Heute: Wikileaks

Wird das Leck zu groß, sinkt unser Bötchen

Von Alfred Welti

Heute gibt es Informationen von Weltileaks, der neuen Enthüllungsplattform des Autorenmagazins MAGDA. Enthüllt werden aus dem von Wikileaks gebotenen aktuellen Anlass die komplizierten Familienverhältnisse des englischen Wortes leak, seine harmlosen, seine verhängnisvollen Bedeutungen und, als Dreingabe, eine leicht, aber wirklich nur leicht schmuddlige Anwendung.

Wir beginnen, damit Sie weiterlesen, mit der Dreingabe, erlauben uns aber rasch den völlig unschmuddligen Hinweis, dass leak sowohl als Verb als auch als Substantiv existiert. To leak heißt tröpfeln, durchsickern, undicht sein, auch: etwas durchsickern lassen. A leak ist, folglich, eine undichte Stelle, wo was durchsickert, wo es tröpfelt, eine Stelle, wo jemand etwas durchsickern lässt, zum Beispiel die überraschende Nachricht, dass ein nicht ganz dichter Diplomat der Vereinigten Staaten von Amerika unsere Kanzlerin für wenig kreativ hält. Ein Leck.

Würden wir auf Anhieb verstehen, wenn jemand zu uns sagt: Verzeihung, ich muss mal ein Leck haben. Würden wir nicht ohne weiteres, würden wir aber, sofern wir englische Freunde haben, die nicht etepetete sind und, unter Freunden, schon mal den Satz fallen lassen: Sorry, before you serve the next glass of whiskey, I must go for a leak, um dann schnell im bathroom zu verschwinden.

Nun, da wir dieses leak hinter bzw. unter uns gelassen haben, wenden wir uns nicht dem Whiskey, sondern einer anderen möglichst flüssigen Sache zu, der Arbeit, und stellen, mit Hilfe geeigneter Nachschlagewerke, fest, dass wir Deutsche das Wort reimportiert haben.  Deutsch lech bedeutete undicht, ging unseren Ahnen irgendwann nicht mehr flüssig von den Lippen, wurde vergessen und erst um 1600 aus der Sprache unserer niederländischen Brüder (die Schwestern sparen wir uns jetzt mal, weil es um Seemannssprache geht) zurückgeholt, als Leck. Es bedeutete, im Moment des Reimports, nur noch eine undichte Stelle im Schiff, aber bald hat es sich, wie die widerborstigen Wörter nun mal so sind, wieder metaphorisch breitgemacht. Der große Heinrich Heine sah Leck als Maskulinum und schrieb über die Matrosen von Norderney, auch wenn sie „auf ihren Schiffen nach jenen südlichen Ländern gekommen (sind), wo die Sonne blühender und der Mond romantischer leuchtet, so können doch alle Blumen dort nicht den Leck ihres Herzens stopfen“.

Zum Leck kam das Verb lecken, das, in der Bedeutung von ein- oder aussickern, hinfort sein unscheinbares Leben als Homonym zum gleich klingenden, gleich geschriebenen, gleich konjugierten Wort lecken (neben dem Sprechen eine wichtige Aktivität unserer Zunge) fristete. Bei den Angelsachsen kam es nicht zum Gleichklang. To leak (mit langem i) klingt deutlich anders als to lick (lecken, zum Beispiel Speiseeis), und deswegen, vermute ich, hatten die Insulaner auch weniger Hemmungen, mit dem Wort leak freizügiger umzugehen als wir mit lecken. Wir können nicht sagen: Dieser Kerl hat schon wieder ein Betriebsgeheimnis geleckt. Der Engländer kann’s und sagt munter: He leaked a trade secret. In gewissen deutschen Branchen, sagen wir mal, in der Werbebranche, aber auch in anderen Gewerbezweigen, wo das Englische mehr oder weniger harmonisch mitschwingt, wäre ein Satz wie „Der hat diesen clanger dann dem personel department geleakt“ eine verständliche Aussage.

Mein Chef, der ich zum Glück seit einiger Zeit selber bin, mahnt mich seit zwei drei Absätzen, doch endlich auf den offensichtlichen Zusammenhang zwischen Leck und Loch einzugehen. Betreten muss ich antworten: Ich finde keinen, so nahe Ihre Vermutung, verehrter Chef, auch liegt. Die Etymologen, denen ich nicht blind, aber mit Hochachtung vertraue, rekonstruieren für leak und all seine Verwandten, zu denen auch das Verb lechzen zählen soll, die indoeuropäische Wurzel leg- (tröpfeln, sickern). Für Loch hingegen schließen sie auf die Wurzel leug-. Um es kurz zu sagen, Herr Vorgesetzter: Loch bedeutete mal (fast) das Gegenteil von dem, was es heute meint, und das verwandte Wort im Englischen bedeutet das immer noch, wie Weltileaks Ihnen in Wochenfrist enthüllen wird.

Wikileaks ist ein geschickt gebasteltes Kunstwort in Anlehnung an das verdienstvolle Projekt Wikipedia, ein Markenzeichen, das sich seinerseits aus dem hawaianischen Wort für schnell (wiki) und den letzten fünf Buchstaben von encyclopedia zusammensetzt. Ich habe Angst davor, dass Wikileaks‘ leaks irgendwann einen Krieg auslösen, und ein schlechtes Gewissen wegen der Schadenfreude, die manche der Enthüllungen bei mir ausgelöst haben, ich sage nur Guido.

Wir hatten mal einen Außenminister namens Willy Brandt, und ich hätte mich nicht gefreut, wenn diplomatische Post über ihn im Netz zu lesen gewesen wäre. Das nur nebenbei. Wikileaks, so, wie ich es jetzt sehe, ist mit den zig Tausenden von Dokumenten, die es en bloc veröffentlicht und gar nicht sortiert haben kann, eine Gefahr nicht nur für Regierungen, sondern für alle. Woher weiß ich, ob der Whistleblower Assange nicht mal die falsche Pfeife bläst, bewusst oder aus Versehen. Wer kontrolliert ihn? Kann mir das mal jemand kurz leaken?


 

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Wolfgang Michal

http://www.magda.de

Donnerstag, 02-12-10 12:01

Lieber Alfred,
bei den beiden vergangenen Leaks wurden die geleakten Dokumente von großen Redaktionen verfiziert und kontrolliert: New York Times, Guardian, Spiegel. Außerdem wurden die betroffenen Ministerien um Stellungnahmen gebeten und sie konnten Gefährdungslagen für Mitarbeiter und geheime Operationen durchaus geltend machen. Das ist schon eine gewisse Vorsorge.
Natürlich besteht tendenziell die Gefahr, dass kleine, idealistische und nicht transparente Organisationen wie Wikileaks eines Tages unterwandert oder gezielt benutzt werden.
Doch Kriege werden in der Regel noch immer von denen vorbereitet, die möglichst viel unter der Decke halten wollen.
P.S. Die Indiskretionen über Willy Brandt (die auch die Ostpolitik tangierten) kamen aus dem eigenen Geheimdienst und aus der eigenen Partei, wie ja inzwischen reichlich dokumentiert ist.

 
 

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