Heute: Nichtsdestotrotz

Eine Eloge an Jupp Heynckes und 80 Prozent seiner Landsleute

Carl Vogel, von 1976 bis 1989 Präsident der Hamburger Hochschule für Bildende Kunst,  war einer der verrücktesten und somit anstrengendsten Sammler aktueller grafischer Kunst, die er teils erworben, teils ihren Urhebern, sagen wir, abgeluchst hat. Hunderte von Blättern aus seiner Kollektion besitzt heute das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg.

Ich lernte ihn kennen, weil er gelegentlich mit spitzem Stift Beiträge für das Kunstmagazin art schrieb, die ich  zu redigieren hatte. Bei Carlchen, wie ihn alle, vermutlich wegen seiner etwas gedrungenen Statur, nannten, war das leicht, denn ihm, dem eigenwilligen Grafik-Guru, musste und durfte man Formulierungen durchgehen lassen, die man bei anderen Autoren gestrichen oder geglättet hätte.

Einmal habe ich doch etwas gestrichen. Worum es in dem Artikel ging, weiß ich nicht mehr, aber seit Jahren bedaure ich, dass ich eine skurrile Wortbildung von ihm, die mir nie aus dem Kopf ging, begradigt habe. Mit anderen Worten: Ich weiß inzwischen, dass ich mich damals einer der typischen besserwisserischen Textchef-Schweinereien schuldig gemacht habe. Das von Carl Vogel geprägte Wort lautete:

               Gleichwohlindessenhinwiederumjedennoch

Ohne viel Nachdenken strich ich die ersten zehn Silben weg und kam mir dabei auch noch irgendwie verantwortungsvoll vor. Seltsamerweise hat sich Carl Vogel (1923 – 2006) nicht einmal bei mir beschwert, was er eigentlich gerne tat. Wie gesagt, ich bedauere diesen Strich, je länger je mehr. Was mit dem Wortungetüm gemeint war, ist klar: ein sozusagen höchst entschiedenes dennoch gegen irgendetwas, das ihm aufs Schmerzlichste gegen den Strich ging.

Strich, aus. Vogels Neologismus blieb unverbreitet, und der Ruhm des Mannes, dessen Geburtstag sich heute, am 14. November, zum 88. Mal jährt, bleibt im Großen und Ganzen auf sein exzessives Sammlertum beschränkt. Wer den studierten Erziehungswissenschaftler, der mal als Volksschullehrer angefangen hatte – wer ihn besuchte, der musste sich mit äußerster Vorsicht bewegen, denn in Vogels Wohnung stapelten sich die Grafik-Blätter beinahe hüfthoch auf nahezu jedem Quadratmeter Boden. Zwischen den Stapeln gab es schmale Pfade.

Der Anekdoten über Vogels Sammler-Methoden gibt es viele, gleichwohlindessenhinwiederumjedennoch komme ich jetzt auf mein eigentliches Zielwort zu sprechen, auf nichtsdestotrotz. Ich wette, fast jeder, der dies liest, hat es Dutzende, ja hunderte von Malen ohne jegliches Erstaunen vernommen, und zwar aus so gut wie, sagen wir, 80 Prozent der Münder dieser Republik, die man in Rundfunk, Fernsehen, Printmedien zu Wort kommen lässt. Ich wette sogar, dass viele es selbst schon benutzt haben.

Das Wort nichtsdestotrotz ist in meinen Ohren, politically incorrect gesagt, ein Wortkrüppel, der mich, wiewohl sonst ein gewisser Gewöhnungseffekt eintritt, immer wieder zusammenzucken lässt. Jupp Heynckes verwendet ihn in fast jedem seiner zahlreichen Statements. Die Bayern, sagt er, seien gut aufgestellt, nichtsdestotrotz müsse man noch an diversen Positionen präziser werden, die Automatismen internalisieren. Ja, solche Formulierungen hört man gern vom, ganz ehrlich gesagt, sprach- und redegewandten Spitzencoach.

Nichtsdestotrotz, das vernimmt man von allen, von Politikern, Chefärzten, Schauspielern, Musikern, Fernsehmoderatoren, Tierwärtern, Fahrlehrern, Umweltschützern, Winzern, Gänsemästern, Bahnschaffnern, Germanistikprofessoren, Mineraliensammlern und Sachbuchautoren. Vermutlich wird es bis zu meinem letzten Lebensmonat dauern, bis ich bedauere, dass ich dieses Wort nicht mag. Bei Carl Vogels fast genialer Kompilation gleichwohlindessenhinwiederumjedennoch habe ich ja auch Jahre gebraucht, bis ich mir reumütig sagte: Dieses originelle Wort hast du gekillt. Wie willst du das gutmachen? Gutmachen geht nicht, aber Reue bekunden geht.

Lang, lang ist’s her, da haben wir, gelegentlich, statt der Wörtchen aber oder doch, die’s gemeinhin ja auch tun, sofern wir sie überhaupt brauchen, das gewählt und nachdrücklich klingende Wort nichtsdestoweniger eingeworfen, wenn die andern anders nicht zu überzeugen waren. Das ist eine feine Lehnübersetzung aus dem lateinischen nihilominus. Im Band 13 des Grimmschen Wörterbuches wird es mit schönen Beispielen, unter anderen von Wieland, zitiert, auch in der noch gewählter tönenden Form nichtsdestominder. Einer meiner schlechten Lateinlehrer wusste die Lacher auf seiner Seite, wenn er sagte: Sie haben sich diesmal ja etwas mehr angestrengt, Welti. Niholotrotzquam musste ich Ihnen wieder eine Fünf geben.


Irgendwann hat ein halbwegs witziger Mensch aus nichtsdestoweniger und trotzdem das – bei seiner ersten Verwendung – halbwegs lustige Wort nichtsdestotrotz kombiniert und war stolz darauf, dass alle lachten oder staunten. Aber er (oder sie) war bestimmt nicht darauf gefasst, dass das eigentlich widersinnige Wort in den deutschen Sprachschatz eingehen und Jupp Heynckes sowie meinem Zahnarzt zu gesteigerter Eloquenz verhelfen würde. Aber so ist es nun mal, zum Glück für die Sprache geht’s in ihr nicht logisch zu, sonst hätten wir viele schöne Wörter nicht, bei denen wir gar nicht mehr ahnen, wie unlogisch sie zustande gekommen sind. 

Gleichwohlindessenhinwiederumjedennoch wollen wir noch mal Carl Vogel preisen, der, erstens, seine Sammlung und, zweitens, Wörter gewaltig aufzublähen verstand und dabei, anders als der anonyme Schöpfer von nichtsdestotrotz, noch nicht einmal einen Denkfehler begangen oder in Kauf genommen hat.

Ganz zum Schluss geben wir den versierten Redigierern dieser Republik noch eins auf den Deckel, den durch die Bank genitivistischen Textpäpsten, die einen Satz wie diesen nicht durchgehen lassen würden: „Trotz dem schlechten Wetter verzichtete er darauf, den Mantel aus dem Schrank zu holen.“ Muss doch heißen: „Trotz des schlechten Wetters…“ Wirklich? Wer hat das eigentlich angeordnet? Warum benutzen wir dann die Dativkonstruktion trotzdem? Trotze ich des Sprachdiktats oder dem Sprachdiktat?, frage ich die Deutschwärter.

Acht von zehn Wärtern antworten: Das iss eben so. Einer sagt: Nerv nicht! Der Zehnte: Kann ja sein, dass du ein bisschen Recht hast, aber willst du die hundertzwanzig Leserbriefe beantworten, in denen die Oberlehrer der Nation auf dem Genitiv bestehen?


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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