Der Gentleman

Regeln einer Ausstellung

„Darf ich Ihnen Feuer geben?“ Mit einer flüchtigen Handbewegung schnippte er den Deckel auf.  Ich beugte mich vor. „Natürlich.“ Der Qualm der Zigarette stieg mir in die Augen, ich klimperte kurz mit den Wimpern, als wollte ich ihn zu irgend etwas auffordern. Wir waren beinahe alleine im Raum, nur meine Freundin Mimi, der Herr und ich.

Aus dem Flur drang das Murmeln der anderen Vernissagegäste wie Fliegengeschwirr. Er war hereingeschlendert gekommen und sah sich um, bis sein Blick von der kahlen Wand abrutschte und auf uns und dem roten Sofa hängenblieb. Er trug einen Maßanzug und teure Schuhe, und soweit ich sehen konnte, ging er regelmäßig zur Maniküre. Ein schöner Mann.

„Ich möchte nicht stören“, sagte er. „Sie stören nicht“, sagte ich. Wir schwiegen eine Weile. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ , fragte er schließlich.  Mimi und ich wechselten einen Blick. „Sicher. Wenn Sie unsere Regeln akzeptieren.“ – „Welche Regeln sind das?“ Ich erklärte es ihm. Das Spiel stammte aus der alten Zeit, bevor Mimi ein Kind hatte und bevor ich auch nur im Traum daran gedacht hätte, mal eine feste Beziehung zu führen. Immer abwechselnd darf jeder einen Wunsch aussprechen, der ausgeführt werden muss. Er knöpfte sein Jackett auf, um sich zu setzen. „Einverstanden. Sie beginnen.“

Ich legte die Zigarette in den Aschenbecher. „Ich möchte, dass Sie ganz langsam Ihre Hose öffnen.“ Der Reißverschluss machte ein leises, singendes Geräusch, als er ihn nach unten schob. Er räusperte sich, bevor er sprach. „Streifen Sie Ihr Top herunter, bis ich Ihre Brust sehen kann.“ Sein Ton war herrisch, das gefiel mir. Er schien ein Mann zu sein, der keinen Zweifel kannte.

Während ich den Befehl ausführte, lehnte er sich auf dem Sessel zurück wie ein Kinobesucher nachdem das Licht ausgegangen ist. Mimi war dran. „Ich wünsche mir, dass Sie sich selbst berühren.“ Mimi spricht sonst nichts so gestelzt. Vielleicht war sein elegantes Auftreten Schuld. Die Berührung war kaum nötig. Er war auf beträchtliche Weise angeschwollen. Es ging so schnell wie bei einem nervösen Teenager.

„Verzeihung“, sagte er, als er fertig war, und verbeugte sich leicht. „Meine Damen.“ Dann stand er auf und schlenderte davon. „So ein höflicher Mann“, sagte Mimi. „Ein echter Gentleman“, nickte ich und zündete an der Glut eine neue Zigarette an. „Kauft ihr nun eigentlich dieses Bild von Neo Rauch oder nicht?“


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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