"Ich sehe Tüten!"

Eine archäologische Grabung nach dem Satz der Sätze

Ob es der Lichterglanz der weihnachtlich ausgeleuchteten Straßen ist oder das Winterwetter, das uns hier im Norden noch fest im Griff hat, daß ich mich schon wieder mit dem Weihnachtsgeschäft oder der Bummelei durch die Innenstädte allgemein beschäftige? Nein, es ist ganz anders: Mir geht dieser unglaublich blöde Satz nicht aus dem Kopf, den ich im Setzkasten der Heimatzeitung gefunden habe. Sinngemäß lautet er: Die Kunden schauten nicht nur, sie kauften auch. Immer wieder taucht er in dem Blättchen auf, mehr oder weniger variiert, aber von der Grundaussage her immer gleich.

Was der Satz will, ist klar: Er will dem Grauen des Geschiebes durchs Gewühl – nichts anderes ist der Einkauf in den überfüllten Stadtzentren an verkaufsoffenen Sonntagen, wenn all die Innenstadtbesucher mal ehrlich wären – die Leichtigkeit des Bummelns beimengen, weil ja alles, was die Heimatzeitung zu diesen Shoppingevents schreibt, positiv ausfallen muß. Gemütlich war’s also mal wieder an diesem und jenem Sonntag in der Fußgängerzone, man schlenderte hier hin und dort hin, wühlte mal im Modehaus Soundso auf dem Wühltisch durch die Unterhosen und ließ nebenan Billigstoffe aus Fernost durch die Hände gleiten, die wahrscheinlich vom Fett eines Ditsch-Fladens, die einem so häufig über den Weg laufen, ganz schmierig waren. Ja, was machen denn die Leute beim Einkaufen sonst: Sie laufen umher – einige zielstrebig, weil sie wissen, was sie wollen, die allerdings eher nicht an Sonntagen, andere ziellos, weil sie eigentlich nichts brauchen, aber meinen, etwas kaufen zu müssen – und kaufen oder lassen es sein.

Leser P. aus W. hat mich dann – und das war wirklich überraschend für mich – darauf hingewiesen, daß auch ihm in seiner Heimatzeitung dieser Satz schon begegnet ist. Und ich dachte, nur meine Zeitung würde so etwas schreiben.

Ich bin dann auf eine archäologische Suche im Netz gegangen – und tatsächlich: Der Satz ist eine Art Klassiker der Shoppingartikelliteratur!

Im Örtchen Burgsinn taucht er auf, wo sie anläßlich der Kirchweih die Geschäfte geöffnet hatten. „Org schüe“ war es dort, um es in der lokalen Mundart zu sagen, und „die Geschäftsleute waren mit dem Zuspruch zufrieden“, weil: genau!

In Reutlingen findet der Satz – trotz des Regens und der Regenponchos, die die AOK „als kleines Give-Away“ verteilte – Verwendung, und selbst in dem kurzen Textlein im Südkurier über den 2. Töpfermarkt in Immenstaad hat er seinen Platz.

Aufschlußreich ist ein Artikel aus der Neuß-Grevenbroicher-Zeitung – kürzer: NGZ –, weil dort an mehreren Stellen der Satz vom Schauen und Kaufen durch Synonyme ersetzt wird, wodurch klarer wird, was da eigentlich los war beim Frühlingsfest in Dormagen, rund um den Paul-Wierich-Platz am Rathaus: Dort nämlich „schoben sich Tausende beim verkaufsoffenen Sonntag die Kölner Straße hinauf und hinunter“, von „Menschenmassen“ ist die Rede, die jemand mit „Wahnsinn“ und „Voller geht’s nicht“ kommentiert, kurz gesagt: „’Ich sehe Tüten!’“ So schön also ist’s beim Frühlingsfest in Dormagen, wenn nicht nur, naja, Sie wissen schon.

Verblüfft hat mich anschließend der Südkurier, nicht nur weil er hier wegen des Satzes der Sätze bereits zum zweiten Mal erwähnt wird, sondern weil der Artikel über den Sonntagsverkauf in Waldshut-Tiengen vom 10. November 2009 genau jene Versatzstücke enthält, aus denen meine Heimatzeitung ihre Shoppingartikel bastelt. Sollte etwa der Artikelschreibautomat, den ich dahinter vermutete, bereits in Serie produziert werden und in mehreren Redaktionen stehen? Vielleicht auch im badischen Emmendingen, wo auf dem Künstlermarkt „auch die Nasen nicht zu kurz kamen“? Wundern würde es mich nicht.

Bleibt die Frage, wer diesen Satz erfunden hat, der längst auch den Weg bis nach Kärnten genommen hat.

Ich dachte erst: Der Pellengahr muß es gewesen sein, jener legendäre langjährige Vorsitzende des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), der über Jahre im Weihnachtsgeschäft vor den funkelnden Kulissen der Städte frohe Botschaften verkündete, der es aber trotzdem nicht zu Wikipedia geschafft hat. Ihm purzelte in fröhlicher Grundstimmung dieser wichtige Satz aus dem Mund, im Dezember 2005 war das.

Dann aber grub ich mich noch eine Schicht tiefer und fand heraus: Der Satz kommt doch von meiner Heimatzeitung. Sie hat ihn erfunden. Ich wusste es doch. Das Blatt ist stilbildend.

Ach so, und weil Weihnachten ist, gibt es bei MAGDA heute ein Bummel-Paket. Bummeln Sie also gerne nach drüben zu Weltis Wortwechsel.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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