Heute: Eichhörnchen

Ein Nager nagt an meinem Gewissen

Von meinem Schreibtisch blicke ich aus dem Fenster auf den kahlen Garten, sehe, wie ein Eichhörnchen einen Birkenstamm hinauf huscht – und schon geht in meinen Gehirn (darauf  kommen wir noch) eine der ziemlich ungeordneten Schubladen auf. Darin finde ich, unter anderem, das wohlklingende italienische Wort für den hübschen Nager, scoiattolo, das englische squirrel und das chinesische songshu (wörtlich übersetzt: Kiefernratte). Das wäre ja noch relativ geordnet, aber zusätzlich finden sich in der Schublade noch Ernie und das Ächele. Das arme Ächele gab den Ausschlag für diesen Wortwechsel, weil es Gelegenheit bietet, beiläufig eine Geschichte über meine Schändlichkeit und die Gemeinheit einiger anderer Menschen zu berichten.

Zunächst widmen wir uns kurz dem glücklichen, jäh beendeten Leben von Ernie, einem Hamburger Eichhörnchen, das sich gern auf der von herrlichen Pflanzen gezierten Dachterrasse meiner Kollegin Elfriede aufhielt, in der von Elfriede (und manchmal auch von mir mit Walnüssen aus dem Garten) genährten Hoffnung, dort ordentlich gefüttert  zu werden. Elfriedes Freundschaft zu Ernie ging so weit, dass er ihr schließlich die Nüsse und andere Leckereien aus der Hand fraß und furchtlos in ihrer Küche einkehrte, um sich für Gottes Lohn bewirten zu lassen.

Irgendwann endet auch das glücklichste Eichhörnchenleben, nach maximal zehn Jahren ist Schluss, weiter sind die Nagetier-Gerontologen noch nicht gekommen. Elfriede fand Ernies Leichnam, setzte ihn würdig, aber ohne Pomp bei. Der altgriechische Name des Eichhörnchens lautet skiuros, Schattenschwanz, eine treffliche sprachschöpferische Leistung, denn welcher Schwanz wirft, im Vergleich zur Größe des Inhabers, einen so großen Schatten?

Ernie ruht in Frieden wie das Ächele, und wenn ich, fränkisch gesagt, dem Ächele seine, mir leider nur in Teilen bekannte Geschichte erzähle, schäme ich mich, grob gerechnet, drei Mal mehr als die Berliner Honorarprofessorin für Katholische Theologie Anette Schavan, die außerdem als Bundesministerin für Bildung und Forschung Segen stiftet. Sie schämt sich für meinen fränkischen Landsmann Karl Theodor zu Guttenberg, weil der seine Dissertation in sieben Jahren mühevoller Kleinarbeit ratz-FAZ, sagen wir, kompiliert hat oder komplilieren ließ, wofür die gelehrte Frau nichts kann. Ich indessen muss mich für mich selber schämen, nämlich für meinen Anteil an der schändlichen Behandlung vom Ächele im unterfränkischen Schweinfurt am Main, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin.

Ächele (Betonung auf der ersten Silbe) ist die, womöglich nur unterfränkische, Version von Eichhörnchen, wobei festzustellen ist, dass diese Ansprache das Ursprungswort beinahe weniger verformt als die hochdeutsche Fassung, denn mit Eiche und Horn hat, sprachgeschichtlich gesehen, das Eichhörnchen  nichts zu tun. Darüber nachher. Erst mal loben wir das Sprachschöpfertum des schlichten Unterfranken, das jemanden, der gut klettern kann, zum Ächele ernennt.

Aber der Unterfranke ist nicht nur schlicht und mitunter sprachschöpferisch, er kann auch erbarmungslos sein.

Es war einmal ein armer Schweinfurter Bub, vielleicht 13, vielleicht 15, vielleicht 17 Jahre alt, der Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hungrig durch die Straßen  streifte. Plötzlich sog seine Nase einen unwiderstehlichen Geruch ein  - den Duft von Pfannkuchen aus einer Hotelküche. Wer weiß, wie oft er sich sehnend an dem Fenster vorbeidrückte, aus dem die Pfannkuchenaromen strömten. Irgendwann, als er aus der Küche keinen Arbeitslärm mehr hörte, nahm er sich ein Herz, kletterte an der Hotelfassade zum Fenster hoch, drang ein, schnappte sich ein paar Pfannkuchen – und wurde von einem dickbäuchigen Küchenbullen erwischt. Ende der Geschichte.

Nein, Anfang, schlimmer Anfang. Geben wir dem Jungen mal den fiktiven Namen Joseph Pfeuffer, so erinnerte sich schon wenige Jahre nach dem versuchten Pfannenkuchendiebstahl so gut wie niemand in der Kleinstadt mehr an Josephs wahren Namen. Er wurde nur noch Ächele gerufen. Irgendein erbarmungsloser Schweinfurter hatte den Spottruf

Ächele, Ächele, Pfannekuchediab“

ersonnen, und dieser Ruf scholl ihm nach, wo immer er sich herumtrieb. Der Volksmund ist brutal und spitzt sich mitunter auch zum Spottpfiff. Viele riefen gar nicht mehr, sondern pfiffen ihm das Ächele hinterher. Komplett klang der Pfiff in etwa g g ee, g g ee, g g g g eeee. Bald genügten die ersten drei Noten, gesungen oder gepfiffen, und jeder wusste, was gemeint war – natürlich auch Joseph. Der konnte keinen Schritt mehr vor die Tür machen, ohne dass ihm der Spott hinterher dröhnte. Das machte ihn zum Renner. Entweder rannte er davon (wenn die Spötter größer und stärker waren). Oder er rannte den Spöttern hinterher (wenn sie kleiner und schwächer waren). Er verlor immer.

