Heute: b.w.

Bitte wenden - Zuwendung an ein wendiges Verb

Ich schätze mal, dass ich noch keine elf Jahre alt war, als ich mir merken sollte, dass die Vergangenheit des bequemen englischen Wörtchens go nicht etwa goed lautet, sondern went. Warum, frage ich mich heute, habe ich meinen Englischlehrer damals nicht gefragt: Warum?

Vielleicht (vielleicht) wusste mein Englischlehrer Bescheid und unterließ es aus gutem Grund, meine Mitschüler und mich darüber zu informieren, dass go und went zwei verschiedenen Wortstämmen entstammen und dass es im Englischen bis heute das Verb to wend gibt: To wend one’s way home heißt: sich auf den Heimweg begeben. So, wie ich meinen ersten Englischlehrer heute beurteile, wusste er solche Feinheiten vermutlich nicht, oder er hatte sie auf der Uni mal gehört und sofort als Ballast abgeworfen.

Über diesen schlechten Grund grübeln wir nicht weiter, der gute Grund meines Lehrers war womöglich: Wenn ich, der staatsexaminierte Studienrat, dieser Horde von Ignoranten - in den ersten Gymnasialklasen waren wir etwa 50 Schüler - jetzt auch noch mitzuteilen versuche, dass go mit gehen und went mit wenden verwandt ist, dann kommen die kleinen Deppen komplett durcheinander, und die Stunde ist dahin. Da hilft nur Pauken: I go, I went, I have gone. You go, you went, you have gone. He/she/it  goes, went, has gone.

Mit dieser Einleitung ist die schlechte Gewohnheit des Autors, das Abschweifen, fürs erste überstanden, er kann sich vom Unterricht abwenden, einem der wendigsten Wörter der deutschen Sprache zuwenden und den Rest dieses Schulaufsatzes darauf verwenden zu sehen, wie vielseitig anwendbar das Verbum wenden ist.

Das geht nicht ohne ein paar Blicke in verschiedene Herkunftswörterbücher, und die belehren uns unisono, wenden sei das Veranlassungswort von winden. Wenn ich etwas wende, dann veranlasse ich, dass etwas sich windet. Das nehmen wir jetzt mal mit leichten Bedenken hin und begnügen uns mit der Erkenntnis, dass wenden mit winden verwandt ist und somit auch mit der Wand, gegen die wir laufen, wenn wir uns vornehmen, dieses Geflecht zu entflechten. Zur Erinnerung: Die Wand heißt Wand, weil sie (aus Zweigen und Knüppeln) gewunden (und dann mit Lehm beworfen) wurde.

Wenden ist, wie gesagt, ein unerhört wendiges Wort, es signalisiert - ursprünglich und bis heute - einen Richtungswechsel, nicht nur bei der Fortbewegung, sondern auch beim Bewegen der Gedanken und Gefühle. "Unser Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können", sagte, wenn ich mich recht erinnere, der französische Maler Francis Picabia, ein Mann, der seine Bewunderer mit den Wendungen, die seine Kunst nahm, gelegentlich vor den Kopf zu stoßen wusste.

Verwandt bin ich mit jemandem, für den ich mich verwende, dem ich mich zuwende, sei es aus Pflicht, sei es aus Neigung. Wenden und kehren war einst eine viel gebrauchter Doppelausdruck für das oft frustrierende Wandeln (natürlich auch verwandt) auf dieser Erde. Aufs Kehren, auf Ein-, Um-, Rück- und Abkehr, kommen wir irgendwann noch mal, nicht zu reden vom ungeliebten Hin und Her mit dem Besen.

Verwenden hieß einst ab- oder umwenden, später dann benutzen, zum Beispiel ein Stück Holz, dessen Schicksal ich wende, indem ich daraus ein Stuhlbein drechsle. Aufwenden bedeutet, sagen wir, dem Geld oder der Kraft eine andere Richtung geben, freiwillig oder notgedrungen.  Anwenden ist im Computerdeutsch zu unverhofften neuen Ehren gekommen. Entwenden ist klar, da bewegt sich Geld oder anderer Besitz in eine vom Besitzer ungewollte Direktion.

20 Jahre Wende  – sich diesem Thema zuzuwenden, bedarf  es wendigerer, gewandterer Wortwender als mich, zum Beispiel unseres gewandten neuen Staatsoberhaupts. Wandel ist abgeleitet von wandeln, dies wiederum ist eine Iterativbildung  zu wenden, heißt also eigentlich: immer wieder wenden.

Gibt es Einwände? Nein? Dann wollen wir es dabei bewenden lassen?

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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