Heute: Abschreiben

Wen oder was?

Wollen wir wetten, dass keine drei Wochen vergehen, bis KT seine Rücktrittserklärung ritzt? Wollen wir wetten, dass ihn seine Leute abschreiben? Ich ritze diese Vorhersage über Herrn (Dr.) Zu, einen fränkischen Landsmann von mir, auf den ich, naja, in Maßen stolz war, so gut wie ohne Schadenfreude. Vielmehr greife ich nach dem Wort Fremdschämen, das findige Wortschöpfer vor nicht allzu langer Zeit in Umlauf gebracht haben. Ich schäme mich, wenn ich mir vorstelle, wie Herr Zu seiner Familie, seinen Parlamentskollegen, seinen Parteifreunden, seinen Wählern und Bewunderern erklären wird, dass er seine Doktorarbeit nicht selbst geritzt, sondern abgeritzt hat. Oder ritzen ließ.

An dieser einleitenden Abschweifung würde ich gern noch ein wenig weiter ritzen, wenn mich mein Chef nicht drohend daran erinnerte, dass dieser Wortwechsel dem Thema Schreiben gewidmet sei. Außerdem fragt mein Vorgesetzter, was ritzen erstens mit Herrn Zu und zweitens mit dem Verb schreiben zu tun habe. Ich antworte, dass schreiben heute etwas anderes sei als vorzeiten: Man geht ins Internet, liest was, markiert es, drückt Strg c und kopiert es dann in die eigene – eigene? ­– Seite. Copy and paste. Das ist zeitgemäßes Schreiben, Chef, und noch ein Stückchen schlauer sind jene, die dieses Geschäft irgendwelchen irgendwie Untergebenen überlassen.

Was das Ritzen betrifft, bitte ich den Chef, sich mal die Schreibweise des englischen Wortes write anzusehen und zuzugeben, dass es mit dem deutschen ritzen verwandt ist, das seinerseits deutlich mit reißen versippt ist. Schreiben war ja nicht immer so einfach wie heute, und dabei rede ich noch gar nicht von der Erleichterung, die uns der PC gebracht hat, sondern von den Vereinfachungen, die Papier und Tinte einst brachten. Dass ritzen es im Englischen zur Bedeutung schreiben gebracht hat, kommt nicht von ungefähr und hätte bei uns genauso stattfinden können, wenn sich die deutschen Sprecher nicht dafür entschieden hätten, am Ende doch auf das lateinische scrivere zurückzugreifen, das wir dann mit vereinten (lautverschiebenden) Kräften zum starken Verb schreiben, schrieb, geschrieben hingeschrieben, nein, hingesprochen haben.

Ja, früher wurde mit dem Messer geschrieben, zum Beispiel um Runen in ein Stück Holz zu ritzen. Man kommunizierte mit Sticheln, die Keilschrift in Ton kerbten, und mit Meißeln, die lateinische Lettern in Stein schlugen. Von den Lateinern haben wir unsere Schriftkultur geerbt, auch das Verb scrivere kommt aus einer indogermanischen Wurzel, die soviel wie ritzen oder einkerben bedeutete. Die großen Fortschritte waren – in nicht ganz vollständiger Reihenfolge – Pergament, Papier, Feder, Tinte und, wie gesagt, der PC. Die Reihenfolge ist in etwa richtig, aber nicht vollständig, beispielsweise hätte ich beinahe Monika unterschlagen, die Schreibmaschine, auf die ich jahrelang einschlug. Zu einer Olivetti habe ich es leider nie gebracht, und jetzt ist es zu spät.

Um zu schreiben, brauchen wir heutzutage gar nicht mehr wirklich zu schreiben. Wäre ich technisch nicht so blöd, könnte ich Simse loslassen, die sich fast von selber schreiben. Ich gebe ins Handy ein „Ich l“, und das Handy schreibt für mich „Ich liebe dich, Magda“. Denn mein Mobiltelefon hat sich längst gemerkt, dass ich Magda liebe. Schreibe ich „Ich la“, schreibt das Handy für mich „Ich lach mich tot“. Wenn ich das nicht will, verlange ich eine Korrektur, und das Handy formuliert „Ich langweile mich“ oder „Ich lass das jetzt“.  

Ähnliche, ja weitaus bessere Programme gibt es auch für PCs, und ich schätze mal, mein herausragender  fränkischer Landsmann Zu weiß, wie man sich solche Programme dienstfertig macht. Du tippst ein paar Buchstaben, das Programm erkennt, was du denkst, holt sich im Nu deine Gedanken, die ansatzweise auch andere schon gedacht haben, aus dem Netz und schreibt sie absatzweise nieder. Du sagst: Wie schön, dass ich mich so gut ausdrücken kann, findest aber -  so viel mühselige Kleinarbeit muss sein - gelegentlich ein Wort, das man streichen oder gegen ein prägnanteres Wort austauschen sollte. Und dann muss man wirklich schreiben?  Nein, man muss tasten, aber dieses Tasten heißt, bis auf weiteres, schreiben. Und siehe, Herr Zu hat geschrieben.

„Kann ein Mönch sein Buch endlich schließen, hüpft er fröhlich auf seinen Füßen.“ Das hat ein erleichterter Klosterschreiberling des Mittelalters notiert. Was hatte er vollbracht? Er hatte auftragsgemäß kopiert, sei es das Neue Testament, ein frommes Traktat oder eine Klosterregel, fein auf Pergament. Abschreiben war, damals, mühselige Kleinarbeit.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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