Stalins letzte Reise

Nachruf auf einen Reporter der aussterbenden Art

Stalin nannten ihn seine Freunde. Wir saßen in der „stern“-Redaktion Tür an Tür, ein verrückter Kerl, Abenteurer, Reporter und bald auch Fotograf. Blonder Flaum umkränzte seinen schon in jungen Jahren kahlen Schädel, in dem eine tiefe Kerbe wie von einem Säbelhieb den Blick fesselte. Stalins Blick war eisblau und gestattete kein Ausweichen. Der Mann war knurrig, aufbrausend, abweisend, konnte aber auch sehr witzig sein; schlagfertig nutzte er die Ironie als Waffe.

Stalin, das personifizierte Gegenteil von Anpassungsfähigkeit, hielt es nicht lange aus in der „stern“-Redaktion. Er hasste es, wenn seine Geschichten in dem routiniert funktionierenden Apparat rundgeschliffen, geglättet und bis zur Unkenntlichkeit gestutzt erschienen. Autoren-Eitelkeit war es nicht. Eher der Groll, dass Leute in seinen Texten herumfummelten, Sesselpuper, wie er sie nannte, die den ganzen Tag im Büro saßen und nicht verstanden, was in und hinter den Geschichten stand, die er vor Ort zusammengetragen hatte.

Vor Ort, das war für ihn: hinter Mauern und Zäunen, off road, unterm Sternenzelt. Fernab vom Mainstream. Er ging zu denen, die am Rande lebten oder vergessen waren, recherchierte jahrelang bei der spanischen Fremdenlegion, den „Verlobten des Todes“, ging immer wieder zu den Ciganos im Algarve und nicht ganz so oft zur Herzogin von Alba.

Jorge, wie ich ihn nannte, seit wir befreundet waren und gemeinsam auf Reportagereisen gingen, hat mir Spanien erklärt und gezeigt, den Flamenco und den Stierkampf, den Andalusischen Riesenesel und die stolzen Zwerge, die in der Corrida Comica den Stierkampf parodierten. Er führte mich in die Coto de Doñana, auf den Jakobsweg, und ins Nachtleben von Sevilla und Madrid. Er kannte unendlich viele Leute. Die Spanier, denen wir begegneten, mochten und respektierten ihn, seine Art, die Dinge unmissverständlich anzusprechen, klar und geradeaus. Ich glaube, sie spürten seinen Respekt und seine Sympathie. Aber auch seine Autorität.

Er machte sich unabhängig von den Redaktionen, in denen er sich unwohl fühlte, gründete in Hamburg die Fotografen-Agentur „White Star“ und wählte bewusst den Namen der Reederei, die einst die „Titanic“ bauen ließ. Seine langjährige Gefährtin Petra Wiehe übernahm das Management, denn Manager war er nie, und noch weniger ein Diplomat. Er machte es sich und anderen nicht leicht, ein Padrón, wie er im Buche steht; aber die ihn kannten und liebten, wussten, dass sich unter der rauhen Schale dieses Machos ein hochsensibler und verletzbarer, warmherziger und sorgender Charakter verbarg.

Jorge ging nach Madrid, zog durch die Weiten des Landes, das ihm viel näher war, als die verbaute, verlogene Welt der Medien. Er stöberte, fotografierte, filmte, verlor nie seine Neugier auf starke Geschichten, nahm junge Fotografen an die Hand, bildete sie aus.

Agentur und Petra blieben an der Brüderstraße in Hamburg. „White Star“ wurde die Spezial-Agentur für Bilder aus Spanien und Portugal.

Wir hatten uns eine Zeitlang nicht gesehen. Als wir uns das letzte Mal trafen, war er schon gezeichnet von der Krankheit, die ihn im Griff hatte. In unserer Nachbarschaft hatte er den Platz gefunden, an dem er begraben werden wollte. „Ich gehe gern“, sagte er. Kurz nach seinem 70. Geburtstag, am 11. November 2010, starb Stalin, mein Freund Jorge, der Reporter und Fotograf Jörg Steinert in Hamburg.


 

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Judith Wälti

http://www.judithwaelti.net

Dienstag, 07-12-10 13:51

1x muss ich widersprechen: männlich war er, aber keinesfalls macho.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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