Um die Alster komme ich nicht herum

Ein Spaziergang (2. Abschnitt)

Die Alster in ihrer schönsten Form, zugefroren, ein Wintertraum

Die Alster in ihrer schönsten Form, zugefroren, ein Wintertraum, fotografiert von Michael Zapf

Stadtlandschaft als Naturschauspiel. Vor uns liegt die Außenalster. Rechts schiebt sich ein Prachtbau in den Blick, der als Wohnsitz von Udo Lindenberg zur Institution der Hamburger Popkultur werden durfte: Das Hotel Atlantic, ein Grand-Hotel der alten Schule. Was mir in der atlantischen Erinnerung haften blieb, sind die Reden des Verlegers Axel Springer, der seine Belegschaft in den Festsaal des Hotels lud, um sich für die Arbeit des Jahres zu bedanken. Ich gehörte zwar nicht dazu, durfte aber als freischaffender Karikaturist des „Hamburger Abendblatts“ dabei sein. Das Hotel war damals viel vornehmer als heute. Es kam in die Schlagzeilen, als die Sängerin Esther Ofarim aus der Hotelbar gewiesen wurde. Warum? Weil sie Hosen anhatte! Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete darüber.

Ein paar hundert Meter weiter liegt das Hotel Meridién. Dort habe ich viele Jahre später im Auftrag des „Feinschmeckers“ ein Frühstück zu mir genommen. Im sechsten Stock hatte ich einen Logenplatz mit Alsterblick. Es gab eine Teestation mit vielen Sorten, Marmeladen aus dem Schwarzwald, Käse von der Norddeutschen Käsestrasse und für die Freunde des Ziegenkäses den kleinen Meckerkäse aus der Lüneburger Heide. Actimel, sagte der Koch am Eierposten, Actimel laufe wie verrückt, Obst, Fruchtsäfte. Müsli. Fitness-Produkte. Wir sind im 21. Jahrhundert. In der Halle steht ein Jogging Table für laufende Gäste, mit Äpfeln, Wasser und Handtuch.

Der Spazierweg am Alsterufer ist eine beliebte Jogging-Strecke, die Runde um die Außenalster mit sieben Kilometern Seeblick wird auch von Hunden, Spaziergängern und Radfahrern gern genommen. Auf dem Weg nach Norden kommen wir am Literaturhaus vorbei, dem Stadtpalais des Meisterarchitekten Johann Georg Friedrich Haller am Schwanenwik 38, einer Institution mit anspruchsvollen Programmen, Lesungen, Buchhandlung und Café. Besucher aus der Fremde staunen gelegentlich über ein nur durch unauffällige Schilder geregeltes verkehrspolizeiliches Unikum, die Straßen Schwanenwik, die anschließende Herbert-Weichmann-Straße und die Sierichstraße, die jeden Tag zweimal, um zwölf Uhr mittags und um zwölf Uhr nachts, die Richtung wechseln. Morgens fließt der Verkehr stadteinwärts, abends stadtauswärts. Ohne Probleme.

Hamburg – geteilte Stadt

Hamburg ist eine geteilte Stadt. Welten trennen die Fans des HSV und des FC St. Pauli. Keine Kluft ist so tief wie die zwischen dem linken und dem rechten Flügel der SPD. Die Elbe teilt die Stadt in zwei schwer überbrückbare Hälften, weshalb man sich zweier sehr aufwändiger Tunnel bediente, um dem abzuhelfen, dem alten Elbtunnel vom Jahrgang 1911, einem technischen Wunderwerk mit Fahrstuhl, und dem neuen Elbtunnel von 1975, der auf sechs Spuren erweitert wurde, und wegen seiner Staus häufiger im Radio genannt wird, als Hamburgs Bürgermeister und alle Staatschefs dieser Welt.

