Soylent Thuna

Ein nur etwas zu früher Nachruf für einen Fisch

Frische tote Thunas auf den Malediven (Foto: Marc Bielefeld)

Er war ein guter Fisch. Silbrig durchschnitt er die Meere, schwamm nahe der Riffe durchs Wasser, traute sich aber auch ins offene Blau hinaus, da wo die ganz Großen jagen. Manchmal durchmaß er ganze Ozeane. Seine sichelförmige Schwanzflosse und sein muskulöser Leib trieben ihn voran, wenn er wollte, mit über siebzig Kilometern pro Stunde.

Der Thun war ein geselliger Fisch, sozial begabt, tödlich, aber ehrlich. Er fraß nie mehr, als sein Hunger ihm gebot. Die Bilanz stimmte. Jagen. Fressen. Ich habe ihn oft beim Tauchen gesehen. Im Mittelmeer. Im Roten Meer. Vor den Malediven. Er war ein stolzer Fisch.

Sein Problem bestand darin, dass er aus rotem festem Fleisch geschnitzt war, das ein wenig an Rinderfilet erinnerte, gut schmeckte und sich zu allerlei verarbeiten ließ. Es gab ihn in Saucen, als Carpaccio, als Steak. Es gab ihn in Salaten und mit Kapern, zart mit Zitrone betröpfelt, dann schmeckte er verteufelt gut. Und schließlich gab es ihn millionenfach in Dosen, kleinen runden, handlichen Dosen, in Öl oder in Wasser. Derart lag er in den Supermarktregalen der Welt. Man bekam ihn teils noch im hintersten Afrika, wenn das Maniok schon verfault war. War immer Verlass auf den Thunfisch.

Und dann zerschnitt man ihn noch für ein besonderes Mahl. Fortan gab es ihn roh und in Massen, das Sushi schwappte als Trend um die Welt. Nigiri, Sashimi, ohne Thunfisch nur die Hälfte des Genusses. Wie wir es liebten.

Der Thunfisch war ein guter Fisch. Ja, war.

Ende 2009 schrieb „Welt online“: „Der Thunfisch ist im Mittelmeer bald ausgerottet. Dort droht der totale Zusammenbruch der Bestände des Blauflossen-Thunfischs. Nach einer neuen Analyse der Population und der Zahl fortpflanzungsfähiger Tiere soll er bereits in drei Jahren ausgestorben sein.“

Auch der „Kölner Stadtanzeiger“ meldete schon: „Dem Thunfisch droht laut Umweltexperten wegen exzessiver Ausbeutung und illegaler Fänge das Aus. Der Bestand des Roten Tunfischs im Indischen Ozean sei laut WWF bereits um 90 Prozent geschrumpft.“

Adieu, mein lieber Thun. Es ist Zeit, zu gehen. Ich mochte dich. Und auch ich aß dich in Mengen. Ebenfalls roh, sehr gerne sogar roh, frisch und in Sojasauce getränkt. Zu dir rann mir der Sake immer am besten über die Kehle. Ich werde dich vermissen.

Es wird kein Grab für dich geben.

Die Trauer wird anders ausfallen. Sie wird wie ein langsam empor kriechender Schrecken sein, ein stilles Grauen, wenn du und deine anderen Fischgenossen endgültig aus den Meeren verschwunden sein werdet. Wir hatten zuviel Hunger. Wir werden jetzt bald Soylent Green essen. Thuna-Tabletten mit Sake.

Sollen wir die Zahlen ernst nehmen? Ich traue eh keinen Statistiken. Die sehen mal so aus, mal so. Wie es den Statistikern gerade gefällt. Den Zeitungen traue ich schon lange nicht mehr. Die SZ schreibt, was die Welt schreibt. Die Welt schreibt, was die Faz schreibt. Die Faz schreibt, was eine andere schreibt, und die schreibt, was alle anderen auch schreiben. Zeitung machen bedeutet heute weitgehend die Arbeit von Kopisten zu erledigen. Die Vorlagen sind das Internet und die paar rasenden Tickerdienste, die die Welt beschreiben und beherrschen.

Das Gedruckte hat seine Tücken. Es ist nur Druckerschwärze. Zeilen, Wörter, Bleiwüsten. Gedrucktes geht nicht unter die Haut. Man liest es, man vergisst es. So geht das in der Regel.

Die Nächte mit den Fischern aber werde ich nicht vergessen. Diese Nächte gingen unter die Haut. Sie gingen mir jedenfalls anständig genug unter die Haut, so dass mir mulmig wurde.

Wir waren nachts rausgefahren, vom Süden Sri Lankas aus auf den Indischen Ozean. Wir saßen in einem winzigen Fischerboot und dümpelten zehn Meilen weit draußen auf dem Meer. Die drei Fischer ließen per Hand ein Netz ins Wasser, so wie sie es schon immer machten. Das Netz war einen Kilometer lang und reichte acht Meter tief ins Meer. Das Netz ins Wasser zu lassen dauerte anderthalb Stunden. Um es wieder aus dem Meer hinaus zu ziehen, mussten die ledrigen Fischerhände zwei Stunden an dem Netz zerren. Knochenarbeit.

In diesem gigantischen Netz, das sich einen Kilometer weit durchs Meer zog, steckten am Ende dieser langen Nacht vier kleine Gelbflossenthunfische. Vier Krümel in dem tausend Meter langen Netz. Der Ozean unter unserem Boot hob sich leicht und senkte sich wieder. Das Meer unter uns schien leer zu sein. Eine Wüste. Das gähnend leere Netz, das die Fischer aus dem Meer zogen, Meter für Meter, sagte mehr als tausend Statistiken und tausend Zeitungsmeldungen. Das Netz war das Ende der Fische.

Auf den Malediven das gleiche Bild. Unten im Addoo Atoll, noch südlich des Äquators, sah ich, wie die großen Fischerboote nach zwei, drei Tagen auf See wieder reinkamen. Boote, die für zwei, drei Tonnen Fisch ausgelegt waren, vorwiegend Thun. Die Fischer mit ihren dünnen Beinen hockten mit hohlen Augen über den Ladeluken dieser Fangboote und zogen gerade mal zehn, zwanzig Thunfische aus dem großen Bootsbauch. Sie klatschten die toten Fische in die Styroporkisten. Dann hingen sie am Steg rum und rauchten. Ein einziger Mann reichte, um den letzten Fang zu filetieren.

 „The tuna is gone, man“, sagt einer. „The tuna is now gone for good.“

Die Sonne stand senkrecht und heiß, die Palmen bogen sich und warfen kurze Schatten. Die Tropen, eigentlich alles beim Alten. Es ist jetzt schon sieben Wochen her.

Vor zwei Tagen war ich im Supermarkt, Deutschland, gleich bei mir um die Ecke. Stand zögernd vor dem Regal, vor den Dosen mit Thunfisch. Vor sechs Tagen war ich Sushi essen. Sashimi, Nigiri. Es war lecker, es war so lecker wie immer. Ich weiß nicht, woher sie dich noch nehmen. Den letzten Rest von dir, der noch schwimmt. Wahrscheinlich, wir wissen es nur noch nicht, bist du längst ein Antibiotikalappen. Oder schon Soylent Green. Soylent Thuna.

Ich werde dich vermissen, mein lieber Thun. Ich bin nicht genug, um es zu stoppen. Ich bin nur ein Mensch. Das Naturgesetz Nummer eins. Alles was wir lieben, muss getötet werden. Stolz und in militärischem Kittel schreite ich voran. Nach mir – die Sintflut.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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