Heute: Wahl

Gewählt ist gewollt

Welches Wort wählen wir denn heute? Wir wählen, den angeblich historischen Wahlabend von Baden-Württemberg noch frisch im Gedächtnis, das Wort Wahl. Wir vergessen, dass es sich auf Qual reimt und aus dem Reim eine fast immer falsche Redensart entstanden ist, die wir hier nicht zu zitieren brauchen. Wer die Wahl hat, hat das Vergnügen, sich etwas oder jemanden auszusuchen, und dies Vergnügen haben sich unsere Landsleute im Südwesten, die beim Essen und Trinken seit eh und je gut zu wählen wissen, diesmal deutlicher als seit sechs Jahrzehnten üblich gegönnt, auch wenn der Hintergrund sehr, das heißt schmerzlich, ernst war.

Wer mal Latein lernen musste, weiß, dass die Formen des Verbs velle (wollen) extra gelernt werden müssen, weil sie „unregelmäßig“ sind. Das Wort wählen, man hört’s, kommt aus demselben indogermanischen Stall, die Etymologen rekonstruieren eine Wurzel uel-, aus der das alles wuchs. Dazu gehört natürlich unser Verb wollen, dazu gehören wohl (erwünscht, gewollt) und Wohl, das englische well und die vielen Abkömmlinge von lateinisch voluntas (Wille) und voluntarius (freiwillig).

(Als Volontär einer Provinzzeitung, Jahrzehnte ist’s her, ging ich nicht immer so richtig freiwillig zu Terminen, etwa zur Kreissparkasse, die angeblich schusssichere Kassenfenster installiert hatte, oder zum Kaufhaus, wo die Miederwarenabteilung attraktiv umgestaltet worden war. Immerhin lernte ich damals das Wort Dessous: Der weltgewandte Lokalchef ersetzte damit in meinem 18-Zeiler das plumpe Wort Büstenhalter.)

Wählen ist mit wollen verschwistert, ob wir das wollen oder nicht. Vielleicht ist ja mancher Schwabe, der sein Kreuz bei den Grünen gesetzt hat, am Ende ein bisschen erschrocken, was seine Wahl, sein Wille bewirkt hat. Hab'ich das wirklich gewollt? Aber wenn er den sehr gesetzten Herrn Kretschmann des Abends besichtigt und angehört hat, weiß er, dass der einstige Ethik- und Chemielehrer kaum dazu neigt, so willkürlich zu handeln wie sein Vorgänger, Herr Mappus, der vor kurzem im Namen seines Volkes schnell noch ein bisschen Atomkraft eingekauft hat, ohne groß zu fragen.

Willkür ist ein feines Beispiel dafür, dass Tautologien (weißer Schimmel), wenn sie denn gut klingen, steile Karrieren machen können. Wille ist klar, aber was ist Kür?

Willst du, fragt mein Chef, der bekannte Nörgler, nicht endlich zum Ende kommen?

Will ich, Chef, aber die Kür muss ich doch noch…

Weiß doch jeder, das ist, wenn die Eiskunstläuferinnen die B…

Chef!!!

Is ja gut. Also, zehn Zeilen, der Rest wird gestrichen.

Danke, Herr Vorgesetzter, Sie haben wahrscheinlich noch nie das Verb kiesen gehört, geschweige denn verwendet. Kiesen hat man früher mal, neben wählen, für aussuchen, prüfen oder entscheiden genutzt. Kiesen, kor, gekoren. Das schlichte englische Verb to choose gehört zur Sippe, hat es aber nicht bis zum Stimmzettel geschafft. Dafür wählte man das lateinisch-stämmige Wort to elect. Von kiesen sind uns Wörter erhalten wie erkoren und Kür (also das selbst gewählte Programm, etwa von Turnern). Dazu das Verb küren, das Viehzüchtern geläufig ist, wenn sie Zuchtstiere oder Milchkühe bewerten. Wir wissen überdies, dass die Kurfürsten jene Fürsten waren, die den Kaiser wählen durften. Die Walküren indessen…

Haben die Walküren denn auch was mit wählen zu tun?

Ja und nein. Der Bestandteil Wal-  hatte mit  Wahl wohl nichts zu tun, er bedeutete Kampfplatz - und überdies auch jene, die leider dort liegen blieben.  Das bisschen Altisländisch sollten Sie doch auch parat haben. Und die Walküren, das waren, laut dem verlässlichen Etymologie-Duden, jene „Kampfjungfrauen“, die die toten Kämpfer nach Walhall, dem Soldatenhimmel, geleiteten, natürlich nach eingehender Prüfung (Kür), ob die Männer auch heldenhaft gefochten hatten. Beim Librettisten Richard Wagner, da kommen wir der Sache schon näher, werden die Frauen auch "Wunschmädchen" genannt. Noch Fragen, Chef?

Eigentlich nein. Nur würde mich interessieren, in welchem Walhall der Wahlkämpfer Mappus landet.

Keine Sorge, die Walküren sind dabei, ihm ein paar schöne Aufsichtsräte auszuwählen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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