Heute: die schöne Lale

Über die blühenden Nebenwirkungen Habsburgischer Diplomatie

Von Alfred Welti

Neulich habe ich der lieben Kollegin Ulla einen Strauß Laleler mitgebracht, von der Floristin geschützt gegen Eiseskälte durch eine dreifache Papierschicht. Es ist Lale-Zeit, ob wir’s glauben oder nicht, in den niederländischen Gewächshäusern herrscht Frühling. Der Frühling beginnt dort um Weihnachten. Schnell werden noch die letzten Amaryllis-Stängel geerntet, und dann ist Lale dran, die Schöne.

Der flämische Edelmann, Humanist und Diplomat Ogier Ghislain de Busbecq, ein Schüler des großen Erasmus von Rotterdam, hat die Schönheit des Blümchens Lale erkannt, als es, rückblickend, noch recht unscheinbar war, und dafür gedenken wir seiner mit Sympathie. Hätte der Mann ebenso gut hören wie sehen können, dann hätte er nebst der Blume und ihrer Zwiebel wohl auch ihren angestammten Namen nach Mitteleuropa gebracht. Aber nein, dank Busbecq hat sich bei uns der Name Tulpe eingebürgert, was auch nicht wirklich schlecht klingt.

1554 vom Habsburgerkaiser Ferdinand I. an den Hof des Sultans Süleyman I. nach Konstantinopel entsandt, hatte Busbecq die Aufgabe, mit dem osmanischen Herrscher, dem der Beiname „der Prächtige“ aufgestülpt wurde, Friedensgespräche zu führen. Als er wieder mal bei Süleyman vorsprechen wollte, hatte der Sultan keine Lust aufs Verhandeln, war aber feinfühlig genug, dem kaiserlichen Abgesandten einige anmutige Blumen überreichen zu lassen. Der Hofstaat wusste offenbar Bescheid über die Leidenschaft des Unterhändlers, das Sammeln fremdländischer Pflanzen. Europa verdankt dem Flamen unter anderem die Einführung des Flieders. Auch die Rosskastanie soll er mitgebracht haben. Und Lale.

...die ziehen sich viel schöner an...

Mag der Flieder süßer duften und die Rosskastanie uns Mai für Mai mit ihrem weißen oder roten Blütenkleid entzücken – mehr ans Herz gewachsen ist uns Mitteleuropäern gewiss das Liliengewächs, dem Busbecq in einem auf Latein geschriebenen Bericht über seine Jahre an der Hohen Pforte den Namen tulipan gab, eine leicht abgewandelte Form des Wortes tülbant, also Turban – entweder, weil er die Form der Blüte mit der Kopfbedeckung seiner Gastgeber verglich, oder weil hochgestellte Türken auf dem Turban ein Tulpensymbol trugen.

 

Die prächtige Tulpensorte Semper Augustus gibt es nicht mehr: Ihren Farbenreichtum verdankten die Züchter des 17. Jahrhunderst einem Virus, der mal wirkte und mal nicht. Semper Augustus zu kaufen, war riskant. Illustration aus einem Tulpenbuch, ca. 1640

„Narzissen und die Tulipan,/ die ziehen sich viel schöner an/ als Salomonis Seiden“, reimte der geniale Kirchenliederdichter Paul Gerhardt, nur ein Jahrhundert nach Busbecqs erster Begegnung mit dem Pflänzchen (das die Türken ihrerseits aus Persien eingeführt hatten, samt ihrem persischen Namen). Gerhardts Verse lehren uns, dass die Tulpe im 17. Jahrhundert bei uns schon gut verbreitet war.

Die Chinesen, wir argwöhnen es, waren uns natürlich auch bei der Entdeckung und Züchtung der Tulpe um Jahrhunderte voraus, und der Name, den sie ihr gaben, yujinxiang (betörender Goldduft), lässt darauf schließen, dass sie die grazile Blume noch in ihrer Wildform kennengelernt hatten. Unseren beliebten Sorten haben die Tulpenbauern zwar herrliche Farben und Formen, dazu opulenten Wuchs angezüchtet, den Geruch aber weitgehend ausgetrieben.

Die eifrigsten Verbreiter und Züchter der Tulpe in unseren Breiten waren und sind - wir alle würden mit diesem Wissen unter Beifall die dritte Runde in Pilawas TV-Quiz überstehen - die Niederländer. Das Königreich an Rhein, Maas und Schelde dankt dies einem weiteren Flamen namens Charles de l'Écluse, meist lateinisch Carolus Clusius genannt, der als Hofbotaniker in Wien segensreich wirkte. Er ließ sich von Busbecq, der an die zehn Jahre in der Türkei blieb, mit Tulipan-Zwiebeln versorgen und brachte die Blume in Wien in Mode. Hofdamen zogen mit angesteckten Tulpen noch mehr Blicke auf ihre hochgemiederten Brüste, aber keine der Schönheiten brachte den Protestanten Clusius dazu, katholisch zu werden. Als der Kaiserhof Anhänger der Reformation von öffentlichen Ämtern ausschloss, nahm er seinen Abschied. Wien war ihm keine Messe wert.

