Heute: Messer raus zur Bescherung

Ein sehr deutsches Wort für dem Warenaustausch zum Fest

Der zweite Weihnachtsfeiertag fiel dieses Jahr auf einen Sonntag, insofern gab es keinen zusätzlichen freien Tag. Nächstes Jahr fällt der erste Weihnachtsfeiertag auf einen Sonntag – wieder nix.  Aber ab 2012 beschert uns der deutsche Feiertagskalender dann ein paar Jahre lang zwei Festtage, womit wir international vielleicht nicht einmalig dastehen, aber schon recht privilegiert sind. Rechnen wir den 24. Dezember dazu, Heiligabend, an dem sich die Arbeit vom Arbeitsplatz in die eigenen vier Wände verlagert – ich sage nur: Weihnachtsstress – dann ergibt sich mit drei Weihnachtstagen im Vergleich zu anderen Europäern, den US-Amerikanern sowieso, eine gewisse Sonderstellung.

Wir bescheren am 24. Dezember, also einen Kalendertag vor der auf den 25. angesetzten Geburt Jesu, auch so eine Besonderheit, und haben für das Verteilen oder Austauschen von Weihnachtsgeschenken auch noch ein ganz eigenes Wort. Schauen wir in das wunderbare German Dictionary von Collins, so finden wir unter Bescherung die Übersetzung „giving out of Christmas presents“ und erkennen: Den Angelsachsen und anderen sprachgewaltigen Völkern ist für das Ritual keine Sondervokabel eingefallen, was die Schenkerei beim Rest der Welt in unseren weihnachtlich glänzenden Augen etwas nüchterner wirken lässt.

Eine Leserin riet mir, Weltiswortwechsel zum Weihnachtsfest mit diesem Wort zu bestreiten, aber ein (allzu) flüchtiger Blick auf den allzu flüchtigen Eintrag im Etymologie-Duden verdarb mir die Laune daran, weswegen ich den Vorschlag letzte Woche mit einem eingestreuten „Bescherung hin, Bescherung her“ wegschnippte und mich stattdessen, auf Anregung des Lokalzeitungskritikers Felix Zimmermann (Bratwurst mit Senf), dem Verb bummeln widmete, einem Wort, das vor Weihnachten für die Geschäftswelt und die Lohnschreiber der örtlichen Gazetten (zu denen ich in jungen Jahren auch einmal zählte) besonders bedeutungvoll wird.

Der Weihnachtsstress, der dann über mich hereinbrach, verhinderte eine Recherche im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Band eins, A – Biermolke, die ich hiermit nachhole und jener Berliner Leserin widme, die mir zwischenzeitlich über das Ausbleiben einer Auskunft zum Thema Bescherung eine beredte, aber im Ton irgendwie verletzende Beschwerde beschert hat. Aufmerksame Leser erkennen an dieser Bemerkung, dass das Wort bescheren auch einen ironischen Beiklang annehmen kann, der mit Weihnachten nur noch entfernt zu tun hat.

Die Grimms haben sich mit dem Verb bescheren große und lohnende Mühe gegeben und einleuchtend dargestellt, was das Austeilen von Geschenken, um Christi Willen, mit dem Scheren eines Bartes oder eines Schaffells zu tun haben könnte. Die von den Brüdern ausgebreiteten Erkenntnisse würden ausreichen, ein Dutzend  Wortwechsel zu bestreiten, und überdies enthält auch der Etymologie-Duden reichlich Stoff – man muss nur an der richtigen Stelle nachsehen, nämlich nicht unter Bescherung, sondern unter scheren.

So kann ich die Auskünfte und Vermutungen beider Wörterbücher hier nur knapp zusammenfassen. Scheren bedeutete ursprünglich schneiden, teilen, trennen, abtrennen. Das kann man mit einer Hacke, einem Messer, einer (aufgepasst!) Schere, was dann unter Umständen eine Schur ergibt, beim Schaf wie beim Schoßhund oder beim menschlichen Schädel. 

Man kann auch eine Schar einsetzen, dann trennt man aber keine Haare von Köpfen oder Körpern, sondern Erdschollen voneinander, Pflugschar sagen wir verdeutlichend, damit wir diese Schar nicht mit jener Schar verwechseln, zu der sich Hühner, Gänse oder Menschen zusammenfinden: Ursprünglich war diese Schar eine von den anderen abgetrennte Anzahl von Individuen, zum Beispiel eine militärische Abteilung.

Da ich fürchten muss, dass aus der knappen Zusammenfassung nichts wird, nämlich im Blick auf die Bescherung, zitiere ich rasch einen Schlüsselsatz aus den Darlegungen der Grimms und schicke nur voraus, dass sich scheren auf althochdeutsch noch sceran buchstabierte. Der Grimmsche Satz lautet: „sceran ist schneiden, scerian austheilen durch schneiden.“

Da haben wir die Bescherung, endlich. Wir sitzen ums Lagerfeuer, einer schnibbelt mit dem Dolch an dem gerösteten Schaf und gibt jedem ein Stück Fleisch, den Angesehenen die guten Stücke, dem Fußvolk die zähen, knorpeligen. Wir bekommen unsere Zuteilung, unsere Gabe, unser Geschenk, es wird was für uns abgeteilt, beschert. Die Vorsilbe be- , althochdeutsch noch pi- , gesellte sich mit der Zeit verstärkend zum Verb. Sceran ist das starke Verb, es konjugiert sich heute scheren, schor, geschoren, während das davon abgeleitete piscerian schwach konjugiert wird, bescheren, bescherte, beschert.

Im Englischen lebt das Wort, nebenbei gesagt, auch noch gesund und munter weiter. To share, alle wissen es, heißt teilen, als Substantiv share (für Anteil, Aktie) schwächelt es mitunter.

Wörter haben es an sich, sich für den Gebrauch im übertragenen Sinn anzubieten. Bescherung war somit rasch auch das, was uns das Schicksal, die Götter, schließlich der christliche Gott und seine Helfer an Reichtum und Glück vom großen Ganzen abtrennten, zuteilten, bescherten, wenn wir tapfer, demütig, fromm, folgsam oder scheinheilig genug waren.

Weihnachtsgeschenke, so steht es im Etymologie-Duden, wurden „den Kindern als Gaben des Christkinds“ dargestellt, was so manche Eltern auch heute noch versuchen. Das Christkind hat die Playstation, das Tutu (die Stiefel) samt einem Gutschein für ein Jahr Ballett- (Reit-)Unterricht zugeteilt und selbstverständlich auch angeliefert. In Norddeutschland übernimmt diese Aufgabe für gewöhnlich der Weihnachtsmann, und wenn wir Pech haben, kündigt er sich mit den drei ausdrucksstarken Vokabeln an, die ihm sein amerikanischer Vetter Santa Claus beigebracht hat: Ho ho ho.


 

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qwasi

Dienstag, 04-01-11 09:45

Danke, dann will ich diesen Beitrag mal Facebook besharen.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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