Heute: Fein

Mit einem PS zu militärischen Ehren für redliche Menschen

Versuchen wir doch mal, fein säuberlich aufzuschreiben, was fein alles bedeuten kann. Das ist, könnte man meinen, eine feine (weil kleine) Aufgabe für angeblich feinsinnige (aber faule) Wortwechsler.

Auslöser dieses Versuchs ist eine Mail meines feinen Freundes Wilfried Krause, die ich hiermit, allen Urheberrechten spottend, einfach kopiere, ACTA ist ja noch nicht in Kraft.

Wilfried schrieb:

„Da hätte ich - nur zu Deiner Belustigung, denn für die MAGdA-Kolumne ist es leider unbrauchbar - Folgendes:

Erstens: Wie heißt ‚Geldstrafe‘ auf Englisch? - Richtig: ‚fine‘. ‚Fine‘ heißt aber natürlich auch ‚fein‘.


Zweitens: Wie heißt ‚release‘ auf Deutsch? - Richtig: ‚Freisetzung‘. ‚Release button‘ ist aber auch (bei Kameras) die Bezeichnung für den Auslöser, also das, wo man draufdrückt.


Den Rest erledigt die Google-Übersetzungs-Software. Und so wird aus einem ‚hochwertigen Mini-Metall-Auslöse-Knopf‘, nämlich einem ‚Fine Quality Mini Metal Release Button‘, im Ebay-Angebot eines Anbieters aus Hong Kong in der deutschen ‚Übersetzung‘ eine ‚Geldstrafe Qualität Mini Metall Freisetzung Taste‘.


War über das Angebot gestolpert und habe eine Weile gebraucht, herauszufinden, worum es geht... So ganz ist also zum Glück der Mensch noch nicht entbehrlich!“

Wir geben dem Freund mit dem feinen Namen Wilfried Recht, nur widersprechen wir seiner Behauptung, das Ganze sei für MAGdA unbrauchbar.

Lieber Wilfried, Deine feine kleine Botschaft war, sozusagen, der release button für diesen Wortwechsel, denn wer weiß, ob ich mir ansonsten über das Wort fein jemals irgendeinen Gedanken gemacht hätte. Nun ist es passiert.

Das Verfertigen der Gedanken begann, wie so oft, mit einem Irrtum. Ich nahm an, „fine“ (Geldstrafe) könne, außer dem Gleichklang, unmöglich etwas mit „fine“ (fein, schön) zu tun haben. Da sei, dachte ich leicht abschätzig, wieder diese angelsächsische Mundfaulheit im Spiel, die ein gewichtiges Wort von wer weiß wie vielen Silben zum Homonym (Teekesselchen) von „fine“ (fein) zusammenschnurren ließ. 

Aber ehe ich mich, mit Hilfe feiner Nachschlagewerke, selbst widerlege, reihen wir, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einmal auf, in welchen Zusammenhängen das Wort vorkommt – schon damit Du, lieber Wilfried, nicht fein raus bist und dieses Traktat zur Hälfte ungelesen wegklickst.

Eines der schönsten Beispiele für die Verwendung des Wortes fein in einem deutschen Idiom ist für mich die schlichte, auch von der Melodie her anrührende bairische Volksweise

Fein sein, beinander bleibm,

Fein sein, beinander bleibm,

Mag’s regnen oder winden

Oder oba schneibm.

(Für Dich als Norddeutschen, lieber Wilfried, mache ich den Schluss vorsichtshalber dudentauglich. „Oba schneibm“ heißt, wörtlich, herab schneien, noch wörtlicher übersetzt: abher schneien).

Da hat das Wort fein die Bedeutung gut, lieb, treu, vertrauenswürdig, redlich (siehe Postscript), anständig, edel angenommen, es ist, im Deutschen, wohl der Gipfel seiner Entwicklung von der überaus nützlichen dinglichen Eigenschaft …

Halt, soweit sind wir ja noch gar nicht. Wir machen es aber, versprochen, so kurz wie möglich, schon weil der Schreiber, wie eingangs erwähnt, weniger fein als faul ist.

Feines Obst heißt gutes, frisches Obst, jedenfalls keine faulen Früchte.

Ein feiner Stoff, das kann zweierlei bedeuten: ein guter, wertvoller Stoff. Oder ein aus sehr dünnen Fäden gewirkter Stoff.

Feiner Regen: Niederschlag in winzigen Tropfen.

Feines Papier: dünnes oder aber teures Papier (hadernhaltig).

Feinkostladen: verspricht köstliches Essen gegen feines Geld.

Feinslieb, Feinsliebchen:  „Stand auf, feins Lieb, und lass mich ein…“ (Uhland)

Feingehalt: hat auch was mit Reinheit zu tun, aber nur bei Metallen.

