Die Wahrheit der großen Zahl

Wann können wir Bildern aus Unruheregionen glauben?

Von Susanne Fischer

Copyright: Syrian Jasmine

Es geht nicht nur um politische Freiheiten, es geht um das nackte Überleben: "Hungrig" - dieses Wort steht dem kleinen Jungen aus Deraa auf die Stirn geschrieben (Foto: Syrian Jasmine)

Die Fahrt von Beirut nach Damaskus dauert, je nach Verkehr an der Grenze, etwa zweieinhalb Stunden. Ungefähr so lange also wie von Hamburg nach Berlin. Zwei Jahre lang bin ich die Strecke jeden Monat mindestens einmal, meist häufiger gefahren. Manchmal fuhr ich in aller Früh morgens in Beirut los und war abends wieder hier, manchmal blieb ich auch ein, zwei Wochen in Damaskus.

Doch seit Ausbruch der Unruhen in Syrien ist die Grenze für ausländische Journalisten praktisch dicht. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – Anthony Shadid von der „New York Times“ durfte kürzlich für ein Interview mit dem Business-Tycoon Rami Makhlouf, einem Cousin des Präsidenten, für ein paar Stunden nach Damaskus – sind internationale Berichterstatter unerwünscht. Und doch sehen wir Tag für Tag Bilder aus Syrien im Fernsehen, oft ein wenig verwackelt, unscharf, aus der Hüfte gefilmt, aber doch ausreichend, um sich ein Bild zu machen, von dem, was im Land passiert. Oder?




Praktisch jeder Fernsehsender, der das Filmmaterial von YouTube und die Fotos von Facebook für die eigene Berichterstattung aus Syrien verwendet, fügt den Standardsatz „Die Authentizität der Bilder konnte nicht unabhängig verifiziert werden“ hinzu. Sind die Bilder der anrückenden Panzer tatsächlich rund um Deraa aufgenommen? Protestieren diese Frauen tatsächlich auf einer Landstraße bei Banyas? Wurde der tote Soldat aus diesem Video wirklich von Kameraden erschossen, weil er sich weigerte, auf Demonstranten zu schießen?

Die Quellenlage ist denkbar kompliziert. Und wird zusätzlich erschwert durch die Gegenpropaganda des syrischen Regimes, das seinerseits im Staatsfernsehen Gefangene vorführt, die live „gestehen“, Terroristen zu sein und vom Ausland dafür bezahlt zu werden, Unruhe in Syrien zu schüren. Oder reihenweise Interviews und Umfragen mit „normalen“ Bürgern sendet, die Präsident Assad preisen, die Demonstrationen verurteilen und ihre Unterstützung für das Regime bekunden.

Ich habe keinen Zweifel, dass es Menschen in Syrien gibt, die so denken. Aber wie viele sind es? Und wie tief geht ihre Überzeugung? Was würden sie sagen jenseits der Kameras des Staatsfernsehens, fern ab der wachsamen Augen und Ohren des Geheimdienstes?




Mein Problem ist: Ich kenne sie nicht, die Menschen, die vorbehaltlos zu Assad stehen. Ich bin ihnen in Syrien nie begegnet. Sehr wohl dagegen habe ich Menschen getroffen, die moderat über den Präsidenten dachten („sicher nicht alles gut, aber wenigstens stabil, und wenn er könnte, würde er sicher mehr Reformen durchsetzen, aber da sind so viele alte Kräfte...“). Und sehr viele, die das Regime komplett ablehnten. Die Jahre oder Jahrzehnte im Gefängnis gesessen haben oder deren Vater oder Mutter oder beide als politische Gefangene mehr Zeit hinter Gittern als in Freiheit verbrachten. Menschen, die sich nichts anderes wünschten, als offen ihre Meinung sagen zu dürfen, die nicht der Willkür eines allmächtigen Geheimdienstapparats ausgesetzt sein wollten und nicht bei jedem Kontakt mit Ausländern fürchten wollten, als Agent oder Spion gebrandmarkt zu werden. 

Viele dieser Menschen, die ich seit Jahren kenne, sind jetzt aktiv daran beteiligt, Bilder und Videos aus Syrien herauszuschmuggeln und detaillierte Informationen über Demonstrationen, Militäraktionen und Tote an die internationalen Medien und Menschenrechtsorganisationen weiterzugeben. Sie tun dies unter hohem Risiko, leben versteckt oder auf der Flucht, einige mussten das Land verlassen, andere wurden verhaftet. Natürlich haben sie eine Agenda, dennoch habe ich keine Zweifel an den Fakten, die sie mir übermitteln.




Unter rein journalistischen Aspekten verletzt es sicher das Neutralitätsgebot, sich fast ausschließlich auf eine Seite des Konflikts als Quelle zu verlassen.

Doch ist es wirklich nur noch „die eine Seite“ der Geschichte, wenn in Zeiten von Facebook und Twitter Hunderte, ja Tausende von Syrern ihre Bilder, ihre Eindrücke in die Welt schicken? Sorgt die schiere Menge von Fotos und Videoaufnahmen, die im Netz zirkulieren, nicht für einen gewissen Schutz vor Fälschung? Wenn ich ein Video sehe von einer Demonstration im Dorf X, in dem bewaffnete Sicherheitskräfte auf unbewaffnete Demonstranten schießen, kann ich noch fragen: Ist das echt?

Was aber, wenn ich zwanzig, fünfzig, hundert Videos sehe, die das gleiche Geschehen zeigen, aber aus verschiedenen Perspektiven?

Natürlich ist Masse allein keine Garantie für Richtigkeit. Doch wohnen dem Netz und vor allem den sozialen Netzwerkseiten bei aller Unkontrollierbarkeit eine gewisse Selbstkontrolle inne. Je mehr Menschen ein bestimmtes Video sehen, das zum Beispiel über Facebook oder Twitter verlinkt wird, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fälschung auch als solche entlarvt wird. So wie unlängst geschehen bei einem Video, das angeblich Hisbollah-Milizionäre zeigte, die recht brutal syrische Demonstranten festgenommen und einem Kleinbus fortgeschafft haben sollen. Das Video kursierte im Netz, von den meisten, die es verlinkten, mit einem vorsichtigen Fragezeichen versehen, bis schließlich ein User feststellte, dass er dieses Video bereits 2008 gesehen hatte, es also mit den aktuellen Unruhen nichts zu tun haben kann.




Bei Twitter hat die Netzgemeinde längst rund ein halbes Dutzend Berichterstatter mit dem Gütesiegel „glaubwürdig“ ausgezeichnet, deren Gefolgschaft durch ständige Weiterverlinkung wächst und denen viele andere Twitter-User zuarbeiten. So wird aus den anfänglichen Anstrengungen einiger weniger mit der Zeit eine regelrechte Informationslawine. Zugleich arbeiten Gruppen syrischer Aktivisten hart daran, Strukturen zu schaffen, die ihnen eine effiziente  und professionelle Pressearbeit ermöglicht.

Solange das syrische Regime darauf beharrt, die Grenzen für ausländische Journalisten dicht zu halten, werden sie meine Hauptquelle bleiben. Einseitigkeit hin oder her: Das syrische Staatsfernsehen schlagen sie in Sachen Glaubwürdigkeit um Lichtjahre.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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