Heute: faul

Stinken, Stänkern. Oder einfach mal nichts tun

Von Alfred Welti

Liebe Mitfaulenzer, ich gestehe, dass ich heute stinkfleißig war. Das liegt nicht in meiner Natur, aber manchmal nötigt einen das wirkliche Leben, was zu tun. Das Schreiben stand dabei, nach dem Entstauben spinnwebenverdunkelter Lampenschirme, nach dem Einkauf von Grundnahrungsmitteln wie Brot und Wein, nach dem Absenden eines Einkommensnachweises an die klamme und deswegen gierige Krankenkasse, nach dem Redigieren preisverdächtiger  Zeitschriftenartikel und vor der Anmeldung meines schrottreifen Polos zum TÜV, wieder mal an vorletzter Stelle.

Stinkfleißig? Gibt es nicht, sagen die Wortklauber, und Recht haben sie. Man sagt, im Sprachgebrauch, nur stinkfaul, was ich heute ausnahmsweise mal nicht war.  Dabei stinkt der Mensch, wenn er nicht fleißig ist, doch weniger, als wenn er sich anstrengt und, ganz natürlich, Schweiß vergießt.  Aber der angeblich gesunde Menschenverstand versagt in puncto Sprache, und ich empfehle auch Misstrauen gegenüber Leuten, die ihn, was Sprache betrifft, in Anspruch zu nehmen behaupten. Bei denen ist was faul.

Wir nehmen hin, dass wir stinkfaul sein können, aber nicht müssen, und vergegenwärtigen uns im Nu, dass das Eigenschaftswort faul im Deutschen zwei ziemlich verschiedene Bedeutungen hat, nämlich (zweitens) träge, arbeitsscheu oder, euphemistisch, antriebsschwach. Und (erstens) verdorben, nicht mehr genießbar, nicht mehr brauchbar: faules Fleisch, faule Kartoffeln, faules Holz.

Schon im Mittelhochdeutschen wurde das Wort auf Leute übertragen, die mit Fleiß nichts im Sinn hatten, sondern, wie wir, halt so vor sich hin faulten, wobei man unterstellte, dass die trägen Zeitgenossen so wenig Lust auf irgendwelches Tun hatten, dass sie auch ihren Körper vernachlässigten und, naja, irgendwie rochen.

Das Wort faul – rundheraus gesagt ein Ekelwort hat eine Verwandtschaft, die den einen oder anderen unter uns verschrecken könnte, aber damit rücken wir nicht heraus und erwähnen nur den indogermanischen Verbalstamm pu, der soviel wie faulen und stinken bedeutete. Der Ausruf pfui! stammt aus derselben Familie, dazu ein vulgär gewordenes F-Wort, das wir hier unterdrücken, in der Duden-Etymologie unter dem Stichwort faul aber beiläufig genannt wird.

Martin Luther, unser Sprach-Guru, verwendete faul auch für böse und verletzend.  Eine Ermahnung aus dem Brief des Paulus an die Epheser übersetzte er wie folgt: „Lasset kein faul Geschwätz aus eurem Munde gehen, sondern was nützlich zur Besserung ist, wo es not tut, dass es holdselig sei zu hören.“

Für MAGDA neu übersetzt: Fair bleiben, keine Fouls!


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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