Es war einmal - jetzt digital

Ein Besuch in der Videothek der Erinnerung

Im Mai 2008, neben einer Boccia-Bahn, war es: Da hatte es „Klick“ gemacht. Klick im Kopf von Luca, der damals 34 Jahre alt war. Es war nicht so sehr das Spiel der alten Männer seiner Heimatstadt Turin, das ihn faszinierte, es war etwas anderes. Denn das Spiel kannte er ja von Kindesbeinen an, da gab es nichts Besonderes zu bemerken. Es waren die Geschichten, die ganz nebenbei - sozusagen im lässigen Wurf und kleinen Bögen – angeflogen kamen. Geschichten und Geschichte, die verloren sein würden, spätestens mit dem Ableben dieser Männer, von denen einige sich schon nach jedem Wurf setzen mussten. Die farse – die Tradition, Geschichte und Geschichten fortzuspinnen - war im Begriff zu erlöschen. Das wurde Luca in diesem Moment klar.

Er sprach mit Jugendfreund Franco über den absehbaren Verlust; Franco war im nahegelegenen Alba aufgewachsen, hatte ähnliche Beobachtungen gemacht, und beide bestätigten sich gegenseitig: Diese Welt, die wohl nur noch in den Erzählungen der Alten aufschimmerte, würde rückstandslos verlöschen, sofern nicht...

So entstand die Idee, eine „Banca della memoria“, ein Bank der Erinnerungen, zu begründen; bestehend aus kurzen Video-Takes von alten (anfangs wandte man sich ausschließlich an „die alten Alten“, später senkte man die untere Altersgrenze von 75 auf 60) Menschen, die etwas zu erzählen hatten. Egal was, ob nun über antifaschistische Partisaneneinsätze in den Abruzzen oder fast verschollene Weihnachtskuchenrezepte aus der Lombardei.

Die Gruppe um Luca, entwickelte schnell einen Stil des minimalen Eingriffs: Man ließ die Probanden erzählen, griff nur ein, wenn der Erzählfluss ins Stocken geriet oder sich Menschen bei der Erinnerungsarbeit verhoben.

Die Idee verbreitete sich schnell grenzübergreifend unter dem Namen Memoro (Esperanto für: Ich erinnere mich) und wächst heute in 14 Länder (http://www.memoro.org; www.memoro.org/infographic.html ) Am besten läuft es in Italien, Spanien, Deutschland, Japan, Kamerun und in den USA.

In Deutschland wurde der IT-Spezialist Niko Schulz, 54, Säule und treibende Kraft des digitalen Erinnerungswerkes. Schulz, polyglotter Spross einer Diplomatenfamilie – sechs Jahre Kairo, zwei Jahre Moskau und neun Jahre in Paris – hat seit November 2008 um die 180 Interviews geführt, aus denen 660 Einzelclips wurden; aus dem Erzählfluss – mal kaskadenartig mal zäh träufelnd – werden jeweils bis zu maximal 7 Minuten lange, thematische Bröckchen geformt. Das ist aber, laut Schulz, schon der einzige regie-artige Eingriff; ansonsten sagen die Zeugen, was sie bezeugen können und wollen.

Alte Männer erzählen, wie sie im April 1945 noch zum „Volkssturm“ der Nazis ausrücken mussten alte Damen von den Schwarzmarkt-Schlichen im Winter 1946/47. Eine gelernte Pharmazeutisch-Technische Angestellte, Jahrgang 1948, berichtet, wie sie Anfang der Siebziger in Hamburg aufbrach, um für zehn Jahre tief in Korsikas Innenwelten einzutauchen. Ein Journalist erinnert sich an die Stunden vor und nach Benno Ohnesorgs Erschießung im Sommer 1967.

Alle Clips werden nach Kategorien einsortiert und verschlagwortet. Übrigens: Jeder darf/kann mitmachen und eigene Clips erstellen, die nach inhaltlicher Prüfung freigeschaltet werden. Prüfung … ? Elogen auf Nazi-Größen – zum Bespiel - oder rassistische Einlassungen fliegen raus, aber „wir sortieren in voller Absicht nicht nach wichtig oder unwichtig, nur so kommen lebendige Zeitzeugenberichte zustande“, sagt Niko Schulz, der eher durch freundliche Zuwendung und aufmunterndes Zuhören „lenkt“ als durch talkmasterliche Einrede.

In Schulzens kleiner Münchner Wohnung an der Dachauer Straße wohnt Buddha, verkörperlicht in kleinen Statuen. In den Regalen stehen, Rücken an Rücken, Bücher über fernöstliche Weisheit und Lebensart. Und einatmend spürt man noch Duftspuren der Art, wie sie einen in den Wohngemeinschaften der Siebziger häufig mal anwehte. Nichts desto trotz: Schulz hindern seine gelegentlichen meditativen Innenweltbetrachtungen nicht daran, seinen Welthunger auszuleben. Meist mit einer kleinen, aufs Stativ gesetzten Sony-Kamera, die vom Sozialreferat der Stadt München gesponsert wurde.

Die inzwischen international auf rund 10.000 Clips (davon allein 7500 in Italien) angewachsene Zahl der Beiträge bildet eine gewachsene Bibliothek der Erinnerungen.

Memoro „finanziert“ sich entweder durch idealistische Mitarbeiter wie Schulz, gelegentlich aber auch durch befristete Aufträge. So ließ sich die Weltfirma Enel, lange der Staatsmonopolist für Italiens Energieversorgung, zum Beispiel von den Memoro-Leuten eine Erinnerungs-Datei (http://www.ceraunvolt.it) anlegen. Ein weiteres Projekt sponsorte die Stadt Venedig: http://www.memoro.org/it/canalidimemoria/ In Deutschland nimmt Memoro an einem EU-Projekt teil, eine zweijährige Lernpartnerschaft nach Grundtvig („Lifelong Learning Programme“) namens „HIS-Story“ : http://www.memoro.org/de-de/eu/

Memoro ist ein eingetragener gemeinnütziger Verein, der Spendenquittungen - neudeutsch: Zuwendungsbestätigungen – ausstellen darf. Niko Schulz legt Wert auf die Feststellung, dass Memoro nicht „angetreten sei, um die schriftliche Erinnerungskultur zurückzudrängen“. Aber: „Die Leute schreiben ja heute nicht mehr lange, inhaltsreiche Briefe oder Tagebücher. Memoro schließt - so sehe ich das - eine Lücke, durch die sonst vieles abflösse, was dann definitiv verloren wäre“, sagt Schulz dem Autor dieses Artikel, der (claro!), da über Sechzig, natürlich auch einvernommen wurde: www.memoro.org/de-de/Umweltromane--historische-Themen-und-Aktionen_12126.html


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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