Nun hätte es ja sein können, dass irgendein mitfühlender Mann, irgendeine barmherzige unterfränkische Frau den Jungen rechtzeitig beiseite genommen und, zum Beispiel, gesagt hätte: Joseph, hier in Schweinfurt wirst du deines Lebens nicht mehr froh, mein Schwager (mein Onkel, mein Stiefschwiegervater) ist Winzer in Frickenhausen (in Iphofen, in Hammelburg). Wenn du willst, kannst du dort bei der Weinlese mithelfen, und wenn du dich gut anstellst, denkt er vielleicht darüber nach, ob du als Knecht auf dem Hof bleiben kannst.

Vielleicht hat das ja mal jemand probiert, aber da war es zu spät. Das Ächele entwickelte mit den Jahren nämlich (was weiß ich, wie Psychologen das nennen) den Hang, den Trieb, immer wieder auf die Straße zu gehen, sich dem Spott auszusetzen, zu rennen und gelegentlich mit Steinchen nach den Spöttern zu werfen, wohl ohne je zu treffen. Dabei brüllte er unverständliche Laute, wurde bald für einen sprechunfähigen Idioten gehalten und als solcher, soll ich sagen: natürlich?, ausgelacht. Das Ächele war eine lokale Berühmtheit, ein Original, wie man euphemistisch sagte, es (er) belustigte Alt und Jung. So gut wie jeder Schweinfurter verstand den Pfiff zu übersetzen in

Ächele, Ächele, Pfannekuchediab“ .

Als ich acht, neun, zehn Jahre alt war, rief ich wie alle anderen Ächele, wenn ich den damals vielleicht 50 Jahre alten Mann mit seinem schäbigen Rucksack des Weges kommen sah. Lange wusste ich gar nicht, warum er so genannt wurde, das nahm ich so hin, und war, wie meine Altersgenossen,  nur darauf aus zu erleben, wie er ausrastete, schreiend losrannte und Steinchen warf. Irgendwann erzählte mir ein belustigter Erwachsener Ächeles Geschichte, und ich war darüber belustigt. Ich begriff auch, wie lustig es war, dass ein Dienstmädchen vom Lande, nicht wissend, dass Ächele Josephs Spottname war, mit der Anrede „Herr Eichhorn“ seinen geballten Zorn auf sich zog.

Dafür werden ich und alle anderen Schweinfurter, die das Ächele in den Irrsinn getrieben haben, im Fegefeuer schmoren. Und wenn es eine göttliche Gerechtigkeit gibt, wird Joseph Pfeuffer im Eichhorn-Himmel an Ernies Seite köstliche Haselnüsse sowie, natürlich, Pfannkuchen aus der Küche des Sterne-Hotels knabbern und fröhlich g g ee, g g ee, g g g g eeee vor sich hinflöten – keine raffinierte, aber eine eingängige Melodie, nicht nur für schlichte Unterfranken.

Traurig gedenke ich seiner und sage ihm zu Ehren auf, was ich von den Etymologen über das Wort Eichhorn/Eichhörnchen gelernt habe – in Kurzfassung, aber unter der von der fränkischen Universität Bayreuth seit kurzem erbetenen Nennung der Quellen. In diesem Fall ist dies, neben dem „Wörterbuch Chinesisch“ der Peking University Press, das bewährte „Duden Herkunftswörterbuch“ aus Mayers Lexikonverlag. Was die Geschichte vom Ächele betrifft, bin ich auf die eigene Erinnerung zurückgeworfen, bitte aber alle dem Fegefeuer verfallenen Schweinfurter, sich durch sachdienliche Hinweise und Ergänzungen zu Ächeles  bitterer Lebensgeschichte ein paar Jahrhunderte Ablass zu erdienen.

Die Chinesen bezeichnen den Nager als Kiefernratte, die alten Griechen sagten Schattenschwanz, und die Altbayern benutzen Oachkatzlschwoaf, den Eichkätzchenschweif, gern bei Spracheignungstests für Zugereiste. Mit Eiche hat (laut Duden) das Eichhorn – etymologisch – so viel oder so wenig zu tun wie mit der Kiefer, wiewohl es beide gleich gewandt erklimmt. Eich- kommt in diesem Fall offenbar aus der indogermanischen Wurzel aig-, die heftige Bewegung signalisierte, wurde im Deutschen aber, auf unser Tierchen bezogen, schon im elften Jahrhundert an die ehrwürdige Eiche „angelehnt“.

Horn wiederum hat beim Eichhorn nichts mit dem zu tun, was Rind und Reh am Kopfe tragen. Vielmehr  ist es, man glaubt es kaum, unter anderem verwandt mit lateinisch viverra, was für Frettchen stand. Die Volksetymologie hat hier wieder mal mit beharrlichem Umreden gesiegt, triumphal, wenn man bedenkt, dass Hörnchen inzwischen für eine ganze Gruppe völlig hornloser Nagetiere, denen auch das possierliche Erdhörnchen angehört, zum Gattungsnamen avancierte.

Apropos Horn. Das Wort ist mit Hirn verwandt, wohl auch mit Hirsch und Rind. Aber ehe mein von Scham erfülltes Gehirn vollends verhornt, höre ich auf und pfeife drauf, in diesem Fall  fürs arme Ächele : g g ee, g g ee, g g g g eeee.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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