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Von dem Versuch, Studenten das Zeitunglesen beizubringen

Von Sabine Böhne

Die Frage provoziert erstaunte Aufmerksamkeit im Hörsaal: „Wer von Ihnen liest eigentlich regelmäßig eine Tageszeitung?“ Das Wispern auf den mittleren Plätzen verstummt. Irgendwo fällt ein Stift zu Boden. Einige Studenten recken die Hälse, um die Reaktion der anderen zu peilen. Wer meldet sich und wer nicht? Wer ist hier die Ausnahme und wer die Regel?

Vier Hände gehen in die Höhe. Nur vier von über 50 Journalismus-Studenten lesen regelmäßig „taz“, „Süddeutsche“ oder „Welt kompakt“. Die Brünette vorne links gibt an, die „Zeit“ abonniert zu haben. Ihre Sitznachbarin mit den langen blonden Haaren legt nach und erklärt, sie schaue immer am Wochenende bei den Eltern in die Zeitung.

Und die Anderen? Wie informieren sich die Abstinenzler des gedruckten Wortes über das Weltgeschehen? „Ich gehe auf Spiegel Online“, sagt der Junge mit der Radiosprecher- Stimme aus der obersten Reihe. „Da steht alles drin.“ Zustimmendes Nicken in den Rängen. „Die Berichte im Netz sind aktuell“, bestätigt eine Studentin und fügt mit rollendem „R“ hinzu: „Und obendrein kostenlos.“

Das Geld ist ein wichtiges Argument im Zeitalter der Studiengebühren. Mehr als die Hälfte der Studenten jobbt nebenher. Das ergab eine Umfrage der Ansbacher Hochschul-Zeitschrift kaspar. Wer jeden Euro zum Leben braucht, spart an vermeintlich lässlichen Ausgaben. Warum 20 Euro im Monat für das Studenten-Abo bezahlen, wenn Informationen im Netz auch gratis abrufbar sind?

Die Generation Internet ist in den Hochschulen angekommen. Wo früher das Zeitungs-Abo so selbstverständlich war wie der gemeinsame Küchentisch in der WG, gehört heute das Notebook zur Grundausstattung der Studenten. Sie mailen. Sie chatten. Sie schauen sich die Fotos von der letzten WG-Party an. Zwischendurch klicken sie vielleicht auf die Nachrichten-Portale und picken einige Infos auf. Ob die digitale Dauerpräsenz jedoch konzentrierte Lektüre zulässt?

Ich mache die Probe aufs Exampel. Als Testfall dient Jan Rübels schöner Text „Von der Droge zum Dogsitter“ im Internet. Nicht zu lang. Der Protagonist ist ein junger Underdog. Die perfekte Geschichte für meine Zielgruppe. Denke ich. Nach zehnminütiger Lektüre an den Bildschirmen ist die Neugier in den Gesichtern einer bleiernen Schwere gewichen.  Müde Augen, hängende Mundwinkel. Die Diskussion kommt nicht in Gang. Was ist los? Marie mit dem langen pechschwarzen Haarzopf gibt sich einen Ruck: „Am Computer kann man solche Texte halt nicht so gut lesen“, mault sie. „Es ist besser, wenn wir die ausgedruckt vor uns liegen haben.“

Von wegen neuer Leser. Die jungen Notebook-Träger lügen sich selbst in die Tasche. In Wirklichkeit rauscht die digitale Jeunesse dorée durchs Internet wie Kinder über die Kirmes. Von einem Reiz zum nächsten. Innehalten und sich auf einen Text konzentrieren ist dabei so uncool wie ein Walzer in der Disko. Die Folge: Mit dem neuen Medium ist aus dem Alltag der Studenten das konzentrierte Lesen von längeren Texten verschwunden – und damit die Aneignung von Weltwissen. Wo erwerben die angehenden Journalisten die nötigen Kenntnisse zur Ausübung ihres Berufes? Wo entdecken sie ihre Vorbilder und analysieren deren Stil? Durch welche Geschichten lassen sie sich inspirieren?

„Kaufen Sie den aktuellen Spiegel und lesen Sie bis zur nächsten Woche die Reportage ‚Der Bote aus dem Jenseits’ von Klaus Brinkbäumer“, bitte ich die Teilnehmer des Print-Seminars per Rund-Mail. Sie spielen mit. Bis zur nächsten Unterrichtsstunde haben fast alle die Geschichte über jenen Captain der US-Army gelesen, dessen Aufgabe es ist, den Angehörigen von getöteten Soldaten die Todesnachricht zu überbringen. „Erst fand ich das mühselig“, sagt ein Student über seinen Eindruck. „Aber als mir der Text auch Tage später noch in den Sinn kam, habe ich gemerkt, dass er gut war.“ Zustimmendes Kopfnicken in den Reihen. Staunend registrieren sie, welche Kraft eine Geschichte auf bedrucktem Papier entfalten kann.

