Heute: Bremsschwellen

Über Eselsrücken und schlafende Polizisten

Von Alfred Welti

Mit meinem großen Bruder Gerhard bin ich ein bisschen durch Frankreich gefahren, wir waren im Auto unterwegs, und irgendwann, in einem Städtchen nahe Lyon, bemerkte ich: Also, von diesen, na, wie heißen die denn?, von diesen… Hubbeln, diesen Straßenhöckern, haben die ja mehr als genug.

Mein Bruder, der Französisch studiert und gelehrt hat, sagte: Das, was du Hubbel nennst, nennen die Franzosen dodan (so verstand ich es phonetisch). Und wie die Lehrer, pensioniert oder nicht, nun mal so sind, forderte er mich auf, ja geradezu heraus, dies wörtlich zu übersetzen. Mit wohlwollender Hilfestellung des Pädagogen kam ich schließlich auf dos d’âne – zu Deutsch: Eselsrücken.

Beim letzten Wortwechsel ging es um den Begriff der Metapher, ohne die keine Sprache der Welt auskommt, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Dos d’âne ist eine spielerische, lustige Metapher für das verkehrsberuhigende Objekt, von dem hier die Rede ist.

Liebe Wortwechsel-Leser, bitte helfen Sie mir: Wie heißen diese Hubbel, diese Höcker, die dafür sorgen, dass wir, in Sorge um den Unterleib unseres Fahrzeugs, den Fuß vom Gaspedal nehmen und die Bremse antippen? Wie heißen diese vorsätzlich – und meist aus gutem Grund – gebauten Hindernisse eigentlich im Deutschen? Das von mir gebrauchte Wort Hubbel kann’s ja wohl nicht sein…

Wie? Das wissen Sie nicht?, schallt es mir entgegen. Was Sie Ignorant mit dem Nichtwort Hubbel bezeichnen, heißt Bremsschwelle, das weiß doch jeder! Danke, liebe Leser, ich werd’s mir merken und erlaube mir den Hinweis, dass auch Schwelle, in diesem Fall, eine Metapher ist, eine bildliche Übertragung von der Türschwelle auf etwas Ähnliches. Schwelle bedeutete einst vor allem den Grundbalken des Hauses, der auch unter der Türöffnung durchlief, wie mich der Etymologie-Duden belehrt. Indogermanisch s(u)el- meinte Balken oder Brett, im Englischen ist das Wort als sill erhalten.

Mein großer Bruder wusste mir natürlich auch zu sagen, wie dos d’âne auf Amtsfranzösisch heißt, nämlich ralentisseur, Verlangsamer. Dos d’âne, Eselsrücken, wird, versteht sich, häufiger gebraucht, weil es einfach hübscher ist. Ich revanchiere mich bei dem geduldigen Französischlehrer, der auch das Englische blendend beherrscht, mit einer unschlagbaren Bezeichnung aus dem englischen Volksmund: sleeping policeman. Eine liebenswerte Kollegin hat mir die Wortschöpfung verraten. Wer die geprägt hat, den möchte man finden und feiern.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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