Heute: Fein, rein, klein

Haben wir nicht alle mal glänzend angefangen?

Viele haben mal klein angefangen, zum Beispiel das Pferd. Auch Kohls FDJ-Mädchen Angela und MAGDA haben klein angefangen. Das Mädchen ist ganz schön groß geworden, und MAGDA wird ganz schön groß.

Das Pferd huschte zu Urzeiten in Hasengröße durch den Ururwald und beeindruckt inzwischen, zum Auftakt des Oktoberfests, als kraftstrotzendes Brauross im Sechsergespann, auch wenn ihm der Biertransport vom Lkw, der, in Pferdestärken gemessen, auch mal ganz schön klein war, längst abgenommen wurde. MAGDA ist über Steckenpferdgröße hinaus und wird eben zum Turnierpferd aufgezäumt.

Ob groß oder klein, nur schön muss es sein, sage ich, und schon bemerkt mein Vorgesetzter, er hätte gedacht, dass ich inzwischen, erstens, meinen Hang zum Abschweifen und, zweitens, meinen Reimzwang beherrschen könne. Kann ich, Chef, jetzt schildere ich nur noch schlicht (sprachgeschichtlich gesehen eine Nebenform von schlecht) die glänzende Laufbahn des kleinen Eigenschaftswortes klein zum ebenbürtigen Gegenspieler von groß (das vorzeiten, wie klein, eine ganz andere Bedeutung hatte, aber wenn ich das jetzt auch noch ansprechen wollte, würde mich mein Chef  mit kleinen Gesten vom PC wegdirigieren).

Klein bedeutete rein. Nein, Chef, hier ist ausnahmsweise kein Reimzwang im Spiel, sondern die reine etymologische Wahrheit. Und damit Sie’s schnell begreifen, reiche ich Ihnen das englische Wort clean rüber, den Zwillingsbruder von klein, der, unter insularen Bedingungen aufgewachsen und gepäppelt, die von seinen Ahnen ererbten Eigenschaften unbeschwert weitertragen  konnte.

Von nun an wird’s schwierig, man kann auch sagen: schmierig. Denn wenn wir den Etymologen glauben, und das tun wir mit allem Respekt, ist der indoeuropäische  Ururahn des Wortes klein die Wurzel glei-, und die umfasste die Bedeutungen von kleben und schmieren. Klei, die fette, zähe Tonerde, passt in diese Verwandtschaft, englisch clay (Ton, Lehm), natürlich der Kleister und, Überraschung, das Kleid, das früher nur Tuch (cloth)  bedeutete. Tuch war das mit Klei, also mit fetter Tonerde Gewalkte.

Im Westgermanischen, so scheint es, wurde die Schmiererei zur Tugend, die Leute verschmierten ihre Lederkleidung mit Fett, ihre Häuser mit Lehm, so dass sie glänzend oder geputzt aussahen. Der Schritt zu poliert, sauber, rein, clean, ist nicht weit.

Wie aber wird ein Wort, das mal glänzend und glatt anfing, zum Gegensatz von groß?  Wenn wir das wüssten…  

Althochdeutsch sagten wir luzzil, das im niederdeutschen lütt  und im englischen little noch lebende echte Verwandte hat. Jetzt aber sagen wir klein, was nichts mehr mit poliert oder geschmiert, sondern nur noch was mit Größenverhältnissen zu tun hat. Oder was sagst du, meine Kleine?

Ein kleines Auto ist größer als ein großes Fahrrad: Groß und klein sind, mitunter schmerzlich, relative Eigenschaften.  Aber wie, drängelt mein großer Vorgesetzter, erklärt sich nun der Bedeutungswandel von glatt, glänzend und schön zu dem, was wir heute unter klein verstehen?

Gar nicht, Chef, der Bedeutungswandel  erklärt sich gar nicht. Die Sprache macht, was sie will, aber sie will ja gar nichts, und so macht sie, was ihre Benutzer wollen, und was die wollen, wissen sie selbst nicht, sie reden einfach so vor sich hin. Und siehe, es werden landesweit, ja grenzüberschreitend, verständliche Wörter daraus, ein Wunder.

Damit mich mein Chef mit weiteren Nachfragen verschont, biete ich ihm das Wort zierlich an. Zier bedeutet Schmuck, Glanz, Schönheit.  Zierlich, wenn wir das Wort, zum Beispiel, auf eine Frau anwenden, heißt  klein geraten, aber ansehnlich. Schön und klein gehören offensichtlich zusammen (natürlich nur sprachpsychologisch, wie ich allen großgewachsenen schönen Frauen unter Eid versichere). Das hat mit unserem Kleinkindversorgungs-, also unserem Arterhaltungstrieb zu tun, darauf könnte ich schwören, aber wetten würde ich nicht.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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