Eine Jury am Stellwerk

Die Rücknahme des Kisch-Preises ist eine Entgleisung

Von Emanuel Eckardt

Die Forderung der Jury an den „Spiegel“-Reporter René Pfister, den feierlich verliehenen Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage des Jahres 2010 zurückzugeben, ist ein Skandal, weil dies den Preisträger als Trickbetrüger erscheinen lässt, der seine Leser und eine hochkarätig besetzte Jury von Chefredakteuren hinters Licht geführt hat.

Man wirft ihm vor, den Hobbykeller des Politikers Horst Seehofer beschrieben zu haben, den er selbst nie gesehen hatte. Aber das hat er auch nie behauptet. Er hat seine Geschichte sauber recherchiert und geprüft, wobei ihn der Politiker Horst Seehofer mit ausführlichen Detail-Informationen versorgt hat, und auch Kollegen in der Redaktion, die den Keller gesehen hatten, in dem der CSU-Vorsitzende seine Modelleisenbahn fahren lässt.

Pfister hat im „Spiegel“ ein amüsantes und hintergründiges Porträt geschrieben. Die Jury, die entschied, dieser Geschichte den wichtigsten deutschen Reportage-Preis zu verleihen, mag manches übersehen haben, was im letzten Jahr preiswürdig war, aber sie wurde mit dieser Arbeit nicht getäuscht. Wenn das typische Reportage-Element fehlte, das Blinken der Birnen, das Rauschen der Züge, das Verhalten des Weichenstellers, kurz alles was in wenigen Sätzen die Atmosphäre einer Modellbahnanlage hätte lebendig werden lassen, dann hätte das der Jury, die einen Reportagepreis vergibt, eigentlich auffallen können.

René Pfister hat eine ehrliche Arbeit abgeliefert, ein unterhaltsames politisches Porträt. Er hat nichts vorgetäuscht, nichts hinzugefügt. Punkt.

Übrigens wurde nicht zum ersten Mal ein politisches Porträt mit dem Kisch-Preis ausgezeichnet. Birgit Lahann hat ihn für ein glänzend geschriebenes Porträt Hans-Dietrich Genschers im „stern“ bekommen. Jürgen Leinemann, der für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, hat die Gattung des politischen Porträts zu einem Glanzlicht des Qualitäts-Journalismus werden lassen, der politischen Reportage.

Peinlich ist es, jetzt den feierlich verliehenen Preis zurück zu fordern, weil der Autor auf offener Bühne unbekümmert offenbarte, dass er nie in Seehofers Keller gestiegen sei. Die Jury blamiert sich mit diesem Akt der Vergeltung. Sie sollte sich bei René Pfister entschuldigen, den Henri wieder rausrücken und das mit den Jahren auf 6000 Euro geschrumpfte Preisgeld auch.

Der Autor ist Kisch-Preisträger des Jahres 1982.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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