Pfister geschlagen, Spiegel gemeint?

Sieben Anmerkungen zur Aberkennung des Kisch-Preises 2011

Von Wolfgang Michal

Copyright: Jan Stettler

Ob dieser Zug auch in Horst Seehofers Hobbykeller fährt? Wir wissen es nicht. Macht nichts. Kischpreisträger a.D. René Pfister weiß es auch nicht. (Foto: Jan Stettler)

1. In René Pfisters Haut möchte man jetzt nicht stecken. Dabei hat er nichts weiter getan, als eine gute Spiegel-Geschichte zu liefern, die den Normen des Magazins vollkommen entspricht. Die Redaktion tut deshalb alles, um ihrem gedemütigten Reporter das Leben nicht noch schwerer zu machen. Die Truppe stellt sich vor ihren Mann. Das ist gut, doch der Spiegel sollte die fällige Selbstkritik nicht völlig außer Acht lassen. Man schlägt zwar den Sack, meint aber den Esel.

 


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2. Der „Fehler“, den der Spiegel-Reporter René Pfister gemacht hat, ist zu klein für eine so extreme Reaktion. Aber hatte die Jury eine andere Wahl, nachdem Pfister und die Spiegel-Redaktion (!) einen freiwilligen Verzicht auf den Preis abgelehnt hatten? Hätte eine öffentliche Rüge - analog zum Presserat - genügt? Hätte man die Sache aussitzen können?

3. Möglicherweise überschätzt die Jury-Mehrheit (die am Montag für die Aberkennung des Preises sorgte) die „Vorbild“-Wirkung, die eine mit den Namen Kisch und Nannen geschmückte Reportage auf nachwachsende Journalisten-Generationen ausübt. Andererseits ist das Pochen der Jury-Mehrheit auf die Einhaltung des obersten Reportage-Grundsatzes (nämlich Augenzeuge zu sein) grundsympathisch. Dass Grundsätze dennoch keine Dogmen sind, und dass sich die Normen für Reportagen im Lauf der Jahrzehnte verschoben haben, wird darüber leicht vergessen.

4. Auch beim „Reporterpreis“ (den das Reporterforum vergibt und dessen Vorjury ich angehöre) hatte es Pfisters Text „Am Stellpult“ in die Endauswahl geschafft. Er ist ja zweifellos gut geschrieben. Allerdings war Pfisters Text nicht in der Kategorie „Beste Reportage“ nominiert, sondern in der Kategorie „Beste Politische Reportage“ (in der sich im wesentlichen Politikerporträts fanden oder Geschichten, die den politischen Betrieb reflektierten). Die jetzt nachträglich geübte Kritik, es handle sich bei Pfisters Stück um ein analytisches Porträt und nicht um eine klassische Reportage, ist zwar grundsätzlich richtig, geht aber dennoch fehl, denn auch Kurt Kisters analytische Politiker-Porträts in der SZ („Wolfslächeln und Nadelstiche“) wurden 2003 - nach Intervention eines SZ-Jurors - für kischpreiswürdig befunden. Und ebenso fielen „szenische Rekonstruktionen“ irgendwann unter die Kategorie „Beste Reportage“ - wie etwa der Spiegel-Titel „Schröders Spiel“, in der die Spiegel-Leute so schrieben, als seien sie mit am Kabinettstisch gesessen. In vielen Redaktionen wurden (analog zur Konzept-Kunst) Ideen- oder Konzept-Geschichten (die dramaturgisch leichter formbar sind, weil sie die Wirklichkeit einem Konzept - oder auch nur einem Gag - unterwerfen) beliebter. Die Beliebigkeit solcher Geschichten (anything goes) führte im Magazin-Segment schließlich dazu, dass nicht mehr die Wirklichkeit im Mittelpunkt der Blattmacher stand, sondern eine hübsche (oder steile) Idee von der Wirklichkeit. Die Konstruktion herrschte über den Inhalt. Die Reporter dachten in Drehbuchkategorien. Oft geschah dies ohne großes Nachdenken, denn Journalistenschul-Lehrer predigten ja Leitsätze wie „Beginne mit einem Erdbeben und steigere dann ganz langsam“. Der paternalistische Ansatz (der den Leser unbedingt „führen“, ja in die Geschichte hineinzwingen will) hat die Reporter immer stärker auf eine möglichst virtuose Anwendung von Tricks fixiert. Wie verführe ich den Leser? Der herausragende Interviewer (André Müller) verwandelte sich so in den Interviewkünstler, der Textpassagen der Interviewten nach Gutdünken arrangierte und auf Effekt hin trimmte, der Reporter verwandelte sich in den Schriftsteller. Damit war auch eine Weiterung des Begriffs „Reportage“ verbunden (ähnlich den Weiterungen, die der Begriff Roman in der Literatur und in der Literaturwissenschaft durchlief). Der Mangel an eigener Erfahrung wäre also kein hinreichendes Argument gegen den Spiegel-Text gewesen. Die überraschend harte (und konservative) Reaktion der Jury-Mehrheit muss man deshalb als Zeichen lesen. Es lautet: Back to the Roots. Schluss mit der Überdehnung klassischer Kategorien. Rückkehr zum Kerngeschäft.

