Heute: Dichtungsmittel
Über den Zauber der Reime
Zu den vielen Chefs, auf die ich als Redakteur bei einem deutschen Nachrichten- und Unterhaltungsmagazin hören musste, gehörte einer, der hartnäckig End- und Stabreime aus den Texten, vor allem aus den Titeln und Bildunterschriften seiner Redakteure tilgte, und das, wie ich altersmilde einräume, mit einer gewissen Berechtigung. Lyrisches Gesäusel taugt nicht für knallharte Berichte.
Vor ein paar Tagen entnahm ich meinem Briefkasten die jüngste Ausgabe eben dieser Wochenschrift und las, unter einem Foto der fotogenen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen geb. Albrecht den Titel „Mit Herz und Härte“. Ich fand die Formulierung gut, erinnerte mich sofort jenes irgendwann zu Unrecht, jedenfalls aus den falschen Gründen verabschiedeten Chefredakteurs und grübelte darüber, ob er die Alliteration hätte durchgehen lassen. Vielleicht, dachte ich in mich rein, vielleicht ja doch, vielleicht hätte jener Funken Sprachgefühl, den ihm niemand abspricht, seinen Widerwillen gegen alles besänftigt, was in seinem Blatt auch nur entfernt nach Poesie klang.
„Herz und Härte“, ein Stabreim, auf den Richard Wagner wohl stolz gewesen wäre. Der Tondichter zog es vor, seine Libretti nach althochdeutschem Brauch mit gleichem Anlaut zu reimen, etwa so, wie das „Hildebrandslied“ aus dem 9. Jahrhundert:
„…Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun.
garutun se iro gudhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun.
Einer, der die Liebe liebte
Auch Wagner, der Titan aus Sachsen, konnte mit seinen Versen wenig gegen die Vorherrschaft des Endreims (Raum/Traum/Baum. Liebe/Triebe. Herz/Schmerz. Brücke/Lücke) ausrichten. Man merkt sich den Endreim einfach besser. Bei den Dichtern im alten Rom noch als störende Wiederholung verpönt, setzte sich diese Figur, neben dem Versmaß, quer durch Europa als wichtigstes Bindemittel der literarischen Sprache durch, ganze Erzählungen, so das Nibelungenlied, Passionsspiele und andere Dramen glänzten damit, die mittelhochdeutschen Minnesänger machten durchgehend von ihm Gebrauch. Der Größte von ihnen war Walther von der Vogelweide, ein Mann, der neben der Poesie auch die Liebe liebte und wunderbar besang:
Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.
Wir widerstehen der Versuchung, diese kühne Poesie durch Übersetzung in Prosa zu beleidigen, probieren dies aber mal mit „Wandrers Nachtlied“: Weit und breit Stille. Kein Vogel zwitschert. Der Wind hat sich gelegt. Bald liegst du auch.
Für dieses Sakrileg üben wir tätige Reue, in dem wir das wunderbare Gedicht von Johann Wolfgang Goethe ein Mal korrekt abschreiben:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch.
Die Vögelein schweigen im Walde,
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Ich behaupte nicht, allein der Reim adle diese Zeilen im Vergleich zu jeder möglichen Prosa-Umschreibung, da hätten Germanisten und Feuilletonisten noch viel zu sagen über den Ton und das (unregelmäßige) Metrum und vieles mehr. Klar ist trotzdem, dass die schlichten Reime, die Goethe fand, dem Lied einen Zauber geben, eine Tiefe, die den geschilderten Sachverhalt, man verzeihe die Stilblüte, überhöht. Dieser Zauber mag dann, zum Beispiel, dazu führen, dass der Hörer oder Leser darüber nachdenkt, welche Bedeutungen das Verb „ruhen“ in diesem kleinen Text ausstrahlt.
Wer hat Sack auf Pack gereimt?
Die alten Griechen und, wie gesagt, die alten Römer, fanden den Reim wenig erbaulich, auch die Bibel verzichtet – im Gegensatz zum Koran – auf die verführerische Kraft des Reimes. Wir hingegen sind seit Jahrhunderten damit erzogen und verzogen und brauchen ihn nicht nur in der hohen Dichtung. Er ist ein Lebensmittel, ein Gebrauchsgegenstand, der sich uns in Dutzenden, vermutlich Hunderten von Redewendungen, Scherzen, Merkversen nützlich macht und obendrein nett unterhält. Wer Reime wie „Rat und Tat“, „Sack und Pack“, „ruckzuck“ oder Alliterationen wie „mit Mann und Maus“ (wobei Maus vermutlich für das aus dem niederländischen stammende Meisje, also ein weibliches Wesen, steht), wer solche Reime oder alliterierende Zwillingsformeln wie „In Bausch und Bogen“, „Haus und Hof“ oder „Leib und Leben“ als erster geprägt hat, werden wir in den meisten Fällen nicht mehr ermitteln können, aber wir setzen den anonymen Erfindern ein Denkmal, indem wir stellvertretend ein namentlich bekanntes, kauziges Genie aus Hannover ehren, das ausnahmsweise nicht Gerhard Schröder heißt.
