Heute: Salute
Was Gesundheit mit Tempo und Bosheit zu tun hat
Liebe Kneippianer, liebe Kelloggianer, liebe Wellnessies, liebe Fitnessies, lassen Sie uns mit zertifiziertem Mineralwasser auf die Gesundheit anstoßen. Salute, prosten sich die Italiener zu, Gesundheit, und wenn ein Italiener einen Trinkspruch ausbringt , dann heißt das brindisi, das dazugehörige Verb brindare. Dieses brindisi hat nichts mit der gleichnamigen Stadt zu tun, soll vielmehr einer deutschen Redewendung entstammen, was so unwahrscheinlich klingt, dass ich die Erklärung aus dem großartigen „Dizionario etimologico della lingua italiana“ nur in einer Fußnote weiterzureichen wage, die Sie wiederum nur bei krankhafter Neugier lesen sollten (attenzione, einige Krankenkassen erkennen Neugier nicht als Krankheit an).
Jetzt aber joggen wir erst mal ein paar Meilen, und zwar mit hinreichender Geschwindigkeit, denn sonst macht die Übung keinen Sinn. Geschwind und gesund gehören zusammen, hören wir den voraustrabenden Fitness-Trainer intonieren, und so lernen wir ächzend etwas, das unseren Urururahnen selbstverständlich war. Sagten die Germanen, als sie noch gar nicht so hießen, gesund, dann war ihnen bewusst, dass dieses Wort mit geschwind zusammenhängt, so, wie uns ohne Nachdenken klar ist, dass ach mit ächzen, Krach mit krächzen und wach mit wächzen… Nein? Na gut, mit wecken zusammenhängt.
Richtmikrophone erlauschen längst verklungene Laute
Die Altvorderen konnten sprachliche Entwicklungen, auch wenn sie sie selbst anstießen, nicht so gelehrt begründen wie die Sprachkundigen unserer Tage, die unsere Vorfahren mit hochempfindlichen, die Laute ferner Jahrhunderte hörbar machenden Etymikrophonen belauschen. Dabei fanden sie heraus, dass ga-sunda, das schon so viel wie gesund oder unversehrt bedeutete, im Ablaut zu einem Adjektiv steht , das irgendwann mal stark, heftig, ungestüm, rasch, ja sogar grimmig oder böse hieß und sich als geswinde mit der Bedeutung schnell, ungestüm ins Mittelhochdeutsche schummelte. Im Neuhochdeutschen hat sich dann auch noch das Ungestüme verabschiedet, und von Bosheit kann heute nicht mehr die Rede sein. Speed und Wellness, da hat unser Fitness-Trainer mit seinem Fitness-Deutsch schon Recht, fit well.
Überanstrengt halten wir inne im Dauerlauf, wie das Jogging vor ein paar Zeitaltern kurioserweise hieß, trinken ein Gläschen Wasser und prosten unseren englisch-amerikanischen Wortlieferanten dankbar zu. Your health! Mit dem englischen Wort für Gesundheit sind wir bei der großen Wortsippe von heil und heilen. Auf den britischen Inseln hat sich aber auch das germanische Wörtchen sunda gehalten, zumal in der Prägung sound and safe, gesund und wohlbehalten. Und die Heil-Familie hat dort, neben dem seltenen hale (hale and hearty, gesund und munter), noch einen kaum mehr als Familienmitglied erkennbaren, aber vielbeschäftigten Cousin dritten Grades, der auf den Namen whole hört. Das Konzept ist einsehbar: Wenn was ganz ist, dann ist es heil. Woher das Wörtchen ganz stammt, das fragen unsere Wortforscher die ganze Zeit, ohne die rechte Antwort zu hören, ganz so leistungsstark sind ihre Richtmikrophone eben doch nicht.
Jetzt hat uns der Fitness-Trainer auch noch mit etlichen exercises gemartert, und wir drücken uns mehr oder weniger kranc (mittelhochdeutsch) auf dem Fitness-Pfad herum, der früher als ungepflegter Waldweg dahin siechte. Kranc war mal ein Ausdruck für was Gebogenes, Rundes, Gebeugtes, bis es, im Deutschen, das Wort siech ablöste. Die Niederländer sind dabeigeblieben, die Engländer haben sick mit einigen Nebenbedeutungen wie überdrüssig aufgeladen, und wir benutzen siech nur noch für ganz hoffnungslose Fälle.
Aber sowas kann uns ja ganz bestimmt nicht widerfahren. Wir strecken uns, joggen die letzten zehn Kilometer zurück zum Start und finden dort sanitäre Anlagen vor, aus denen das San Pellegrino in den europäischen Wasserhaushalt zurückgeleitet werden darf. Italienisches acqua veredelt nun deutsche Kläranlagen und fließt, gründlich gereinigt, in die Aue, die, samt allen deutschen Fluss- und Ortsnamen auf –ach, über die indoeuropäische Ecke eine Verwandte des lateinischen Wortes aqua ist.
Die öffentlichen sanitären Anlagen in China sind, nicht erst zu den Olympischen Spielen von Beijing und zur Weltausstellung in Shanghai, stark verbessert worden, wenn auch nicht landesweit. Früher sagte man fürs Klo cesuo, was nicht viel mehr als Platz oder Ort heißt und ebenso ungebräuchlich wie unser Abort wird. Heute trippeln Chinesen, die auf sich halten, ins weishengjian, in den Hygieneraum - wie die Angelsachsen, die mehrheitlich längst nicht mehr das loo (aus französisch l‘ eau) oder die toilet (auch so ein französischer Euphemismus) aufsuchen, sondern den bathroom, ohne dort eine Wanne oder Duschkabine zu erwarten. Auch die Italiener wechselten zum bagno und empfinden das einst gebrauchte, eigentlich harmlose Wort cesso – es kommt aus dem lateinischen recessum (Rückzug) – als anrüchig.
Und weil wir mal wieder beim Italienischen sind, finden wir halbwegs elegant den Absprung zur eingangs angedrohten
Fußnote
apropos Trinkspruch: Die Italiener sollen die Sitte des Zuprostens vor Jahrhunderten von den Deutschen, vermutlich von irgendwelchen zerstörungswütigen und sauflustigen lanzechenecchi (italienisch für Landsknechte) übernommen haben – und mit dem Brauch auch die Wendung „Bring dir’s“, will sagen: Ich bringe Dir diesen Trunk dar, leere den Becher auf deine Gesundheit. Sprechen wir „bring dir’s“ mit lallender Zunge, kann es sich schon fügen, dass brindisi draus wird. Ob’s stimmt, ist uns Saufbolden dann ziemlich egal.



