Rote und schwarze Listen

Über den Tod der Regionalzeitung

Von Wolfgang Michal

Neulich fragte mich - zu Trainingszwecken - ein Journalistik-Student am Telefon aus. Nach einiger Zeit kam er auch auf die Zeitungskrise zu sprechen. Wie ich die beurteilen würde: Wird es in zehn, 20 Jahren noch Regionalzeitungen geben?

Ich sagte: Nein. Das Nein kam ohne Zögern. Und noch während ich es aussprach, hatte ich das Gefühl, zu apodiktisch zu sein, ja vielleicht arrogant zu klingen. Woher sollte ich die Zukunft so genau kennen? War es nicht in Wahrheit eine Vermutung, ein Vorurteil, eine Trotzreaktion – hervorgerufen durch die anhaltende Ignoranz der Internet-Basher in den gedruckten Medien, die sich Augen und Ohren zuhalten, um ihre journalistische Neugier nicht auf den eigenen Beruf anwenden zu müssen?  

Es entstand eine lange Pause.

Ich hätte sie nutzen können, um meine Aussage ein wenig zu relativieren. Um dem sympathischen Studenten Hoffnung zu machen. Aber ich tat es nicht. Ich hatte gerade zwei Listen gesehen, die den Tod der Regionalzeitungen unmissverständlich ansagten.

Die eine Liste bestand nur aus roten Zahlen. Es war die neue IVW-Liste mit den Auflagenzahlen des vierten Quartals 2009. Praktisch alle Regionalzeitungen hatten gegenüber dem vierten Quartal 2008 kräftig an Auflage eingebüßt. Kein Lichtblick, nirgends.

Eine Delle, könnte man einwenden, eine Schwächeperiode. Nach der Krise werde es wieder aufwärts gehen.

Aber da lag die andere Liste. Es war eine schwarze Liste! Erstellt vom Deutschen Journalistenverband (DJV). Der DJV hatte alle Verlage gelistet, die ihre Zeitungen mit Hilfe von Leiharbeitsfirmen machen lassen. Diese Verlage „verkaufen“ ihre Redaktionen praktisch an Zeitarbeitsfirmen, um so die Tariflöhne zu umgehen. In den Zeitarbeitsfirmen erhalten die Journalisten natürlich nur noch einen Bruchteil ihres bisherigen Einkommens.

Hält man die schwarze Liste der Verlage neben die rote mit den Auflagenzahlen, kann man sich ausrechnen, wie schnell der Tod der Zeitungen eintreten wird.

 

Lesen Sie dazu auch: „Neues von der Heimatfront“



Kommentar



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Andreas Gent

http://agentengeschichten.blogspot.com/

Sonntag, 24-01-10 19:52

Frau Bunz behauptet das lokale Berichterstattung 2010 ein Trend wird: http://www.guardian.co.uk/media/pda/2009/dec/23/trends-2010-hyperlocal-media - so ist das mit Journalisten.

 

Kai Hamann

Donnerstag, 04-02-10 18:36

Ihr seht nur die Seite der Journalisten, die einen festen, gesicherten Job 9-5 haben wollen und die Umsätze der "Großen".

Durch das Zurückziehen auf einen Einheitsbrei tun sich interessante Lücken auf. Ich habe schon mal diskutiert, für meinen Stadtteil das zu tun, wofür sich die etablierten Zeitungen zu schade sind: Berichten über Lokales. Das geschieht in den Zeitungen nur noch im Zusammenhang mit Promis, Sex+Crime, In-Läden (oder werden, die es werden wollen). Und natürlich nur dann, wenn die Artikel auch überregional oder zweitverwertet werden können.

Alternativen könnt Ihr Euch selber ausdenken. Das Geschäft ist da und die Verlage lassen immer mehr davon links liegen. So kann man sich auch vor die Wand fahren.

Alles Gute
Kai Hamann

 
 

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