Nur zum Spielen?
Wie sich mit Facebook gegen Diktatoren kämpfen läßt
„Facebook?“, meinte kürzlich ein Freund zu mir, und zwar einer, der dem Internet sonst durchaus offen begegnet. „Das ist doch nur eine Spielwiese, reiner Zeitvertreib. Nein, schlimmer: Zeitverschwendung!“
Aus deutscher Sicht mag das stimmen. In Deutschland können wir uns in der realen Welt versammeln, können Vereine gründen, können auf den verschiedensten Wegen und Kanälen unsere Meinung äußern. Niemand verfolgt uns dafür, vor dem wir in die virtuelle Welt flüchten müßten.
Anders in Syrien. Ein falsches Wort, eine nicht genehmigte Versammlung (als solche gilt bei Bedarf jede private oder öffentliche Zusammenkunft von mehr als fünf Personen, bei der politische oder wirtschaftliche Themen diskutiert werden) können geradewegs ins Gefängnis führen.
Der Schlüssel zur Allgewalt des Staates liegt im Ausnahmezustand, seit 1963 in Kraft.
Dem Versammlungsverbot war auch das Atassi-Forum zum Opfer gefallen, jener zunächst hoffnungsvoll gestartete politische Salon für nationalen Dialog, in dem syrische Intellektuelle und politische Dissidenten über eine demokratische Zukunft Syriens debattierten. Das war in den Jahren 2001 bis 2005, nach dem Tod des syrischen Präsidenten Hafez al-Assad, im sogenannten „Damaszener Frühling“, einer - kurzen - Phase des politischen Aufbruchs.
Doch schnell gewannen die Hardliner wieder an Übermacht. Eines nach dem anderen wurden die politischen Foren geschlossen, viele ihrer Teilnehmer verhaftet.
Doch nun ist das Atassi-Forum, benannt nach Jamal Atassi, einem führenden syrischen Intellektuellen, der im Jahr 2000 starb, wieder da: auf Facebook.
Anders als in der realen Welt können die Machthaber es dort nicht einfach schließen. Zwar ist Facebook in Syrien offiziell blockiert. Das aber hält vor allem junge Syrer nicht davon ab, die Seite ausgiebig zu nutzen. Programme wie Ultrasurf, ursprünglich für die zensurgeplagte chinesische Internetgemeinde entwickelt, oder Torproject oder YourFreedom öffnen fast alle Türen, die das syrische Regime im Internet gern geschlossen halten möchte.
Am 26. Dezember letzten Jahres gestartet, hat das virtuelle Atassi-Forum auf Facebook bereits mehr als 300 Mitglieder. Ein weiterer Vorteil: Anders als früher bei den physischen Zusammenkünften in Damaskus können sich im Netz Reformwillige in Syrien mit Syrern im Exil austauschen
"Unser Ziel ist einfach", sagte Suhair al-Atassi, Tochter des verstorbenen Jamal Atassi und Präsidentin des Forums. "Wir wollen den Dialog, der unterbrochen wurde, fortsetzen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“
Mittels elektronischer Abstimmung werden die Debattenthemen ausgewählt, zu denen dann jeweils ein Mitglied ein Thesenpapier schreibt. Zwei Wochen lang tauschen die Mitglieder dann ihre Ansichten und Ideen aus. Bislang diskutiert: die Rolle der syrischen Jugend für die Reformbewegung, Möglichkeiten und Methoden des gewaltfreien Widerstands sowie die Zukunft der „Damaskus Deklaration“, der bislang umfassendsten Reformgruppe in der syrischen Opposition, deren 12 führende Mitglieder seit anderthalb Jahren im Gefängnis sitzen.
Facebook mag eine Spielwiese sein. In Ländern aber, in denen die Machthaber verfügen, welche Spiele erlaubt sind und welche nicht, schafft die Spielwiese schlicht Luft zum Atmen.




