Heute: Die Pille

Wie wir sie nennen, ist skandalös, aber alle tun's

Jubiläen und Jahrestage, geben wir’s zu, sind langweilig, denn ob ein großes Ereignis oder eine schlimme Katastrophe nun achtundvierzigeinhalb oder fünfzig Jahre her ist, macht die Sache nicht besser oder schlechter und eigentlich auch nicht denkwürdiger. Aber die runde Zahl hat etwas absurd Magisches, und die Magie der Gewöhnung schafft es auch, dass, sagen wir, gar nicht so runde  Zahlen wie 25 (silbern) oder 65 (Rente, Pension) auch irgendwie gewürdigt werden. Bald dürfte die 67 zur runden Zahl avanzieren. Von der 21 sprechen hierzulande allenfalls noch die Strafrechtler, seit die Volljährigkeit auf 18 Jahre herabgesetzt wurde.

Wie auch immer, runde oder rund empfundene Zahlen helfen dabei, uns in der eigenen Geschichte zurechtzufinden. So war es für mich hilfreich, jüngst daran erinnert zu werden, dass vor 50 Jahren die Pille auf den Markt kam, erst in den Vereinigten Staaten von Amerika, nicht viel später hierzulande. Die empfängnisverhütende Pille. Die Erinnerung danke ich einem kleinen Radio-Beitrag auf NDR, den ich zufällig hörte, und wie selbstverständlich nannte die Autorin die hilfreiche, epochemachende Arznei, ohne rhetorischen Rettungsanker, Antibabypille.

Das erinnerte mich daran, dass, vor vielen vielen Jahren, in einer Morgensendung des damals rechtslastigen Kölner Deutschlandfunks, ein halbwegs junger Redakteur gegen den Gebrauch des Wortes Antibabypille polemisierte. Er argumentierte schlicht, die Frauen, die die Pille einnähmen, seien doch in überwältigender Mehrheit nicht anti, nicht gegen Babys, keine Kleinkinderfeindinnen. Die Frauen wollten, zu Recht, nur selbst bestimmen, ob und wann sie ein Kind bekommen wollen.

Um diesen Beitrag, der sich in zwei Minuten spurlos versendete, zu vervollständigen, hatte der junge Redakteur eine Kollegin in der beim Deutschlandfunk meist noch so genannte DDR genannten DDR angerufen und gefragt, wie die Pille,  d i e  Pille, in der DDR genannt werde. Die DDR-Bürgerin sagte: Wunschkind-Pille. Der kleine Deutschlandfunker erwähnte dies, lobend, in seiner Glosse. Der Satz wurde ihm nicht herausgeschnitten, so weit ging die Liberalität beim Deutschlandfunk damals denn doch.

Wunschkind-Pille, das Wort hat sich nicht durchgesetzt, wie auch? Es ist, sagen wir, realitätsfern. Es wurde wohl von sprachlich gewandten, verdienten Mitarbeitern im zuständigen DDR-Ministerium geprägt und schließlich von sprachlich gewandten SED-Entscheidern, sprachlich gewandt, genehmigt. Ab 1965 wurde das Mittel, Ovosiston, in der DDR kostenlos verteilt. (Nein, so einfach war's denn doch nicht: Die kritische Leserin Petra teilt mit, dass ein Besuch beim Facharzt Voraussetzung war.)

Der einstige kleine, erfolglose Deutschlandfunk-Redakteur (der dann bald kündigte) weist nach Jahrzehnten wieder mal darauf hin, dass die epochemachende, befreiende Arznei nirgendwo so kinderfeindlich bezeichnet wird wie bei uns. Die Engländer, zum Beispiel, sagen, sachlich, contraceptive pill. Die Vokabel Antibabypille ist eine Stelle in unseren Wörterbüchern, für die wir uns schämen könnten, wenn wir uns noch schämen könnten.


 

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Petra

Donnerstag, 21-10-10 20:34

Stimmt, »Wunschkindpille« war in der DDR eine offizielle Wunschbezeichnung und nicht allgemeiner Sprachgebrauch. Aber die Pille wurde auch nicht »kostenlos verteilt«. Sie war zwar kostenlos, musste aber vom Facharzt verschrieben werden.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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