gut aus im Leben des Brian. Er führt, der Sieg ist zum Greifen nahe, doch der Ball ist bei der Annäherung ans Grün in ein paar spärliche Gräser gesprungen; nicht zu weit, um ihn schwungvoll bis zur Fahne zu chippen, wie wir Golfer sagen. Brian probiert es. Er holt aus, trifft den Ball, guckt nach vorn, dann nach unten, dann nach vorn, dann nach unten und ruft den Schiedsrichter zu sich heran. Sie reden lange miteinander. Sie reden sehr lange miteinander. Danach lassen sie sich die Fernsehbilder seines letzten Schlages zeigen. Da! Brians Schläger hat einen einsamen Grashalm berührt, der blöd in der Gegend herumstand. Die schreckliche Gewissheit, die Brian längst ahnte: Der Grashalm hat sich ein paar Nanometerchen bewegt, er hat es genau gesehen und sich daraufhin selbst angezeigt. Seine Ehrlichkeit kostete ihm den Sieg und, ach so, die Kleinigkeit von vierhunderttausend Dollar. Ich fühle mich gut, soll Mister Davis gesagt haben.
Schließlich ist da ja auch die Regel 13.4 (c) der internationalen Golfverordnung, mit welcher wirklich nicht zu spaßen ist. Kein Niederdrücken von Gras, bloß nichts verbiegen, um den Schwungraum zu verbessern. Sonst kann man den Schlag gleich knicken. Nur zwei Ordnungswidrigkeiten sind ähnlich dramatisch zu bewerten. Regel 23, lose Naturstoffe: Erleichterung durch Weglegen von Blättern, Steinen, Zweigen, Ästen, Kot, Würmern, Insekten und ihren Haufen. Oder Regel 24, unbewegliches Hemmnis: Erleichterung durch Droppen bei Behinderung von Stand und Schwung, zum Beispiel bei Entfernungsposten, Sprengwasserauslässen und Wegen mit künstlichen Oberflächen. Bei Brian Davis soll in den Gräsern sogar wildes Getreide gewesen sein, was der Witzbold irgendeines Wald-und-Wiesen-Blattes mit der ziemlich platten Überschrift „Eine Frage der Ähre“ kommentierte.
Ich wusste, ich hab`s getan! Das ist eine Ausage, wie in Stein gemeißelt; oder besser: wie in den Rasen gemäht. Und Brian ist mein neuer Held. Brian lässt mich wieder hoffen. Brian ist ein Vorbild. Brian hat kurze Fingernägel, aber keinen kurzen Verstand. Ich finde, sein erhabener Freimut würde auch anderen Sportlern gut zu Gesicht stehen. Wenn Formel-1-Piloten noch kurz vor dem Start mit ihren Ohren wackeln. Wenn Boxer die Nase hochziehen, bevor sie dem Gegner auf die selbige dreschen. Wenn ein Staubkorn beim Aufschlag auf den Kopf des Tennisspielers fällt.
Bevor es nun zu blöd wird, höre ich besser auf. Nur einmal noch senke ich mein schütteres Haupt vor Brian, zumal ein Kollege von ihm noch solch nichtsnutzige Sätze sagt: „Man könnte ihn auch genauso dafür loben, keine Bank ausgeraubt zu haben.“ Ihm wünsche ich zehn Dopingfahnder aufs Klo.