Auch die Alster teilt die Stadt, in eine Hälfte westlich und eine östlich der Alster. Unter den Villenbesitzern an beiden Ufern gibt es einen alten Streit, die Frage, ob es sich auf der Uhlenhorst (nur Nichthamburger sagen in Uhlenhorst) oder in Harvestehude am westlichen Ufer besser wohne. Die Bewohner des Ostufers können den freien Blick auf herrliche Sonnenuntergänge für sich reklamieren. Hier, am Feenteich und an der Straße mit dem treffenden Namen Schöne Aussicht liegt das 1868 von Martin Haller entworfene Gästehaus des Hamburger Senats, in dem schon Queen Elisabeth II. und Charles de Gaulle übernachten durften. Der Westen, die nicht weniger vornehmen Stadtteile Harvestehude und Rotherbaum, können das schicke Eppendorf als Hinterland reklamieren. Im Westen liegt auch Pöseldorf, ein Quartier, das allerdings nicht ganz so fein ist, wie es gern sein möchte.

Erinnerungen an Max Scheler

Die Uferstraße im Norden der Uhlenhorster Seite heißt Bellevue. Hier lebte der Fotograf Max Scheler, im schmalen Haus mit der Nummer 39a. Wir arbeiteten vier Jahre zusammen. Max war 14 Jahre älter als ich. Er trug den Namen seines Vaters, des großen Philosophen, den er nicht mehr kennen lernte und der 1928 vor der Geburt seines Sohnes starb. Max Scheler arbeitete für die renommierte internationale Fotografen-Kooperative „Magnum“, fotografierte für „Life“ und „Paris Match“ und ging 1959 zum „stern“, als erster der Fotografen, die das Blatt prägen sollten.

Max zählte zu den Gründern von „Geo“. Zwölf Jahre lang arbeitete er dann bei „Merian“, das damals noch im Hoffmann & Campe-Verlag erschien. Er verwandelte die klassische Reise- und Kultur-Zeitschrift in ein Blatt für Fotografen. Davon erzähle ich gleich, denn das war auf der anderen Seite der Alster.

Wenn man die Außenalster auf der Landkarte betrachtet, sieht sie aus wie einer dieser mazedonischen Trinkbeutel aus Ziegenleder. Auf der rechten Seite hat sie einen dicken Bauch und auf der linken ein ziemlich gerades Kreuz. Nach oben hin, zur Tülle, wird sie dann recht schmal. Dort ist die Krugkoppelbrücke, auf der wir die Alster überqueren, um endlich ans westliche Ufer zu gelangen. Vor der Brücke, gleichsam auf dem Wasser, machen wir eine Pause bei Bobby Reich, dem Bootsanleger mit Restauration, im Sommer einer der schönsten Biergärten der Stadt, mit Blick auf die offene Alster, Hamburgs höchst eigenes Mittelmeer, funkelnder Wolkenspiegel, Segel, in der Ferne die Türme der Stadt. Wenn an Bobby Reichs Steg keine Boote liegen, im Winter, wenn der Wind aus Osten bläst, und ein stabiles Hoch sibirische Minusgrade beschert, friert die Alster zu, verwandelt sich der Binnensee in einen Festplatz mit Budenzauber, Glühweinständen, Würstchenbratern und Eisbahnen auf frei gefegten Flächen.

Die Schrecken des Eises

An einem dieser Tage ging ich mit dem Schriftsteller Christoph Ransmayr aufs Eis. Es war ein grauer Tag, triefend feucht, die Alster war zugefroren, aber der Eispanzer hatte sich noch nicht die verlässliche Stärke, knackte leicht unter unseren Schritten. Unheimlich. Es war an der Krugkoppelbrücke. Christoph hatte gerade sein Buch „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ veröffentlicht, ich bewunderte ihn als furchtlosen Bergsteiger mit Eismeererfahrung und polarer Kompetenz. Und ich bewunderte ihn als Autoren, der sich dann und wann überreden liess, für „Merian“ zu schreiben, der für eine Miniatur im Türkei-Heft, die den Platz einer halben Seite einnahm, fünf Wochen lang in Archiven recherchierte, was wir niemals hätten bezahlen können, und ein Meisterwerk ablieferte. Ich erinnere noch seinen Blick und sein wissendes Lächeln, als es unter unseren Füßen knackte, und wir uns mit vorsichtigen Schritten von der Krugkoppelbrücke zurück zur Villa am Harvestehuder Weg bewegten.