„Steigst Du aus, merk Dir den Kniff – Linke Hand am linken Griff“. Der Merkvers stand einst auf Plakaten der hannoverschen Straßenbahn. Er stammt vom Dadaisten Kurt Schwitters, der zeitweilig als Werbetexter ein paar Mark verdiente. Wir verdanken ihm avantgardistische Großtaten der bildenden Kunst, ziemlich gewöhnliche Landschaftsbilder und, neben der „Ursonate“, das hinreißende Nonsens-Gedicht „An Anna Blume“, das so beginnt:
Oh Du, Geliebte meiner Sinne, ich liebe Dir!
Du, Deiner, Dich Dir, ich Dir, Du mir --- wir?...
Der Poet und Essayist Hans Magnus Enzensberger hat der Volkspoesie in seiner Anthologie „Allerleirauh. Viele schöne Kinderreime“ gehuldigt und mitunter Reime in die eigene Lyrik einfließen lassen. Peter Rühmkorf, mein liebster Dichter des 20. Jahrhunderts und – nichts gegen Benn und die Bachmann – ganz bestimmt ein ganz Großer, hat teuflisch gut und fast immer gereimt und sich dabei mit Vergnügen von anonymen Spott- und Schundpoeten anregen lassen, worüber seine Sammlung „Über das Volksvermögen“ mit herrlich unanständigen Reimereien aus Gasse und Gosse Zeugnis gibt.
Thereses Wundmale
Aus meiner bayrisch-fränkischen Heimat ist mir ein böser Vierzeiler über Therese Neumann aus dem oberpfälzischen Konnersreuth in Erinnerung, den ich auswendig hersagen kann, seit ich solche Witzeleien überhaupt begreife, also etwa seit 52 Jahren. Therese Neumann (1898 bis 1962), ursprünglich eine Bauernmagd, brachte Jahr für Jahr Tausende von Pilgern in Verzückung, indem sie pünktlich zum Karfreitag am eigenen Körper die Wundmale Christi (Stigmata) vorwies, was von der katholischen Kirche, nicht aber von ihrem Beichtvater, mit Skepsis beobachtet wurde. Zur Zeit läuft ein Seligsprechungsprozess, für den aus dem Vatikan ein „Nihil obstat“ (Es spricht nichts dagegen) signalisiert wurde. Bayrischer Volkswitz konterkarierte das Blutspektakel so:
Der Pfarrer von Konnersreuth
maust’s Reserl, bald ’s ihn freut,
und wenn sich’s Reserl nimmer rührt,
is‘ s‘ stigmatisiert.“
Vernachlässigen wir den unreinen Reim „rührt/stigmatisiert“, der bei den Bayern übrigens beinahe rein klingt, weil in den Mäulern der Bajuwaren das ü näher am i liegt, dann bekommen wir ein Gespür dafür, was Reime aus Volkes Mund schaffen können. Sie kriegen alles rüber, von inniger Kinderliebe über lästerliche Lust bis zur hundsföttischen Häme. Jeder wohlmeinende Leser erspart es mir, den Spottgesang auf Therese und ihren geistlichen Beistand in ungereimte Prosa zu übertragen und dabei das inzwischen leicht altertümliche M-Wort gegen das F-Wort auszutauschen. Wer es für sich selbst ausprobiert, wird merken, dass ohne Reim der Zauber nachlässt, der Witz, die Schlagkraft. Seien wir bloß froh, dass wir Endreime haben, rein oder meinetwegen auch unrein wie im mundart-gefärbten Seufzer „Ach neige, /du Schmerzensreiche…“, das wir aus dem großen Drama des hessischen Dichterfürsten kennen.
Mundart: Es gibt einen, vermutlich wirklich nur einen einzigen Dialekt (die Gelehrten würden mich vermutlich mit dem Begriff Idiolekt korrigieren), da wird das Reimen auf die Spitze getrieben – so weit, dass die Reime verschwinden, weil sie nicht mehr gesagt, sondern nur noch gedacht werden. Ein vergnügliches und, wie alles, was Vergnügen macht, schwieriges Kapitel. Es kommt, wenn alles gut geht, beim nächsten Wortwechsel dran.



