Immer diese Missen

Wie die Heimatzeitung Glanz sucht

Haben Sie es auch nicht gemerkt? Am Wochenende war im Europapark Rust wieder Miss-Germany-Wahl. Wie unwichtig dieser Wettbewerb ist, hat die Heimatzeitung in einem kleinen Artikel der Rubrik „Stichwort“ klar erkannt: Dort steht, daß die „prominenteste Siegerin“ des seit 1927 ausgetragenen Wettbewerbs „die spätere Fernsehmoderatorin Petra Schürmann“ gewesen sei, „die voriges Jahr gestorben ist“: „Sie wurde 1956 zur „Miss Germany“ und zur „Miss World“ gekürt.“ Seitdem also hat keine der Missen einen bleibenden Eindruck hinterlassen, sie sind allesamt vergessen. Oder klingelt es, wenn Sie die folgenden Namen hören: Anne Julia Hagen, Doris Schmidt, Kim-Valerie Voigt? Nein? Bei mir auch nicht. Die Missen interessieren also seit 1956 niemanden mehr, die Heimatzeitung berichtet trotzdem darüber – am vergangenen Montag sogar in einer Art Schwerpunktausgabe: auf drei Seiten Texte und Bilder von der Miss-Wahl.

Wahrscheinlich tut sie das aus landsmannschaftliche Verbundenheit, das Unternehmen, das die Miss-Wahlen veranstaltet, sitzt in Oldenburg in der – prust! – Tangastraße. Das sind welche von uns, die müssen ins Blatt! Unternehmensgründer Horst Klemmer ist ein gern gesehener Gast in den Klatschspalten des Blattes, sein Sohn Ralf, der mit einer ehemaligen Miss verheiratet ist, hat den Betrieb nach und nach übernommen.

Über die Klemmers und ihre Missen jedenfalls wird viel berichtet in Oldenburg, neben der landsmannschaftlichen Verbundenheit kann das auch daran liegen, dass sich das Blatt ein wenig Glanz von den Missen erhofft. Wer weiß, welche Bildergalerien im Kopf so manches Lokalredakteurs oder News-Desk-Insassen aufklappen, wenn er an die Frauen denkt, die da im Badeanzug über den Laufsteg staksen, die keine Kinder haben dürfen, unverheiratet sein müssen und jung. Die müssen wir doch im Blatt haben! Die Badische Zeitung bringt es in einer Klickbildergalerie zur Misswahl auf den Punkt: „Auf der Bühne gab es Frischfleisch – auf dem roten Teppich jede Menge Kamerahungrige.“ 

Andererseits nehmen sie bei der Heimatzeitung die Missen viel zu ernst, ernster als es reinen Schauobjekten entspräche, die das Blatt nur ein wenig schmücken sollen. Sie nehmen sie sogar richtig wichtig, wie der Lokalartikel über den bevorstehenden Besuch der Miss in Oldenburg zeigt. Der Text ist zugleich ein Beispiel dafür, wie selbst unwichtgste Themen aufs Lokale runtergebrochen werden können, wie das lokaljournalistische Prinzip, große Themen vor die Haustüre zu holen, so schön heißt.

Ich verstehe einfach nicht, warum eine Zeitung so etwas abdruckt. Schauen Sie sich nur mal die „prominent besetzte Jury“ an. Man könnte daraus ein Dschungelcamp casten. Und schauen Sie auch, welch tolle Mode die in der Jury sitzende Modedesignerin Nina Hilchner kreiert: Sie beklebt T-Shirts mit dem Schriftzug „CasiMia“ aus Straßsteinen, benannt nach ihren Katzen Casimir und Mia. Der Witz: Die Schrift ist spiegelverkehrt, erst wenn man sich im Spiegel betrachtet, ist er richtig zu lesen, "Mirror Style" nennen sie das.

Im Februar, verkündet das Blatt im Stile einer Exklusivmeldung, komme die Miss „traditionsgemäß“ als erstes nach Oldenburg, Termine besprechen. Ihre Vorgängerin trat unter anderem in Schuhgeschäften auf, gab Autogramme in Shoppingcentern und bei einem Friseur in Freiburg. Da muss die neue Miss jetzt auch durch. 


 

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Rolf Hilchner

http://www.casimia.de

Freitag, 18-02-11 14:57

Lieber Herr Zimmermann,

ich weiß nicht genau, welches Problem Sie haben, aber dass Sie
ein Problem haben, steht außer Frage!

Und wenn der Verkauf der CasiMia-Shirts meiner Tochter auch nur annähernd so gut läuft, wie Sie hetzen, dann steht einer großen Designer-Karriere wohl nichts mehr im Wege.

In diesem Sinne

Ihr Rolf Hilchner

 

Felix Zimmermann

http://www.magda.de

Samstag, 19-02-11 23:17

Na, lieber Herr Hilchner, da bin ich aber mal gespannt!

 

KaWi

Mittwoch, 23-02-11 11:48

Guten Tag Herr Zimmermann,

herrlich Ihr Artikel. Miss-Wahlen und Klamotten im Mirror-Style sind Dinge, die kein Mensch braucht. Und nur die wirklich interessiert, die damit Kohle machen. Um Freizeitparadiese (wie Europapark Rust) mache ich schon lange einen großen Bogen. Braucht auch kein Mensch. Geht mir das gut, seit ich auf diese "Zeit-Totschlag-und-Verdummungs-Einrichtungen" verzichten kann.

Schreiben Sie weiter so!

Gruß von einer Aussteigerin

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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