Heute: Welt und Zeit

Was wäre, wenn wir genug davon hätten

Angenommen, die exzellenten Fußballerinnen des deutschen Nationalteams hätten noch fünf Minuten länger Zeit gehabt – wer weiß, ob sie nicht im Halbfinale der Welt-Meisterschaft gelandet wären.

Weltmeisterschaft. Da bedeutet das Wort Welt eindeutig unseren Erdball. Wir könnten auch sagen: Erdmeisterschaft. Tun wir nicht, Welt klingt großartiger. Wenn dereinst an irgendwelchen Championships Wesen von fernen Exoplaneten teilnehmen sollten, sei es virtuell, sei es physisch, wäre Weltmeisterschaft das treffende  Wort, zur Zeit ist es eigentlich vermessen, gemessen daran, was wir mit Welt heute ausdrücken. Welt ist ein Wort mit ungeheuer vielen Bedeutungen und Nuancen. Es grenzt an ein Wunder, dass wir alle sofort verstehen, was gemeint ist.

Weltkreis, Weltraum, Weltall.

Weltmann, Weltfrau.

Weltweit, weltläufig, weltgewandt.

Ein Weltereignis, weltbewegend.

Weltuntergang, Weltgericht.

Weltlich.

Die Welt der kleinen Leute, der schicken Leute, der Reichen, der Holzfäller, der Goldsucher, der Bluesmusiker.

Der Ordnung halber wiederhole ich die vertraute Etymologie von Welt. Es war mal ein aus zwei wichtigen Wörtern zusammengesetzter Begriff: weralt. Der erste Teil, wer, bedeutet Mensch (lateinisch vir), der zweite, alt, bedeutet Alter, Zeit.  So stand weralt (altenglisch woruld) für Zeit des Menschen, Menschenalter.

Dass aus weralt, Menschenalter, eine großartige Metapher wurde für alles, was uns, im Großen und Kleinen, im Universum, umgibt, ist eine großartige Leistung, ein Beleg für unser kollektives Sprachgenie.

Die indogermanische Wurzel al steht für wachsen und nähren. Alt bedeutete soviel wie genährt, wohlgenährt, gut aufgewachsen. Lateinisch altus heißt hoch, groß gewachsen.

Welt begreifen wir heute, auf Anhieb befragt, wohl mehr als Raum denn als Zeit. Vor tausend Jahren hätten wir es mehr als Zeit denn als Raum begriffen, und doch in etwa dasselbe ausgedrückt. 

Das Wort Zeit hat sich, mit der Zeit, beinahe in sein Gegenteil verkehrt. Die indogermanische Wurzel, der es, wie englisch tide (Gezeiten) und niederdeutsch Tide, entstammt, meint, laut Etymologie-Duden: teilen, zerschneiden, zerreißen. Zeit ist, von seinem Ursprung her, ein Abschnitt, ein definiertes Stückchen von dem, was verrinnt, die Mittagszeit, die Brotzeit, die Mahlzeit.

Unser großes Konzept von Zeit – Physiker und Philosophen werden mir sofort ins Wort fallen – ist die Vorstelllung von einem Kontinuum, einem ewig und gleichmäßig fließenden Strom von…

Wovon? Zeit, sagen gelehrte Leute, ist eine Illusion.

Trotzdem macht das Uhrengewerbe gute Geschäfte, und ich verzichte ungern auf meine Rolex (ehrlich gesagt, eine Swatch) und den Wecker, der mich am Morgen aus dem Bett scheucht. Damit sind wir aber wieder bei der Zeit als einem Zeitpunkt, einem Termin, einer Zeitspanne (die für unsere fabelhaften Fußballerinnen vielleicht nur fünf Minuten zu kurz war).

Bleiben wir beim großen Konzept, sind Zeit und Raum so miteinander verbunden, dass uns schwindlig wird. Nach der Relativitätstheorie, sagt mir Wikipedia, bildet die Zeit mit dem Raum eine vierdimensionale Raumzeit, in der sie die Rolle einer Dimension einnimmt. Ich begreife das nicht, ahne aber, dass unsere Ahnen, als sie sich über die Jahrhunderte auf den inzwischen zum Wort Welt zusammengeschnurrten Begriff weralt verständigten, den Zusammenhang zwischen Raum und Zeit intuitiv besser erkannten als die Rolex-Generation.

„Had we but world enough, and time ...“

Das ist die erste Zeile des Liebesgedichts „To His Coy Mistress“ von Andrew Marvell (1621 bis 1678), einem britischen Politiker und Poeten. Die Anfangszeile ist, zu Recht, berühmt, wurde von modernen Autoren oft zitiert oder wiederverwendet. Ich vermute, dass sich in Marvells Kopf die Bedeutungen von  world und time noch deutlicher überschnitten als in unseren Gehirnen.

Die 46 Zeilen des Gedichts kann sich jeder googeln, die ersten 20, nach meinem Urteil die schönsten, gebe ich hier in meiner zwangsläufig ziemlich freien Übersetzung wieder, ihr Zauber wirkt im Original hundert Mal stärker.

Hätten wir Welt und Zeit im Überfluss,

Vergingen hundert Jahr bis zum ersten Kuss.

Wir würden, scheue Dame, warten, ohne Hast,

Bis Mund zum Mund und Herz zum Herzen passt.

Und keine Weile würde sich zu lange dehnen,

Wir wären froh und fest in unserm Sehnen.

Du suchtest , fern am Ganges-Strand, nach Rubinsteinen,

Ich würde hier, am Humber-Ufer, glücklich um Dich weinen,

Und was ich säh und sehnte, würde weggetrieben

Und in der Nordsee untergehen. Doch wir blieben

Verherzt und froh, denn Welt und Zeit besäßen wir.

Du könntest sagen: Warte tausend Jahre. Warte hier.

Und wartend müsste meine Liebe sich beweisen,

die Augen und die Stirn in hundert Jahren preisen,

Sie schenkt den lieben Brüsten zweimal hundert,

Und alles, alles wird zehn Leben lang bewundert.

Dein Herz indessen pries ich tausend Jahre,

Kein Jahr zuviel, du scheue Dame. Ich bewahre

Dein holdes Bild getreu in mir. Und bliebe

Am Ende nur ein Tag: Dein wär sie, immer, meine Liebe.

 

Das ist der, sagen wir, hehre Teil des Gedichts. In den beiden folgenden Absätzen fleht Marvell, mit deutlichen Worten, um leibliche Liebe, und zwar sofort. Denn at my back I always hear/Time’s winged chariot hurrying near. Schenk mir, schlägt er vor, schnell deine Jungfräulichkeit, bevor sie im Grab den Würmern anheim fällt. Lass uns in Lust vergehen, ehe uns die Zeitkarosse einholt und wir ohne Lust vermodern.

Had we but world enough, and time

Das ist eine Zeile, die einem erst einmal einfallen muss. Zu Andrew Marvells Lebzeiten ist sie nicht veröffentlicht worden. Sie wird bald 400 Jahre gut überstanden haben, weil sie schön ist, und wir wünschen uns, dass seine scheue Geliebte sie gehört hat.

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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