Heute: Vom Zauber der Unwissenheit

Wir danken ihr so wunderbare Wörter wie Porzellan und Orchidee

Als Kind hatte  ich, neben anderen dringenden und nie erfüllten Wünschen, zum Beispiel so gut Fußball spielen zu können wie mein großer Bruder  – bei den Schweinsteiger-Brüdern Tobias (SSV Jahn Regensburg) und Bastian (Bayern München) verhält sich das ja anders herum…

Ich fange noch mal an und sage: Neben dem vergeblichen Wunsch, so gut zu kicken wie mein großer Bruder, hatte ich in ganz jungen Jahren noch ein paar andere kleine Sehnsüchte. Eine davon war, in einer Hängematte  schaukelnd Bücher wie „Die Biene Maja“ von Waldemar Bonsels (meine Mutter las daraus immer so schön vor) nachlesen zu können. Aber selbst wenn sich meine kriegsbedingt früh verwitwete Mutter den Kauf einer Hängematte eben noch hätte leisten können oder wollen, wir drei hätten ­gar keinen Platz zum Aufhängen der Hängematte gehabt. Und zwei Bäume, an denen man sie hätte festmachen können, hatten wir auch nicht. Stimmt schon, man hätte damit in den Wald gehen können, aber dort hatten wir was anderes zu tun als in Hängematten zu schaukeln: Blaubeeren und Preiselbeeren und Himbeeren und Walderdbeeren und Waldmeister pflücken, Fichtenzapfen sammeln fürs Feuer im Ofen.

Später habe ich, bei Freunden oder Bekannten, ausprobiert, wie man in einer Hängematte liegt, und schnell herausgefunden, dass man darin gar nicht so gut lesen kann, sei es Waldemar Bonsels (zu dessen Ahrensburger Geburtshaus, wenn es noch stünde, ich heute in 18 Minuten wallfahren könnte) oder Gottfried Benn, von dem die  geniale Gedichtzeile stammt: „In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs“.

In meinem Elternhaus hing keine Hängematte, aber das Wort hat für mich immer noch etwas von dem Zauber, den es ausübte, als ich mich danach sehnte, „Die Biene Maja“ nachzulesen, in einer Hängematte liegend. War es eine Hummel oder eine Raupe, zu der Maja, während eines ernsthaften Disputs, höflich sagte: „Schlucken Sie, bitte, erst hinunter“? Diesen Satz intonierte meine Mutter so eindrucksvoll, dass ich immer schon gierig darauf wartete, während sie vorlas. Sie nutzte den Imperativ auch zu außerliterarischen, erzieherischen Zwecken, nämlich wenn sie meinen großen Bruder und mich darauf aufmerksam machen wollte, dass man mit vollem Mund nur in Notfällen spricht.

Hängematte, was für ein schönes, sich selbst erklärendes Wort. Ja, das Ding hängt, es bietet dir eine Unterlage, auf die man sich bettet, wenn man ein wenig matt ist, um leicht schaukelnd zu sich (und zu Bonsels oder Benn) zu kommen. Matte? Naja, Netz wäre wohl exakter, aber das Wort Hängematte schlägt Hängenetz sieben zu eins ­– wie Bayern München, wenn es zu einem Pokalspiel im bescheidenen Regensburger Jahn-Stadion auflaufen würde. Es hat einen Zauber, der offenbar auch den potenziellen Gainsborough-Besitzer inspirierte, dem das böse Schlagwort „soziale Hängematte“ eingefallen ist. Der Mann kann stolz sein auf seine Ausdruckskraft, und vermutlich war er auch stolz auf ihre Wirkung.

Mein PC zeigt an, dass inzwischen an die 450 Wörter geschrieben sind, ziemlich viele für eine Einleitung zum Thema: Über den Nutzen von Missverständnissen und den Segen des NichtwissensHängematte heißt auf Englisch hammock, auf Italienisch amaca. Da hört man nichts von hängen, nichts von matt und nichts von Matte.

Wir Deutschen haben das Wort irgendwann nach 1600 aus dem Niederländischen entlehnt, es bezeichnete die Schlafnetze der Seeleute im engen Schiffsbauch und hieß, bei unseren Nachbarn, ursprünglich hangmak, ein aus der Sprache der Ureinwohner von Haiti gefischtes Wort, hamaca. Die Franzosen schreiben hamac, die Spanier hamaca. Den Geniestreich des Umformulierens zur Hängematte vollbrachten die Holländer mit hangmat, wir Deutsche brauchten das Wort nur noch in unseren germanischen Dialekt zu übersetzen, was so schwer nicht war.

Hängematte, dieses schöne Produkt eines schönen, produktiven Missverstehens, ist ein Beispiel für schöpferische Volksetymologie, die sich nicht darum schert, wo ein Wort herkommt, sondern wie man es, für sich und andere, handlich und begreifbar macht.

Raus aus der Hängematte, jetzt schauen wir mal, welche Missverständnisse oder Wissensmängel uns andere Wörter liebenswert gemacht haben, und geraten dabei in die Sphäre des, wie soll ich’s sagen?,  Schönen und Obszönen. Italienisch porco heißt Schwein, porcella heißt kleines weibliches Schwein. Das bringt uns nahe an das Wort Porzellan.

Hart arbeitende Sprachforscher haben folgende These konstruiert: Es gebe eine Meeresschnecke, die gewisse Ähnlichkeiten mit dem Geschlechtsteil einer jungen Sau habe und vermutlich deshalb porcellana genannt worden sei. Noch härter arbeitende Forscher tragen vor, das äußere Genital der Frau sei (im Volksmund) porcello, Schweinchen, genannt worden. Per Vergleich habe man es dann, so unziemlich, wie es nur dem Volksmund gestattet war, auf die fast ebenso anmutige Kaurimuschel übertragen.

Soweit, so schön, aber was hat das mit Ihrem teuren, zwölfteiligen Meißener Service zu tun? Nichts außer dem in Europa lange Zeit als die reine Wahrheit geltenden Irrtum, die Chinesen hätten ihre vielbewunderten und in Massen importierten Vasen, Schüsseln, Schalen, Teller und Becher aus den gemahlenen Gehäusen dieser Assoziationen provozierenden Meeresschnecken produziert. So kam das Schwein ins Porzellan, so kamen wir zu einem gut klingenden Wort, Metapher hoch zwei, was wollen wir mehr? Den Italienern, die offenbar immer nur eins im Sinn haben, sei Dank. Grazie, Cavaliere Berlusconi.

Zum Schluss gibt’s BIumen, aber nicht für den Cavaliere. Ich erwerbe einen Strauß Orchideen für eine Weltiswortwechselleserin im Altbayerischen, von deren Existenz ich vor ein paar Tagen erfahren habe. Sie trägt, sagt mir mein großer Bruder, den schönen  Namen Judith. Wenn sie die Blumen annimmt, verschweige ich, versteht sich, was Orchidee heißt. Allgemeines Nichtwissen schützt das schöne Wort vor Unterdrückung.

Nicht weitersagen: Griechisch orchis heißt Hoden. Die Botaniker haben die Orchideen, in Zeiten, wo so etwas noch zulässig schien, nach der Form der Wurzeln benannt. Das deutsche Wort Knabenkraut zielt, diskreter, auf dieselbe Stelle.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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