Wie lässt sich dieses Eisen weiter schmieden? Soll ich sie dazu verpflichten, jeden Morgen vor dem Politikseminar die Zeitung zu lesen, damit wir über die aktuelle Berichterstattung diskutieren können? Das Risiko ist groß. Was, wenn sie nicht lesen und sich dann nicht am Unterricht beteiligen? Lieber nehme ich den Vorwurf der Banalität in Kauf und beschließe, meinen Studenten das Zeitunglesen beizubringen. Die Seminare über das „Politische System der Bundesrepublik Deutschland“ und „Internationale Beziehungen“ bieten sich dafür an.

Fortan gehe ich morgens auf dem Weg zur FH im Zeitungsladen vorbei und kaufe die Flagschiffe der deutschsprachigen Journaille. Von der Süddeutschen und der FAZ über die Financial Times bis zur Taz und sogar zur Bild packe ich alle Titel ein, die der Zeitungshändler im Regal hat. Im Seminarraum lege ich die Blätter auf unseren Konferenztisch und fordere die herein strömenden Studenten auf sich zu bedienen.

Es vergehen nur wenige Minuten, bis das Geschnatter verstummt und eine kontemplative Stille den Raum erfüllt. 16 junge Leute beugen sich über die aufgeschlagenen Blätter und tauchen ab. Voller Konzentration lesen sie die Nachrichten über die anstehenden Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, die Hetz-Headlines der Bildzeitung gegen die griechischen Euro-Hasardeure oder die Kommentare über den Rücktritt des Bundespräsidenten. Nach einer guten halben Stunde diskutieren wir über die Berichterstattung, vergleichen die Positionen und überlegen, welche Themen wir für den nächsten Tag recherchieren würden. Erst danach beschäftigen wir uns mit politischen Theorien und den Aufgaben den Bundestags. Ein Semester lang geht das so. An jedem Montag- und Dienstagmorgen steht Zeitungslektüre auf dem Lehrplan. Als wir eine Exkursion nach Berlin unternehmen und Hauptstadtredaktionen besuchen, lesen sie vor jedem Termin die Presse. Stolz tragen sie auf dem Weg zur S-Bahn die Taz oder den Tagesspiegel unterm Arm.

Am Ende des Semesters gibt es Manöverkritik. Wir sprechen über die Referate, die sie gehalten haben, über die Auswahl der Themen und über die Tour in die Hauptstadt. Zum Schluss komme ich auf mein Experiment zu sprechen. „Und wie hat Euch das gemeinsame Zeitunglesen gefallen?“ Die Zustimmung ist einhellig. „Es war klasse, dass wir so viele verschiedene Blätter kennengelernt haben“, sagt die fleißige Alexandra. Johannes, der schon mehrere Praktika hinter sich hat und nebenbei beim „kicker“ arbeitet, lobt die gemeinsamen Diskussionen: „So läuft das in den Redaktionen auch.“ Florin „ohne a“ findet die kollektive Lektüre „genial“. Und wer liest inzwischen auch zu Hause täglich Zeitung? Von 16 Studenten zeigen dieses Mal sieben auf. 


 

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Sascha Pallenberg

Freitag, 03-09-10 00:10

dass des Medium (in diesem Falle das Netz bzw. das gedruckte Papier)sich auf die Qualitaet des Contens auswirkt, ist schon eine mehr als gewagte These, besonders wenn man dann genau das Medium fuer diese Aussage nutzt, welches doch angeblich nur fuer die Aufnahme von "News-Snippets", Twitter-Meldungen und Facebook Status-Updates taugt (bzw. von den oben beschriebenden, angehenden Journalisten hauptsaechlich genutzt wird).

Ob dies die Krise von Print aufhaelt? Ich wag es mal ganz schwer zu bezweifeln.

 

Alexander

http://www.netdynamic.de

Freitag, 03-09-10 00:17

Es ist wirklich schade wie wenige von uns jungen Leuten regelmäßig Zeitung lesen. Ich kenne in meinem Freundeskreis nur 2 oder 3. Und die lesen lieber die Bild oder die Mopo als eines der "Flagschiffe der deutschsprachigen Journaille". Viele argumentieren - ähnlich wie die Studenten in diesem Blogbeitrag - sich online zu informieren. Und man muss festhalten, dass das Internet wirklich ein gutes Medium für tagesaktuell News ist. Aber für Hintergrundinformationen und Reportagen bevorzuge ich einfach gedrucktes. Da können weder Internet noch Fernsehen mithalten. Für mich gehört es inzwischen zum Tagesablauf mir Morgens vor der Bahnfahrt eine Welt Kompakt zu kaufen und ich genieße die ruhigen informativen Minuten - bevor die Hektik der Arbeit beginnt.

