Heute: Warum ist schön so schön?

Weil unsere Vorfahren genau hinsahen

Von Alfred Welti

Ist schön ein schönes Wort? Darüber lässt sich trefflich oder überhaupt nicht streiten. Ich wette, mein kluger italienischer Freund Mario, der das Wort schön, weil er mit einer schönen deutschen Frau verheiratet ist, inzwischen wunderbar auszusprechen gelernt hat  ­– ich wette, Mario würde (in einer Geheimabstimmung) immer noch das Wort bello (auf seine schöne Frau bezogen natürlich bella) wählen.

Unsere britischen Freunde würden sich, obwohl ihnen das Ö nicht ganz  so schwer aus dem Kehlkopf kommt wie das Ü, trotzdem mehrheitlich für beautiful entscheiden, und meine chinesischen pengyou (Freunde/Freundinnen), sofern sie so fein Deutsch sprechen wie Qu Fei und Wang Ge,akzeptieren schön als Klangkatastrophe, die man hinnehmen muss, um schön Deutsch zu sprechen, aber sie finden Wörter wie meili oder piaoliang natürlich viel schöner.

Warum ist schön ein schönes Wort? Wir finden es deshalb schön, weil unsere Eltern und Lehrer es nicht geschafft, ja zum Glück nicht einmal versucht haben, uns bei schönen Sachen auf andere Vokabeln, zum Beispiel  ploing oder kring, zu programmieren. Sie sind der Einfachheit halber bei schön geblieben. Hätten sich unsere Lehrer allerdings verschworen (unwahrscheinlich) oder (wahrscheinlicher) einem Kultusministerinnenbeschluss gebeugt, dass das Wort schön künftig durch ploing zu ersetzen sei, müssten wir uns jetzt nicht wundern, wenn eine(r) sagen würde: Dieses Haus mag ja ganz praktisch sein, und doch es wäre ploinger gewesen, wenn der Architekt den Windfang ploing schmal gestaltet hätte. Aber so ein Baumeister verkauft dir ja alles als ploing, am Ende bist du ganz kring angeschmiert, und der Architekt hat ploing Kohle gemacht.

Das Wort schön ist  schön, weil wir seit Generationen daran gesch…, Verzeihung, daran gewöhnt sind, es mit Dingen, vor allem auch mit Personen, in Verbindung zu bringen, die uns gefallen (auch so ein Wort, über das man mal nachdenken könnte: Was hat gefallen wohl mit fallen zu tun?). Es gibt ja einige Konkurrenten des Wortes, die es mit ein bisschen mehr Glück geschafft hätten, schön zu überflügeln, zum Beispiel anmutig oder graziös oder ansehnlich oder glänzend, aber wir finden uns mit dem Wort gern ab, auch weil es so vielseitig  ist.

Um noch mal kurz zum Chinesischen abzuschweifen, es gibt da noch einige Wörter, die man gewöhnlich mit schön übersetzt, zwei davon helfen dabei, sich darüber zu wundern, was für ein weites Bedeutungsfeld schön erobert hat. Die chinesischen Wörter heißen haokan und haoting, wörtlich übersetzt: „gut anzuschauen“ und „gut anzuhören“. Für ein schönes Bild könnte ein Chinese das Wort haokan wählen, für ein schönes Lied haoting.

Unsere Etymologen versichern glaubhaft, das Wort schön habe sich aus einer indogermanischen Wurzel entwickelt, auf die auch das Verb schauen zurückgeht, bedeute also soviel wie sichtbar, ansehnlich, ins Auge fallend. Später nahm es die Bedeutung von glänzend oder rein an, das neuenglische sheen (vor ein paar Jahrhunderten auch noch ein Ausdruck für schön) bedeutet heute ausschließlich Glanz. Die beauty haben sich die Briten, nicht zu ihrem Schaden, peu à peu von französisch parlierenden Eroberern einreden lassen (und wir uns, in jüngerer Zeit, von Briten und Amerikanern, die uns überdies zur Schau die Show bescherten).

Alles gut und schön, aber ehe ich meine erlesene Leserschar (95 im vergangenen Monat) bis auf weiteres verschone (das heißt schön, also rücksichtsvoll behandle), schubsen wir mal zum Spaß die zwei Punktchen, nein: Pünktchen, vom erhabenen Wort schön und schnappen uns das Wörtchen schon. Historisch gesehen ist es, da dulden unsere Etymologen zu Recht keinen Widerspruch, das Adverb zum Adjektiv…

drei Mal

 dürfen

wir raten…

schön. Ich habe das schon gemacht, hieß demnach vor langer langer Zeit: Ich habe das gut, ordentlich, ansehnlich, ja geradezu schön gemacht, meine Arbeit ist mit Erfolg abgeschlossen. So allmählich nahm das Wort die Bedeutung von bereits an. Und wenn man drüber nachdenkt, es ist ja wirklich schön, wenn irgendwas schon erledigt und vorbei ist, zum Beispiel die Wäsche oder ein Wortwechsel oder die Steuererklärung oder eine Programmrede des Vizekanzlers.


 

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Leser96

http://www.freischreiber.de

Donnerstag, 04-11-10 15:22

Schön! Und Ploing!!

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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