Heute: Ein Loch...

... das wir gerne zumachen würden

Nachdem ich vor gut einer Woche versprochen hatte, über das Wort Loch zu schreiben, gab es warnende Stimmen. Einige warnten vor dem Abgleiten ins Vulgäre, was ich mir ja schon einmal geleistet hätte. Und eine einzelne Stimme gab stirnrunzelnd zu bedenken: Wenn du über das Loch schreibst, schreibst du über das Nichts.

Dazu ist, erstens, zu bemerken, dass eine Stimme nicht die Stirn runzeln kann; zweitens, dass sich ein Loch aus zwei Elementen zusammensetzt: aus dem Nichts und dem, was es umgibt, zum Beispiel das Blech des löchrigen Eimers oder die Erde rund um ein Pflanzloch oder das knorpelige Fleisch und der mitunter krumm geschlagene Knochen, die gemeinsam ein Nasenloch definieren. Ganz davon zu schweigen, dass auch das vermeintliche Nichts ein Etwas ist, nämlich Luft oder auch andere Gase, es sei denn, wir stellten ein Vakuum her, und dann müssten wir dafür sorgen, dass wir das Loch, durch das wir das Gas absaugen, hermetisch abschließen, und dann ist das Loch kein Loch mehr, sondern ein Verschluss.

Dies ergibt eine Überleitung, die im deutschen Aufsatz mindestens die Teilnote befriedigend verdienen würde, sodass sich die Deutschlehrerin am Ende wenigstens noch zur Gesamtnote vier minus durchringen müsste. Wir können nämlich festhalten, dass der Vorfahr des Wortes Loch – für unsere    Deutschlehrerin überraschend, aber unwiderlegbar – vorzeiten was anderes bedeutete, nämlich etwas, das ein Loch verschließt, stopft oder deckelt. Althochdeutsch luhhan meinte nichts anderes als zumachen.

Wenn Sie im nächsten Sommerurlaub im gemieteten Boot auf dem Shannon auf- und abfahren, kommen Sie alle paar Kilometer an ein lock, eine Schleuse, die Sie teils mit eigener, teils mit fachkundiger Hilfe unschwer passieren werden. Lock, dafür stehen alle Indogermanisten gerade, ist im Angelsächsischen der eineiige Zwilling von Loch – nur unter etwas anderen Bedingungen aufgewachsen und in diesem Fall näher an der ursprünglichen Bedeutung: eine Schleuse sperrt die Wasserstraße.

Lock heißt im Englischen nicht nur Schleuse, sondern auch abschließen und Schloss, jenes Schloss, in das wir den Schlüssel stecken, um aufzuschließen. Auf Italienisch heißt der Schlüssel chiave. Was das davon abgeleitete Verbum chiavare heißt, entnehmen Sie bitte Ihrem Italienisch-Wörterbuch. Während eines Italienurlaubs vor rund  tausend Jahren, als statt des schwachen Euro noch die starke Lira als Währung währte, bekam ich in einer Bar einen Tausend-Lire-Schein zurück, auf dem in zierlicher Handschrift stand: chiamami, chiaveremo, dazu eine Telefonnummer. Irgendwann habe ich die Banknote, aus Versehen, zum Zahlen einer Zeitung benutzt, und die Telefonnummer war futsch.

Mein Chef droht mir an, den obigen Absatz zu streichen, wenn ich nicht endlich wieder zur Sache komme und zusammenfasse. Das mache ich kurz und sage: Das Wort Loch hat im Deutschen eine Sonderentwicklung genommen, indem es heute das bezeichnet, was es einst schließen sollte.

Somit fühle ich mich berechtigt, in einer weiteren Abschweifung zu erzählen, dass ich mich neulich mit drei alten Kolleginnen zu einem vorweihnachtlichen Essen getroffen habe. Die drei alten Kolleginnen sind alle jünger als ich, mit alt ist nur gemeint, das wir uns lange kennen. Alle drei, ja, alle drei, benutzten, mit Bezug auf gewisse alte Kollegen, das Wort Arschloch, einfach so, ohne den Gebrauch des Wortes zu rechtfertigen, sei es in Gesten, sei es in Worten. Ich argwöhne, dass sie das Wort, in meiner Abwesenheit, auch auf mich verwenden, versehen mit dem Epitheton ornans "alt".

Da ich mir vorgenommen habe, nie (oder beinahe nie) am Sprachgebrauch anderer herumzunörgeln, sondern nur zu beobachten, wie sie reden oder (was ja vorkommt) schreiben, stelle ich fest: Das oben erwähnte, bei der vorweihnachtlichen Begegnung meinerseits vermiedene A-Wort ist zu einer Metaphernmumie geworden, die selbst bei denen, die sie aussprechen, kaum mehr die Erinnerung daran weckt, was sie eigentlich beschreibt. Müssten wir, wenn nötig, das anatomische Detail wirklich ansprechen, wüssten wir andere, die Schamschranken unterlaufende Wörter. Der Rückgriff auf die Sprache der alten Römer bietet sich an.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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