1984 habe ich bei der Zeitschrift „Merian“ angefangen, in einer Zeit, die ich nicht missen möchte, denn es war das Goldene Zeitalter für Blattmacher. Max Scheler war zuständig für Fotografie, ich für den Text und die Autoren, und darüber schwebte Ferdinand Ranft, der Chefredakteur für das große Ganze. Wir arbeiteten in einer romantischen, etwas altersschwachen Villa am Harvestehuder Weg 43, direkt neben dem chinesischen Generalkonsulat. Es war faszinierend, Max dabei zuzusehen, wie er die großen Fotografen der Welt empfing, die letztlich nicht für die Zeitschrift „Merian“ arbeiteten, sondern für ihn, den Kollegen, dessen Arbeit sie kannten und bewunderten, der nicht nur amerikanisches Englisch sondern auch fließend französisch, italienisch und spanisch sprach. Max, der Weltbürger, der in der Bellevue an der Alster und in Los Angeles zu Hause war, wusste genau, was er von den Fotografen in Marokko oder Hawaii, Mexiko oder China verlangte, weil er die Welt kannte, und im Bild vor sich sah.

Die Arbeit mit ihm war anstrengend, denn er war voller Zweifel, ob eine Bildfolge, wie sie an der Wand hing, schon richtig war, ob man nicht ein oder zwei Bilder auswechseln, die Dramaturgie verändern, noch mal Bilder beschaffen, einen anderen Fotografen anrufen sollte. Er war kein Mann klarer Entscheidungen, sondern ein ewig Suchender, einer der immer noch etwas zu verbessern fand. Zuletzt arbeiteten wir gemeinsam an einem Buch über Herbert List, den großen Fotografen, der sein Ziehvater gewesen war, für die Reihe „Hamburger Köpfe“. Er suchte die Bilder aus. Wenige Tage später, am 7. Februar 2003, ist er gestorben.

Vom Werftarbeiter zum Medienunternehmer

Die Villa am Harvestehuder Weg gehört dem Verleger Thomas Ganske. Die Verlegerfamilie lebte damals noch privat in einer Villa am östlichen Alsterufer, während der Hoffmann und Campe Verlag, die Perle des Unternehmens, in vier Villen am Harvestehuder Weg auf der Westseite residierte. Die Ganske Gruppe, Hamburgs kleinster Großverlag, ist ein über hundert Jahre altes Unternehmen, dessen Gründungsgeschichte ich nur kurz erzähle, weil sie mich mehr beeindruckt als die Geschichten vom Tellerwäscher, der es zum Millionär gebracht hat. Es ist die Geschichte des Kieler Werftarbeiters Richard Ganske, der seinen Lohn durch kleine Nebenverdienste aufzubessern wusste. Er half den Kollegen auf der Werft, brachte ihnen das Rechnen bei, besorgte ihnen Mathematik-Lehrbücher und Fachliteratur. Weil Bücher für die meisten seiner Kumpel zu teuer waren, lieh er sie aus, gegen kleine Gebühr. Und als immer mehr Kollegen Bücher haben wollten, nicht nur Lehrbücher, sondern auch anderen Lesestoff, Journale für die Frauen, Bücher für die Kinder und die schönen Zeitschriften wie „Die Gartenlaube“, kaufte er bei den Verlagen gleich ganze Partien. Erstaunt über die Rabatte, die ihm dort eingeräumt wurden, beschloss er, sich als Buchhändler selbstständig zu machen, und gründete in Kiel den „Lesezirkel Daheim Richard Ganske“.

