E-Book und Aha-Erlebnis

Beate Kuckertz im Interview

Von Veronika Straass

Copyright: Rob Kleine

(Foto: Rob Kleine)

Bücherprofi Beate Kuckertz wechselte von den Papiergebirgen der Buchlandschaften zu den Hügeln der e-book-Szene. Ihr dotbooks will 2013 weit voran. Wie sieht das Neuland aus? Was liegt schon in Sichtweite, was jenseits des Horizonts?

MAGDA: Sie kommten ja aus der klassischen Papier-Buchbranche...

Kuckertz: Ja, ich habe als Lektorin im Heyne-Sachbuch-Lekorat angefangen, wurde dort Cheflektorin für diesen Bereich, wechselte 1998 als Cheflektorin fürs gesamte Taschenbuchprogramm zu Droemer Knaur. Dort habe ich 2003 die Verlagsleitung für das gesamte Programm übernommen.

MAGDA: Das hört sich nach erklecklicher Karrierehöhe an ... was hat Sie denn veranlasst, ins e-book-Fach zu wechseln.

Kuckertz: Ich habe immer gern Taschenbuchprogramm, besonders populäre Buchprogramme für eine breite Leserschaft entworfen und verantwortet, und ich bin der festen Überzeugung, dass das eBook als preiswerte Leseform das Taschenbuch sehr bald komplett ablösen wird.

MAGDA: Ablösen?

Kuckertz: Ja. Und da man von Papier auf „e“ nicht 1:1 übertragen kann, sondern es in diesem neuen Segment noch eine Menge für Autoren und Verlage zu lernen gibt, wollte ich von Anfang an dabei sein.

MAGDA: Gibt es substanzielle Unterschiede, außer dass für traditionelle Bücher Bäume gefällt werden und für eBooks nicht?

Kuckertz: Zunächst einmal braucht es hier wie dort gute Bücher. Das setzt gute Autoren, spannende Geschichten und ein sorgfältiges Lektorat voraus. Der wesentliche Unterschied ist aber der, dass der Kunde für den Verlag nicht mehr der Buchhändlerist – sozusagen als zwischengeschalteter Kunde -,  sondern der Leser direkt. Das erfordert ein anderes Programm-Management, ein anderes Marketing und eine andere Ansprache.

MAGDA: Man hört so auffällig Unterschiedliches: Zum einen heißt es, der Markt wachse rascht und dem eBook gehöre die Zukunft. Dann hört man wieder, es gebe noch massive Berührungsängste und entsprechende Schwierigkeiten, das eBook zu etablieren und alles sei sehr viel zäher als erwartet.

Kuckertz: Wer einmal ein Buch auf einem guten eReader gelesen hat, der ist schnell überzeugt: Das digitale Lesen mag zwar unsinnlicher sein als das Lesen auf Papier, aber es ist augenschonender, ein Reader ist handlicher und leichter als ein Buch und passt einfacher in die Tasche. Ich kann bis zu 100 Titel auf meinen Reader laden und habe dadruch immer eine große Auswahl. Und ich habes sie dabei! Wenn mich also in der U-Bahn die Lust auf Lyrik, auf Biographien  oder Horrorgeschichten überkommt, dann kann ich ihr nachgeben - vorausgesetzt, ich habe vorher das ganze Spektrum auf den Reader geladen.

MAGDA: Muss man eBooks anders bewerben als die traditionellen?

Kuckertz: Man muss  sehr stark auf die Buchcommunity im Netz eingehen, muss die Lesezirkel und Blogger kennen, dort findet Mund-Propaganda statt, dort wird das Buch zum Bestseller gemacht - und nicht mehr - wie bisher - durch eine Besprechung in der Printpresse.

MAGDA: Apropos Besprechungen: Stimmt es eigentlich, dass das klassische Feuilleton und die schreibende Zunft, die rezensiert, eBooks noch weitgehend ignorieren?

Kuckertz: Ja, das ist leider noch so. Und ich kann es nicht verstehen, warum, das immer noch so ist. Einerseits haben alle großen Zeitungen und Zeitschriften online-Redaktionen, die auch vom Publikum begeistert angenommen werden, der eBook-Markt wächst rasant. Bei einigen Plattformen macht das eBook schon 15% vom gesamten Buchumsatz aus. Aber die Journalisten ignorieren uns leider noch… hier vertraue ich auf die Zeit und darauf, dass die Redaktionen ihren Journalisten vielleicht sehr bald Tabletts oder eReader als Arbeitsmaterial zur Verfügung stellen und damit der Zugang zum eBook für die Journalisten leichter wird.

MAGDA: Wenn Sie Bücher ins Programm aufnehmen, gibt es da andere Kriterien als die, die Sie früher angewendet haben?

Kuckertz: In dieser Hinsicht hat sich für mich nichts geändert: dotbooks nimmt nur die Manuskripte an, die gut geschrieben sind, die fesseln und die meinen Mitarbeitern und mir auch wirklich gefallen. Da gibt es keine Ausnahmen.

MAGDA: Ich habe auch schon das Argument gehört, eBooks seien "Preis-Dumping zu Lasten der Autoren".

Kuckertz: Das sehe ich nicht so, denn der Honoraranteil, der bei den Autoren verbleibt, ist bei eBook deutlich höher als beim gedruckten Buch. Somit kann auch der Ladenpreis durchaus niedriger sein ohne dass der Autor unweigerlich weniger verdient. Zudem kann man bei eBooks ein anderes Käuferverhalten beobachten: es gibt nicht mehr - wie bisher - eine strenge Trennung zwischen Front- und Backlist - die Bücher bleiben länger am Markt und damit im Bewusstsein der Leser als die gedruckten Titel, die oftmals schon nach sechs Wochen vom Handel remittiert werden.

MAGDA: Glauben Sie, dass sich so etwas wie eine alterssortierte Grenze ergibt? Die Generationen, die PC-affin aufgewachsen sind, werden recht bald en masse zum eBook schwenken, die etwas älteren werden beim Papier bleiben.

Kuckertz: Nein, das stimmt so nicht. Untersuchungen zeigen allerdings, dass Frauen lieber zum eReader greifen und Männer das Tablett bevorzugen, aber ingesamt gibt es keine Altersgrenzen. Im Gegenteil: Gerade ältere Menschen schätzen beim digitalen Lesen die Möglichkeit, die Schrift je nach Lichtsituation größer oder kleiner stellen zu können. Und man darf nicht vergessen, dass es immer einfacher wird, die Geräte zu bedienen; dazu braucht es kein spezifisches Wissen, man kann sie intuitiv bedienen.

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