Feinmechanik: Präzisionsarbeit an kleinsten Bauteilen.

Feines Mehl: bedeutet nicht etwa besonders wohlschmeckend, sondern sehr klein gemahlen, so klein es mit Mühlsteinen eben geht, also bestens.

Und damit, lieber Wilfried, kommen wir der Sache allmählich näher. Unser feines deutsches Wort fein kommt, wie Wein, aus dem Lateinischen und hat die übliche Lautverschiebung von i zu ei hinter sich. Damit die Sache aber nicht zu einfach wird, belehrt uns der Herkunftsduden, dass wir Deutschen das Wort aus dem Altfranzösischen übernommen haben. Die alten Gallier (was blieb Asterix und Obelix anderes übrig) hatten sich ihrerseits die Sprache der römischen Besatzer mund- und nasengerecht gemacht und das Wort finis nicht nur für das Ende in Beschlag genommen, sondern auch in seiner schon im klassischen Latein bezeugten Spezialbedeutung „Äußerstes, Bestes“.  Fein gemahlen: bis zum Äußersten, aufs Beste kleingekriegte Körner.

Ich werfe jetzt mal, damit Dir nicht langweilig wird, das deutsche Wort vollendet in den Diskurs. Man kann damit gut die Bedeutungserweiterung vom Abschluss einer Sache zur perfekten Qualität der Arbeit nachvollziehen.

Was aber, wendest Du zu Recht ein, hat das alles mit dem englischen Wort „fine“ (Geldstrafe) zu tun? Um es mir, unter Umgehung mancher Umwege, einfach zu machen: „Fine“ hieß mittelenglisch etwa so viel wie Einigung oder Vereinbarung, und an deren Ende (fin) stand so gut wie immer eine Leistung, oft eine Zahlung.  „Fine“ war das Ende, das Ergebnis einer Abmachung, einer Verhandlung. Mitunter war’s eben eine Gerichtsverhandlung. Und der An- oder Verklagte musste, wenn er Schuld oder Pech hatte, blechen.

Dass die Angelsachsen das Substantiv „fine“ (erst Entgelt, dann Geldstrafe) schließlich auch noch als Verb „to fine“ (mit einer Strafe belegen) einsetzten, bezeugt – ich nehme die Schmähung, sie seien mundfaul, mit Bedauern zurück  –  ihre geniale Sprachökonomie. Small wonder, die Angeln und die (Nieder-)Sachsen stammen ja aus der Gegend, in der sich auch Dein Genie entfaltet hat.

 

PS

Heimleuchten ist eines der Wörter, die, dank kollektivem Sprachgenie, eine negative Bedeutung angenommen haben. Einst, als die Straßen noch nicht von Gaslampen, später Elektroleuchten erhellt wurden, erwies man einem redlichen Gast Ehre, indem man ihn von Fackelträgern nach Hause geleiten ließ. Heute heißt jemandem heimleuchten soviel wie: ihn des Hauses verweisen, ihm die Tür weisen, ihn verjagen, demütigen.

Dutzende von Fackelträgern rahmen eine Heimleucht-Veranstaltung, die nur der Verteidigungsminister anordnen kann. Die jüngste hat er am 8. März 2012 veranstaltet. Sie nennt sich Großer Zapfenstreich.

Das Ritual hat sich aus einem alltäglichen militärischen Brauch entwickelt, der sich, in Kürze, so schildern lässt: Wenn der Wirt den Zapfen ins Fass haut, gibt’s nichts mehr zu saufen. Sperrstunde. Bei der Festlegung der Sperrstunde haben die Militärs am Ort was mitzureden, denn die Soldaten, die des Abends zechen und anbandeln, sollen ja am nächsten Tag wieder einigermaßen tritt- und zielsicher auftreten. So signalisieren Heerestrompeter mit einer kurzen, schmissigen Tonfolge: Schluss jetzt.

Kreativität lässt sich selbst bei Militärmusikern nicht unterdrücken, und so wurden die Kompositionen, die Schluss mit Prassen signalisierten, immer länger und schöner. So klang- und würdevoll wurden die Fanfaren, dass sie bald auch bei der Ehrung, meist der Verabschiedung, hoher Militärs und anderer Würden-Träger verwendet wurden, ganz ohne Zapfen.

Das Herkunftswörterbuch des Duden formuliert treffend: „militärisches Abendsignal zur Rückkehr in die Unterkunft“. Im vorliegenden Fall findet sich die Unterkunft, zu welcher der redliche Söldner samt Ehrensold zurückkehrt, in Großburgwedel.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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