5. Der Spiegel verteidigt seinen Reporter leider mit der Ausrede, es handle sich bei der beanstandeten Modelleisenbahnszene doch bloß um den Einstieg in die Geschichte. Wäre dem so, hätte die Jury-Mehrheit sicher ein Auge zugedrückt. Der Einstieg ist aber in diesem Fall das zentrale Konstruktions-Element, die berühmte zweite Ebene, die aus einem Text einen außergewöhnlichen Beitrag macht: Pfister wollte mit dem Verhalten des Hobbyeisenbahners am heimischen Stellpult das politische Verhalten des Berufspolitikers Horst Seehofer erklären. Das ist eine tolle Idee. Doch wenn der Reporter das Verhalten Seehofers am heimischen Stellpult gar nicht erlebt hat, wie kann er dann so weitreichende Schlüsse daraus ziehen? Hier stolpert der Reporter letztlich über den Wunsch, die tolle Idee unbedingt ins Ziel zu retten. Der Geschichtenzuschneider besiegt den Reporter.

6. Die La Ola-Welle des Zorns über Pfisters Regelverstoß reichte von einzelnen Jurymitgliedern am Abend der Preisverleihung über konkurrierende Medien, Mediendienste und Journalistenschulleiter bis zur Enkelin Henri Nannens. Das heißt, hier machte sich mehr als nur die Verärgerung über diesen konkreten Fall Luft: Hier explodierte der aufgestaute Unmut über die jährlich klebriger werdenden Selbstbespiegelungsfeiern der Edeljournalistenverleger im Schauspielhaus. Hier explodierte auch die (brancheninterne) Wut über die vom Spiegel wichtigtuerisch zelebrierte („szenisch rekonstruierte“) Schlüsselloch-Perspektive in vielen Storys. Hier entlud sich der Zorn (und vielleicht auch die Verzweiflung) über die immer kleiner werdende Elite, aus der die Preisträger kommen. Zu viel Ehre verdirbt nun mal den Charakter. Es wäre an der Zeit, die Inflation der Journalisten-Preise einzudämmen und den normalen Journalismus einfach besser zu bezahlen.

7. Der Nannen-Preis ist von seiner Anlage her ein Insiderpreis (der sich ausgerechnet die Oscar-Nacht der Schauspieler zum Vorbild nimmt). Eine Chefredakteurs-Elite vergibt dort im Ringtausch Preise an ihre besten Mitarbeiter. Die Kritik an diesem bescheuerten Verfahren wächst. Also steht auch die Jury unter einem gewissen Rechtfertigungs-Druck, der die jetzige Über-Reaktion erklären würde. Vor einem Jahr giftete der Feuilletonist Claudius Seidl gegen die von der Jury prämierte „Preisträger-Prosa“. Auch da war ein Spiegel-Reporter Zielscheibe des Spotts. Doch eine Treffer-Wirkung war 2010 nicht zu erkennen. Umso erstaunlicher, dass die Elitensolidarität diesmal nicht gehalten hat. Für künftige Bewerber (und für alle, denen die Entwicklung der Kunst- und Kampfform Reportage am Herzen liegt) wäre es deshalb gut, wenn sie einen Mitschnitt der Telefonkonferenz, die zur Aberkennung des Preises führte, auf der Website des Henri-Nannen-Preises nachlesen könnten.

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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