Schenken, eine krumme Sache

Vom Fass zum Krug, vom Krug zum Becher

Von Alfred Welti

Nein, auch dieses Jahr meide ich die Weihnachtsmärkte, von denen ich in  Hamburg, nur im Vorübergehen, ein halbes Dutzend im Aufbau gezählt habe.  Vermutlich sind es zwölf Dutzend oder mehr, aber etliche Irrgänge über derlei Budenansammlungen und einige Gläser schrecklichen Glühweins haben mich über die Jahre belehrt: Die richtigen Weihnachtsgeschenke findest du da nicht, sofern du weder Christbaumschmuck noch Weihnachtsengel kaufen möchtest.  

Von einer guten Freundin wusste ich, sie wünscht sich seit Jahren die Tischlampe des Bauhaus-Meisters Wilhelm Wagenfeld (die ich auch gerne hätte). In  der Nähe des Hamburger Rathauses, wo sich der, sagen wir mal, schönste Weihnachtsmarkt findet, gibt es ein edles Lampengeschäft, genau gegenüber der Hauptkirche St.Petri. Die Firma heißt, angemessen, Prediger, und man kriegt da nichts geschenkt.  So habe ich mein Weihnachtsgeschenk angemessen bezahlt und hege die Hoffnung, dass die wunderbare Freie und Hansestadt, dank der aus diesem Kauf resultierenden Gewerbesteuer von, sagen wir, 99 Cent, noch 99 Sekunden länger warten kann, bis sie den Hanseaten reinen Wein einschenkt und nach der schwarz-grünen Koalitionsunfähigkeit auch ihre Zahlungsunfähigkeit erklärt.

Ob reiner Wein oder pappsüßer Glühwein, wir nähern uns allmählich der schiefen Bahn, auf der wir munter zu der von den Etymologen abgesicherten These rutschen können, die da lautet: Schenken ist eine krumme Sache. Keine der, zugegeben, wenigen Sprachen, die ich kenne, verwendet für die meist löbliche Tätigkeit des Schenkens ein verwandtes Wort, das Niederländische mal ausgenommen. Die Angelsachsen zum Beispiel begnügen sich meist mit to give, was natürlich mit geben verwandt ist. Für Geschenk haben sie zwei gängige Wörter, nämlich gift (das wir ja auch haben, allerdings als recht hinterhältige Gabe) oder present, das ihnen einst die Franzosen rüberreichten.

Sind wir Deutsche - den Glühwein lassen wir jetzt mal weg - eine Nation von Trinkern? Um diese Antwort drücken wir uns einen Absatz lang herum, indem wir festhalten: Das Wort schenken war einst auf eine (gewiss löbliche) Tätigkeit eingeschränkt, die das Gießen von Flüssigkeit aus einem größeren Gefäß, zum Beispiel einem Fass oder einem  Krug oder einer Flasche, in ein kleineres Gefäß, zum Beispiel einen Humpen oder einen Becher oder eine Tasse, beschrieb. Wörter wie Schenke und Schankwirt (der, wie wir wissen, nichts zu verschenken hat) erinnern daran. Heute meint schenken das Ausgeben von Bier, Wein oder, sei's drum, Jasmintee, nur noch in seltenen Fällen. Wir stellen dem Verb die Vorsilbe ein-  voran. Einschenken.

Sind wir Deutsche eine Nation von Trinkern? Sind wir nicht. Wir sind, alles in allem, so nüchtern wie Angela Merkel, es sei denn, sie lässt sich in Bayreuth einen Schoppen Frankenwein einschenken und schenkt der Nation zum Dank einen Blick auf ihre Gottesgeschenke. Dass unsere Vorfahren die Bedeutung des Gebens guter Gaben aus der löblichen Tätigkeit des Einschenkens von Met, Wein oder Korn entwickelt haben, so weit, dass sie auch auf die unentgeltliche, freundliche Übergabe von Präsenten wie Bauhauslampen oder Sträußen von Helleborus niger (Christrosen) zutrifft, schenkt uns die Erkenntnis: Das Einschenken (einst ohne die Vorsilbe ein-) hat im Gemeinschaftsgefühl unserer Nation früher eine sprachbildende Rolle gespielt.

Eine starke und, wie angedeutet, krumme oder schiefe Rolle. Schenken, dafür verbürgen sich unsere Sprachforscher, entspross der indogermanischen Wurzel (s)keng, und die bedeutete schief, krumm oder schräg. Schenken hieß, anfangs, „schief halten“  - genau das, was man mit einem Zuber oder einem Krug tut, wenn man daraus einen Becher (lateinisch bicarium) oder einen Kelch (lateinisch calix) füllt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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