Tulpen im Garten, Tulpen auf Papier

Ende des 16. Jahrhunderts landete Clusius, 67 Jahre alt, als Botanikprofessor in Leiden, wo er, versteht sich, die Tulpe populär machte. Bald war sie in den Niederlanden und rundherum so begehrt, dass der „Tulpenwahn“ ausbrach – die erste gut dokumentierte Finanzkrise im modernen Europa, die zunächst viele Habenichtse reich und danach viele Reiche arm machte.


Holländische Blumen-Stilleben aus dieser Zeit zeigen herrliche Exemplare (wovon man sich, wie es der Zufall und fürstlicher Sammeleifer wollten, auch bei einem Besuch im Staatlichen Museum Schwerin überzeugen kann). Jedoch, Abertausende von Tulpen existierten damals weder als Zwiebeln in der Erde noch als schöne Abbilder auf Leinwand, sondern bloß als karge Ziffern auf Papier. Tulpen wurden per Option verkauft, und die horrend teuren Optionen waren seinerzeit oft so wertvoll wie gestern Zertifikate des ehrenwerten Bankhauses Lehman Brothers.

Die Tulpen, die ich für die liebe Kollegin Ulla erstand, waren, wie ein aus der Vase ragendes Täfelchen der traditionsreichen Blumenhandlung Petzold in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs auswies, „taufrisch!“ Die Werbung kam an, und dennoch streifte mich die unbequeme Frage, was für ein Tau diese bildschönen Stengel benetzt haben soll. Gewiss nicht jener Tau, der sich in einer Frühlingsnacht an die Blütenblätter einer Tulpe schmiegt, die aus dem Erdreich eines Gartens sprießen darf.

So haben wir, auf leicht gewundenem Pfad, den Garten erreicht. Wer aber die Herkunft des Wortes Garten ausloten will, findet sich unversehens in einem etymologischen Irrgarten, in dem die Bedeutungen schillern wie die prächtigsten Exemplare der einst hochbegehrten, vielfarbigen Tulpensorte Semper Augustus, bei deren vermeintlichem Erwerb im 17. Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter der Niederlande, die Investoren besonders schmerzhaft draufzahlten.

Das Grimmsche Deutsche Wörterbuch widmet sich dem Begriff Garten und seinem Ursprung auf 13 langen Spalten, aus denen man Stoff für Dutzende von Wortwechseln ziehen könnte – eine Drohung, die auf der Stelle zurückgenommen wird. Die gütige Nachsicht der Blumenfreundin Ulla erheischend, bittet der Autor nur noch um Platz für zwei Absätze, die sich dem weiten Feld nähern, auf denen das Wort Garten wucherte.

Garten ist übers Indoeuropäische verwandt mit dem lateinischen hortus, aus dem die Italiener ihren orto machten, den Nutzgarten, wo Gemüse und Obst wächst. Ihr Ziergarten, der giardino, stammt, wie der französische jardin, aus dem Germanischen. Beruhigend, dass sich die Menschen romanischer Zunge neben so martialischen Wörtern wie guerra (verwandt mit Wehr), lanzichenecco (Landsknecht) oder baluardo (das Bollwerk, das sich nach kriegerischer Vergangenheit als Boulevard breitmachte) von ihren nördlichen Nachbarn auch ein paar friedliche Begriffe rüberreichen ließen.

Weitere Verwandtschaften: im Englischen nicht nur garden, sondern auch yard für Hof (das Längenmaß yard bezeichnete einst ein Stück Land); in den slawischen Sprachen gorod oder grad für Stadt und der Prager Hradschin. Ganz am Anfang, spekulieren die Etymologen, bedeutete Garten ein umzäuntes Areal. Material für den Zaunbau lieferten die Bäume mit ihren Gerten (!), aus denen geschickte Hände Abgrenzungen flochten.

Reumütiger Nachtrag

Ogier Ghislain de Busbecq, dem zu Beginn dieses Elaborats unterstellt wurde, er habe nicht gut hören können, nur weil er das Wort lale zugunsten seiner Prägung Tulipan hintangestellt hat, ist um wohlfeilen rhetorischen Gewinns willen Unrecht widerfahren. Der Mann konnte in Wahrheit besser zuhören als viele von uns. Ohne seine Aufzeichnungen hätten wir keine Ahnung davon, wie das inzwischen komplett ausgestorbene Krimgotische zu seiner Zeit klang. Indessen hört sich, was er aufzeichnete, nicht so recht gotisch, sondern, wie die Wortfuchser mäkeln, ziemlich westgermanisch an. Plut für Blut, silvuir für Silber, goltz für Gold, thurn für Tür, schuuester für Schwester…
Knauen tag – guten Tag.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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