Verlogene Enthüllung
Wenn der Stern mit Fingern auf die Bunte zeigt...
Wie sie sich jetzt alle aufregen, weil die Bunte – laut Stern – eine so genannte Fotoagentur beauftragt hat, Müntefering, Lafontaine und Seehofer (und wen noch?) zu beschatten, um Material für schmierige Geschichten zu sammeln! „Die Jagd nach intimen Details aus dem Leben Prominenter nimmt immer schärfere Formen an“, echauffiert sich die Süddeutsche Zeitung, Spiegel online spricht von Methoden, „die man von Hollywood-Paparazzi kennt“. Dabei waren sie bei der Bunten einfach nur zu blöd und haben eine Viertelmillion Euro für etwas bezahlt, was sie auch für lau hätten kriegen können, weil es längst normal ist und von billigen Hilfskräften in den Redaktionen erledigt wird. Der eigentliche Skandal scheint zu sein, dass nun auch Spitzenpolitiker Opfer widerlicher Recherchemethoden werden.
Ich war eine Zeit lang einer von mehreren Lokalreportern der Berliner Zeitung. Da blieb es nicht aus, dass der Ressortleiter ab und zu einen von uns los schickte, weil irgendwo in der Hauptstadt etwas Grauenhaftes passiert war. Jemand hatte sein Kind verhungern lassen oder seine Frau grün und blau geschlagen, solche Geschichten. Wenn also einer von uns raus musste – auch wenn er sich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte –, dann waren sie alle längst da: die Praktikanten (meistens) oder Freien (häufig), von Bild, B.Z. (nicht zu verwechseln mit der Berliner Zeitung) und Berliner Kurier. Sie saßen für die Praktikantenehre oder höchstens ein paar Euro Honorar vor dem Ort des Geschehens in Autos, hatten die Scheiben runter gedreht, sie rauchten und hatten Fotoapparate im Anschlag mit Objektiven so lang, dass sie damit mühelos in die dunkelste Ecke der Intimsphäre derer knipsen konnten, die durch eine schreckliche Sache plötzlich zu öffentlichen Gestalten gemacht wurden.
Manche der Praktikanten schienen viel zu jung zu sein für das, was sie taten. Aber wahrscheinlich genau deshalb fühlten sie sich wie Detektive, die in einer ganz heißen Sache unterwegs waren. Sie klingelten an den Wohnungstüren der Betroffenen und nutzten deren Schockstarre aus, um sie zu zitierfähigen Äußerungen zu bringen. Sie heuchelten Zutrauen und Verständnis, bis sie ein Kinderfoto des Opfers in die Hände bekamen. Sie belästigten Nachbarn, bis die ihnen erzählten, was das für Menschen sind, die so etwas Schreckliches tun. Manchmal dauerten solche Schnüffeleien viele Stunden, aber sobald sie die Story hatten, rauschten die Zuträger des Boulevard wieder ab.
Wo ist der Unterschied zum Fall Bunte?
Es gibt keinen, abgesehen davon, dass Müntefering, Lafontaine, Seehofer und Verheugen (wie der Spiegel inzwischen meldet) offenbar über Monate verfolgt werden mussten, was aber nur daran liegt, dass deren Leben viel unspektakulärer ist, als wir bzw. die Bunte-Redaktion es uns vorstellen. Bei denen, die durch eine schreckliche Tat in den Blick der Medien gerieten, war es meistens eine schnelle Sache, weil es um ein konkretes Ereignis ging, dass medial ausgeleuchtet werden musste, bis es vom nächsten Skandal abgelöst wurde. In beiden Fällen aber wurde systematisch alles dafür getan, irgend etwas Verwertbares mit in die Redaktion zu bringen; bei der Suche nach Münteferings Wohnung (deren Lage im Berliner Regierungsviertel allgemein bekannt ist) machte einer der Fotoagentur-Leute nichts anderes als die Bild-Praktis: Er erkundigte sich in der Nachbarschaft nach dem prominenten Hausbewohner und hing über Stunden dort herum, wo Müntefering wohnen sollte, bis er eine Limousine vorfahren sah, die Müntefering abholte. Erst da wusste auch er genau, wo der damalige SPD-Vorsitzende wohnte.
Dass sich ausgerechnet der stern jetzt seiner Enthüllung über zweifelhafte Recherchen rühmt, ist übrigens mehr als verlogen. Erinnern wir uns an den 11. März 2009, als in Winnenden ein junger Mann in seiner ehemaligen Schule und der Umgebung 15 Menschen und am Ende sich selbst erschoss. Der Stern war seinerzeit ganz vorne mit dabei, als es darum ging, möglichst tief in die Privatsphäre der Angehörigen der Opfer einzudringen. Während das Magazin heute genüsslich die Recherchemethoden der von der Bunten beauftragten Fotoagentur ausbreitet, hat sich seine Chefredaktion nach Winnenden standhaft geweigert, die eigenen Methoden der Bilderbeschaffung offen zu legen. Viel sauberer als im Fall Bunte dürften die auch nicht gewesen sein.