Sein Sohn Kurt kommt als Neunzehnjähriger in den Betrieb, und dreht ein großes Rad. Er gründet Filialen in großen und kleinen Städten, verlegt die Zentrale des Unternehmens nach Hannover. Der Lesezirkel wurde zum florierenden Grossunternehmen, dem weltweit größten seiner Art. Aus dem Juniorchef wurde ein Grossunternehmer. Er fuhr Cadillac mit Chauffeur, kaufte ein Rittergut in Nordhessen und mitten im Krieg den Hoffmann und Campe Verlag. Nach der Katastrophe zog es ihn, wie die Zeitschriftenerfinder Rudolf Augstein und Henri Nannen, von Hannover nach Hamburg, wo er einen Zeitschriftentitel nach dem anderen gründete. Er kaufte die Villen an der Alster, doch er verlegte den Firmenmittelpunkt und seinen „Jahreszeiten Verlag“ nach Winterhude, weil dort die Alster nicht mehr im Weg war. Der Stratege dachte noch immer in Lieferstrecken für seinen Lesezirkel. Umwege waren ihm ein Graus. Er war der kleinste unter den fünf deutschen Großverlegern, von denen vier in Hamburg ihren Sitz hatten, und der Öffentlichkeit kaum bekannt. Man kannte Axel Springer und die Jahr-Familie, selbst der zurückhaltende Heinrich Bauer war - verglichen mit Kurt Ganske - eine öffentliche Person. Der gab keine Interviews, hielt keine Reden und es sind keine öffentlich geäußerten Zitate von ihm überliefert. Es gab Mitarbeiter, die acht Jahre in seinen Diensten standen, ohne ihn je zu Gesicht zu bekommen. Ferdinand Ranft, langjähriger Merian-Chefredakteur, erinnert sich: „Wir fragten uns, wie kommt er ins Haus? Hat er einen Tunnel gegraben?“ Die Antwort ist ganz einfach: Er kam als Erster, lange bevor seine Angestellten eintrudelten. Und er verließ das Haus spät in der Nacht.

Die feine englische Art

Er residierte in der Villa am Harvestehuder Weg 41, der „Heine-Villa“. Heute sitzt dort Thomas Ganske, sein Sohn. Von seinem Zimmer aus sieht er die Alster und gegenüber, auf der anderen Straßenseite, eine repräsentative Villa, vor der gelegentlich sehr teure Wagen vorfahren, und die nur von Herren betreten wurde. Hamburgs „Anglo-German Club“ stand - damals jedenfalls - nur Mitgliedern offen. Und als hundertprozentig britische Institution in einer anglophilen Stadt, konnte sie nur Gentlemen als Clubmitglieder akzeptieren. Als Mitglied der Chefredaktion von „Merian“ stand mir der Club offen, ich durfte hinein, aber nur mit Krawatte. Der freundliche Empfangschef öffnete diskret eine Schublade, wenn ich einen Autoren mitbrachte, der keine Krawatte trug. „Bitte sehr, suchen Sie sich eine aus.“ Auch ein Jackett war kein Problem, für Autoren in Jeansjacke oder Pullover. Einmal stand ich mit einer Dame vor ihm. „Merian“ beschäftigte auch weibliche Autoren. Ich wollte der Kollegin dem schönen getäfelten Saal zeigen, in dem die Clubmitglieder ihren Aperitif einnehmen und die Speisekarte studieren. Ich hätte sie gern in den Speisesaal mitgenommen, ihr das Bild der einzigen Dame gezeigt, die hier jederzeit Zutritt hätte, das offizielle, zeitlos jugendfrische stets angestrahlte Porträt der Königin von England.

Der Herr am Empfang sah mich traurig an. „Aber Herr Eckardt“, sagt er nur. Ich bin heute noch beeindruckt von den Nuancen, die in dieser Andeutung eines Tadels verborgen lagen. Als hätte ich einen Schirm vergessen. Aber er löste auch dieses Problem wie ein Gentleman. Wir wurden in den ersten Stock geleitet.

Der dritte und letzte Abschnitt dieses Alsterspaziergangs folgt am kommenden Dienstag. Mehr über Alster, Elbe und Blankeneser Streetgangs erzählt Emanuel Eckardt in seinem Buch „Hamburg – Eine Liebeserklärung“, erschienen im Ellert & Richter Verlag in Hamburg. 224 S. 14,95 Euro.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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