Heute: Geheimsachen

Kein Problem fuer Dechiffrierer

Heute ist ein Thema dran, das ist so geheim, dass wir es nicht verraten können, jedenfalls nicht gleich. Es geht um gdv Jhkhlpqlv.  Ha, höre ich jemand denken, das haben wir gleich. Er (oder sie) kopiert die zwölf Buchstaben in das haushaltsuebliche Dechiffrierprogramm, und es dauert knapp zwei Hundertstelsekunden, bis  das Programm die Uebersetzung ausspuckt.

War ja auch nicht schwer. Man muss nur das Alphabet kennen und fuer jede Letter den drei Stellen weiter liegenden Buchstaben setzen, wahlweise den fuenften, den siebten, den siebzehnten. Wer ueber kein Dechiffrierprogramm verfuegt, braucht etwas länger, aber wenn’s, zum Beispiel, ein Liebesbrief ist, nimmt man sich schon mal ein Stuendchen Zeit. Lfk olheh glfk, vfkrhqh Iudx.

Wie viele Buchstaben man weiterruecken muss, könnte der Verfasser im Datum des Briefes andeuten. Oder man weiß: Das ist der neunte Brief, also neun. Aber wir vereinbaren zusätzlich, dass wir jede durch drei teilbare Zahl auch durch drei teilen, also wird fuenfzehn zu fuenf und einundzwanzig  zu sieben. Das schaffen wir gerade noch, aber, wie gesagt, die Dechiffrierprogramme sind so gut, dass wir, bei entschlossenen Geheimnisenthuellern, keine Chance haben. Deshalb hören wir jetzt mit der Geheimniskrämerei auf und geben preis, was alle schon wissen: gdv Jhkhlpqlv steht für das Geheimnis.

Nehmen wir die Vorsilbe Ge- und die Nachsilbe  –nis weg, bleibt Heim, und da fuehlen wir uns ja (meistens)  zu Hause, aber was hat das Heim mit Geheimnis zu tun? Auf den ersten Blick wenig, doch wenn wir kurz nachdenken, ahnen wir, dass es im Heim nicht immer nur heimelig, sondern auch heimlich zugehen kann. Das fuehrt uns auf die falsche Fährte, aber ehe wir auf der herumtappen, machen wir einen Abstecher zu anderen uns halbwegs bekannten Sprachen und erwähnen, dass geheim auf Englisch secret und auf Italienisch segreto heißt.

Beide Wörter gehen aufs lateinische Verb secernere , trennen, zurueck, genauer gesagt auf dessen Perfektpartizip secretus  (abgeschieden, getrennt), das wir als Fremdwort in spezieller Bedeutung weiterverwenden. Eine Weiterbildung ist der secretarius, also der Vertraute (Schreiber), der die Angelegenheiten seines Herrn geheim zu halten hat, und wehe nicht. Noch im fruehen Neuhochdeutsch wurde der Sekretär gerne auch Haimlicher, Heimlicher genannt.

Die Wörter geheim und secret gehen somit von zwei scheinbar verschiedenen Anschauungen aus. Im Deutschen war geheim das, was zum Haus, zur Familie gehörte, also das Vertraute. Bei den Abkömmlingen des Lateinischen ist secretus das, was abgetrennt ist, also nur wenigen bekannt, der Öffentlichkeit  vorenthalten. So sind beide Bildungen, vom Konzept her, gar nicht so weit voneinander entfernt, nur einmal von innen, einmal von außen gesehen.

Das Wort heimlich gab es frueher als das zunächst komplett gleichbedeutende geheim. Heute gibt es Nuancen bei der Verwendung, wir stempeln irgendwelche Akten „geheim“ und nicht „heimlich“, wir haben keine Heimlich-, sondern Geheimdienste, deren Mitarbeiter wir gerne mal als Schlapphuete oder auch als Heimlichtuer bespötteln, während  sie sich im Dienst des Vaterlandes verzehren.

Einige Wortwechsel-Leserinnen kennen sicher das schöne Volkslied

Kein Feuer, keine Kohle/ kann brennen so heiß/ als wie geheime Liebe,/ von der niemand nichts weiß.

Abschweifung: Wer dies Lied kennt, mag es, auch wegen seiner feinen Melodie. Aber schreiben Sie mal in einem Geschäftsbrief, etwa: „…eine Angelegenheit, von der bis zur Stunde  niemand nichts weiß.“ Irgendein Besserwisser mit Kleinem Latinum wird Ihnen sofort zurufen: Duplex negatio est affirmatio. Und mit „als wie“ riskieren Sie Ihren Sekretärsjob - ohne größere Abfindung.

Was an dem eben geschriebenen Zitat wirklich falsch ist, ist nicht die doppelte Verneinung und nicht das „als wie“, das uns die Schulmeister ausgetrieben haben, sondern das Wort geheim. Die Verse lauten richtig:

Kein Feuer, keine Kohle/ kann brennen so heiß/ als wie heimliche Liebe,/ von der niemand nichts weiß.

 


 

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Karin Fischer

Mittwoch, 08-06-11 21:38

Kleine Korrektur der Wortbedeutungen....

Lieber Alfred,

oh! Mein Kommentar von vorhin verdient eine glatte 6!!!
Da hatte ich die Bedeutung der Silbe "un"heimlich unbekümmert unterschlagen und bezog mich nur auf das Gefühl von "unheimlich" im üblichen Sprachgebrauch. Das musste ich jetzt unbedingt klarstellen.
Bitte um Vergebung,
herzlichen Gruß von Karin

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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