Das El Dorado des Grünspechts

Warum Streuobstwiesen gerettet werden müssen

Copyright: Andreas Trepte, www.photo-natur.de

Grünspecht: Ein Freund der Streuobstwiesen (Foto: Andreas Trepte, www.photo-natur.de)

Rauschend fließt die Ahr durch Bad Neuenahr, einem Kurort im Rheinland, durch den ein Radwanderweg direkt am Fluss entlang verläuft. Ihm folgend lässt sich eine herrliche Landschaft erkunden: Streuobstwiesen und Weinanbau prägen diesen Teil des Ahrtals, der wegen seines milden Klimas schon die Römer angelockt hat. Mediterran geht es auch auf den Lohrsdorfer Streuobstwiesen zwischen Bad Neuenahr und Sinzig zu. Hier hat sich ein Orchideengewächs aus Südwest-Europa angesiedelt, die Pyramiden-Hundswurz. Sie gedeihen prächtig auf dem Lohrsdorfer Hang, der nach Süden blickt und unter sich eine mehrere Meter dicke, kalkreiche Lößschicht birgt. Ideale Bedingungen also, für eine licht- und wärmeliebende Flora und Fauna.



Rot-schwarz leuchtende Schmetterlinge flattern umher, mit dem vielsagenden Namen Beilfleck-Blutströpfchen. Andernorts eine Rarität sind sie in dem ungedüngten Areal aus Weiden und alten Obstbäumen relativ häufig anzutreffen. "Bis in die neunziger Jahre war diese typische Magerwiesenart hier ausgestorben", erläutert der Biologe Andreas Weidner, der das Biotop im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz betreut. "Erst durch Pflegemaßnahmen gegen die Verbuschung und durch die Beweidung mit Schafen zweimal im Jahr, hat sich dieser Schmetterling hier etablieren können."

Das gilt auch für den auf normalen Wiesen seltenen Senfweißling, dessen Raupen entgegen seines Namens nicht auf Kreuzblütlern wie dem Senf leben, sondern auf Schmetterlingsblütlern wie der Bunten Kronwicke. Auch die ist in der Streuobstwiese reichlich anzutreffen, gemeinsam mit anderen Arten aus derselben Pflanzenfamilie, was wiederum die Wildbienen erfreut. "Rund 50 Arten von Wildbienen leben auf den Lohrsdorfer Wiesen", sagt Weidner, "darunter sechs Arten, die auf der Roten Liste stehen."

Blühende Wiesen locken außer Bienen noch weitere Insekten an, deshalb ist die Streuobstwiese auch für Vögel ein El Dorado. In Lohrsdorf gilt dies beispielsweise für den Baumpieper, die Dorngrasmücke oder den gefährdeten Gartenrotschwanz. Außerdem leben hier Neuntöter, Klein- und Grünspecht. Letzterer verdankt seinen Namen dem grünen Deckgefieder. Sein Kopf ist er aber auffallend farbig und kontrastreich, mit einer roten Kappe und schwarzer Augenmaske. Wenn so ein Specht mit gesenktem Kopf über die Wiese spaziert, um nach Ameisen zu suchen, tarnt ihn sein grünes Federkleid nahezu vollständig. Daher wird man ihn trotz seines bunten Kopfes eher hören als sehen. Und das nicht etwa wegen eines charakteristischen Trommelns, das man vom Buntspecht kennt, sondern aufgrund seiner markanten Rufe: Ein lautes Kjück-kjück-kjück, das wie Gelächter klingt. Auch sein Gesang – klü-klü-klü-klü-klü – hebt ihn von anderen Vogelstimmen deutlich ab.

Nach Angaben des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) ist der Grünspecht hierzulande mit rund 42.000 Brutpaaren vertreten. Das sei mehr als doppelt soviel wie vor zwanzig Jahren und macht ihn zur zweithäufigsten Spechtart in Deutschland. Die Bestandserholung gehe auf milde Winter in der Vergangenheit zurück sowie auf die zunehmende Emigration vom Land in die Stadt. Parks, Gärten, Friedhöfe – wo immer der Specht alte Bäume vorfindet, lässt er sich nieder. Was bleibt ihm auch anderes übrig, wenn extensiv genutzte Lebensräume wie Streuobstwiesen mehr und mehr Maisäckern oder Rübenfeldern geopfert werden.

Die alten, höhlenreichen Obstbäume sind ein idealer Unterschlupf nicht nur für Spechte, sondern auch für Fledermäuse und den Steinkauz, der in Deutschland stark gefährdet ist. Mehr als zwei Drittel seines Bestandes leben im Rheinland und Westfalen. Und: Auf einer Streuobstwiese schaut gern auch mal der Dachs vorbei; zumal, wenn die Früchte reif sind und verlockend duften.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Süsssauer
07.04.2014

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015