Heute: Schmeicheln

Langweiliges Traktat über Lügen mit schön langen Beinen

Die Pastorentochter Angela Merkel hat ihre Freude über den Abschuss Obama bin Ladens ausgedrückt, und alle fallen über sie her. Klar, dass auch ich über sie herfalle, aber ich bringe einen mildernden Umstand zur Sprache. Frau Merkel wollte den Amerikanern einfach schmeicheln,  und dabei ist das Sprachgefühl, das der Kanzlerin sonst einigermaßen natürlich zur Verfügung steht, kurzfristig abhanden gekommen.

Passiert uns allen, dass wir mal peinlich daneben sprechen, nur haben die meisten von uns keinen Sprecher namens Steffen Saibling, der fischig erklärt, warum unsere Wortwahl diesmal so ausgefallen ausgefallen ist und was wir wirklich gemeint haben. Bis ich Bundeskanzlerin werde, vergehen noch Generationen.

Das lässt mir, unter anderem,  Zeit,  dem Verb schmeicheln ein wenig nachzulauschen, und weil ich so viel Zeit habe, werfe ich jetzt einfach mal die chinesische Redenswendung  pai ma pi  aufs Spielbrett und verrate den wenigen, die immer noch kein chinesisches Kindermädchen und die Weltsprache deshalb noch nicht im Griff haben, vorerst nur, dass die Silbe pai soviel wie tätscheln bedeutet.

Schauen wir erst mal nach Berlusconien,  wo schmeicheln inzwischen zur Staatsbürgerpflicht geworden ist, und erinnern wir uns, dass schmeicheln dort gewöhnlich mit lusingare  ausgedrückt wird. Wir sind uns einig, dass das italienische Verb schöner klingt und für Ausländer aller Länder leichter auszusprechen ist als schmeicheln.  Italiener, die das deutsche Wort nicht über die Lippen kriegen, sprechen dann lieber mit den Händen. Für ungeübte Chinesen wäre es ein Fünfsilber: she me hai he lin.

Um es kurz zu machen: Lusingare ist, wenn man dem Dizionario etimologico della lingua italiana  folgt, ein Erbe aus dem Fränkischen und hängt  mit Lügen zusammen. Wenn Sie einer nicht so attraktiven Frau sagen, sie sei schön, ist das dann gelogen oder geschmeichelt?  Es ist, sagt der Moralphilosoph AW, eine gute Tat. Schwierig wird es, wenn jemand einer schönen Frau sagt, sie sei schön, und sie erwidert: Sie schmeicheln. Meint sie, dass der Mann übertreibt? Weiß oder glaubt sie überhaupt, dass sie schön ist? Denkt sie, dass ihre Schönheit so selbstverständlich ist, dass jede Erwähnung trivial wirkt? Fragen ohne Antwort.

Wie schön, dass noch eine halbwegs beantwortbare Frage offen ist.  Woher kommt das Wort schmeicheln?  Da sucht man, wie fast immer, Hilfe im Herkunftswörterbuch des Dudens.  Und kriegt, bei diesem Stichwort, solides Basiswissen. „Mittelhochdeutsch smeicheln ist weitergebildet aus gleichbedeutend mittelhochdeutsch smeichen, dem mittelniederdeutsch smeken, altenglisch smacian , streicheln, schmeicheln, verlocken… entsprechen.“  Die Grundbedeutung sei streichen, auf die Verwandtschaft zu Schminke wird verwiesen. Ich füge bescheiden hinzu, dass der einzige schöne Reim auf schmeicheln…  streicheln ist.

Das unübertreffliche Grimmsche Wörterbuch widmet dem Wort im 1899 erschienenen Band 15 , bearbeitet von Dr. Moriz Heyne, fast sieben Spalten mit wunderbaren Beispielen und Erklärungen, von denen hier nur eine zitiert sei:  „sinnliches wohlbehagen verursachen, auf einen sinn wohlthuend einwirken, nicht mit persönlichem object, sondern unter enger anlehnung an den alten begriff des anschmiegens mit der bezeichnung des sinnes oder sinneswerkzeugs als object…“

Jetzt wissen wir’s. Ende des Traktats.

Nicht ganz. Es gilt noch zu erklären, was chinesisch  pai ma pi bedeutet.

Haben wir doch schon. Es heißt schmeicheln.

Aber was heißt pai, was heißt ma, was heißt pi?

Pai ma pi heißt, wörtlich: Den Pferdearsch tätscheln.

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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