 

revo89

Freitag, 03-09-10 00:28

Stimme der Autorin in der Beschreibung des Phänomens absolut zu, die Leute lesen zu oberflächlich und mit zu geringer Aufmerksamkeit Nachrichten im Netz, obwohl eine ausgewogene Zeitungslektüre online einfach möglich wäre. Das Problem liegt meiner Meinung nach weniger an den im Netz angebotenen Inhalten, als vielmehr an der Aufarbeitung. Eine Homepage wie SpiegelOnline z.B. einfach "nur" zu lesen, mit einer niedrigen Klickfrequenz, stellt eine Herausforderung dar. Mir kommt es persönlich vor, als ob ich der Suggestion der Internetseite verfalle und mich das große Angebot ablenkt, welches ich jeder Zeit beim Lesen in Form von Links und Bannern angeboten bekomme. Darüber hinaus weiß ich in jedem Moment über die Möglichkeiten des Browsers Bescheid, ich habe Zugriff auf das gesamte Internet und während ich den Artikel bei SpiegelOnline lese, denke ich schon daran gleich Facebook zu besuchen und zu schauen, welch belanglose Dinge Person X zu irgendeiner belanglosen Sache gepostet hat. Die Begrenztheit einer Zeitung ist ihr großer Vorteil, ihre Möglichkeiten beschränken sich auf das Lesen der in ihr enthaltenen Artikel und ich komme nicht auf die Idee, währenddessen etwas anderes zu tun, als einfach NUR zu lesen!

 

Landpirat

Freitag, 03-09-10 02:46

Kann mir bitte jemand diesen langen Blog-Beitrag ausdrucken oder kurz zusammenfassen? Danke!

 

Bert

http://dvxl.de/

Freitag, 03-09-10 08:11

Dass die Rezeption von Text am Bildschirm um etwa 30% langsamer und damit schwieriger erfolgt, ist eine unbestrittenen Tatsache. Damit verändern sich natürlich Lesegewohnheiten.

Mir ist unverständlich, wie jemand diesen Unterschied in der Qualität der Präsentation gerade für längere Texte nicht wahrhaben will.

Und das wird meiner Meinung nach auch der Grund sein, warum dir Print-Presse nicht vollständig zu Grunde gehen wird: Nicht wegen der Gratis-Konkurrenz oder der Information a la minute im Netz, sondern wegen der Rezipierbarkeit von Hintergrundberichten, Feuilletonbeiträgen und langen Stücken.

 

drikkes

http://drikkes.com

Freitag, 03-09-10 09:08

Schön, daß bald die Hälfte aller angehenden Journalisten eine gedruckte Zeitung lesen. Aber ich fürchte, einzig die eigenen Mitarbeiter als Kunden zu haben, stellt kein tragfähiges Geschäftsmodell dar. Und die Abo-Zahlen werden weiter sinken. Ich für meinen Teil möchte in Zukunft kein Geld für ein Printprodukt ausgeben, bei dem oben erwähnte Studenten mitschreiben.

 

Usul

Freitag, 03-09-10 09:18

> Dass die Rezeption von Text am Bildschirm um etwa 30%
> langsamer und damit schwieriger erfolgt, ist eine
> unbestrittenen Tatsache. Damit verändern sich
> natürlich Lesegewohnheiten.

Das ist die einhellige Meinung. Jetzt nehmen wir mal an, es gibt ein technisches Gerät, was digital arbeitete (fortschrittlicher E-Book-Reader, Tablet, A4-großes, flexibles E-Ink-Paper mit Zeitungsauflösung, irgendwas halt), wo diese Einschränkung nicht mehr gilt, was dann? Dann wäre das beobachtete Problem nur ein Übergangsphänomen aufgrund beschränkter "Anzeigetechnik".

 

Lala

Freitag, 03-09-10 09:18

Exampel...göttlicher Verschreiber.

 

Helge

Freitag, 03-09-10 09:40

Ich mag nicht behaupten, dass das Informieren über Nachrichtenseiten schlechter sein soll als wenn ich Zeitung lese. Es kommt immer darauf an, wie ich etwas lese. Ich kann auch Zeitung überfliegen und die Dinge nicht verstehen, und ebenso ist es im Internet.

Störend kann man höchstens die suchmaschinen- und werbeoptimierten Layouts im Internet empfinden oder Artikel, die auf unzählige Seiten zerstückelt werden, um Klicks zu generieren. Das genannte Beispiel aus dem Beitrag habe ich mal aufgerufen und muss auch sagen, dass ich ihn so nicht gelesen hätte, denn er ist sehr schlecht gegliedert. Keine erkennbaren Absätze, das tut in den Augen weh. Zudem hätte mich das Thema im Print auch nicht interessiert.

Und das ist doch ohnehin der zentrale Punkt beim Medienkonsum: Entweder ein Artikel bzw. Thema interessiert od. fesselt mich oder eben nicht. Bei der Zeitung hindert mich ja auch nichts am Umblättern, oder?

 

Frank

http://fthieme.net

Freitag, 03-09-10 10:07

Wenn es sich bei dem Probetext aus dem Internet um diese Webseite: http://www.zeitenspiegel.de/de/text/von-der-droge-zum-dogsitter handelt, dann kann ich verstehen warum die vielen müden Gesichter zu sehen sind.

Die Schriftart und -größe laden nicht gerade dazu ein, länger konzentriert zu lesen.

 
 

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