Heute: Platzangst

Zuviel oder zuwenig Raum, das ist hier die Frage

Es führt kein vernünftiger Weg daran vorbei, ich muss. Ich muss, wenn ich diese Schmerzen irgendwann mal wieder loshaben will, in den Kernspintomografen. Nach dem Radiologen muss ich zum Neurologen, und nach dem Neurologen zurück zu meiner Hausärztin, um mit ihr zu beraten, wie’s weitergehen soll mit dem, was ich, geraume Zeit vor meinem Besuch bei ihr – und vermutlich richtig – als Ischias diagnostiziert habe.

Auf dem Überweisungsschein für den Radiologen hat die kluge Ärztin zusätzlich vermerkt: „Bitte mit Sedierung, Panik!“ Ich hatte nämlich, als sie vom Kernspintomografen sprach, das Gesicht verzogen, weil ich, vor Jahren, schon einmal in so einer Röhre lag und mir seinerzeit sehr sicher war, dass ich da nie wieder herauskommen würde. In dem Ärztehaus würde ein Brand ausbrechen, das Personal würde fliehen und ich in der Röhre schön knusprig gebraten. Den Klingelknopf, den man mir in die Hand gedrückt hatte ­ – für den Fall, dass irgendetwas nicht in Ordnung sein sollte –, drückte ich natürlich nicht, denn lieber wollte ich rösten denn als Feigling aus der Röhre klettern.

Ich verzog das Gesicht, meine liebe Ärztin sagte, sie habe im Kernspintomografen schon mal den Klingelknopf gedrückt, weil sie, ähnlich wie ich ­– und nun wartete ich so gespannt, wie man für den Bruchteil einer Sekunde gespannt sein kann und setzte zu dem Wort kl… an. Ihr Wort fing mit Pl… an und endete mit …atzangst. Ich kriegte mein Wort dann auch noch zu Ende, sprach: Jaja, gegen solche klaustrophobischen Anwandlungen kannst du dich selbst dann nicht wehren, wenn du es dir fest vornimmst.

Angst vor der Enge ­– in einem mit acht Passagieren besetzten Fiat 500, einer mit 48 trinklustigen Gästen gefüllten Wohnküche, einem für zehn Personen zugelassenen Personenaufzug, der überdies drei Koffer, einen Kinderwagen und zwei Fahrräder auf die Bahnsteigebene transportieren soll. Da hört man mindestens eine oder einen sicher sagen: Na, wenn ich jetzt keine Platzangst kriege. Platzangst heißt folglich: Angst, nicht genug Platz zu haben. Vielleicht spielt auch das Verb platzen, offenbar lautmalerischen Ursprungs, eine Rolle, nach dem Motto: Wenn hier noch mehr Passagiere reinkommen, dann platzt der Fiat. Oder gar: Wenn’s noch enger wird, dann platze ich ­vor Angst. Alles klar mit der Platzangst?

Alles klar. Aber die Anmerkung sei erlaubt, dass Platzangst in grauer Vorzeit, also vor gut hundert Jahren, nicht gerade das Gegenteil, denn die Angst bleibt ja in etwa dieselbe – dass Platzangst mal was anderes bedeutete. Platzangst, in der Gelehrtensprache Agoraphobie (Humanistengriechisch für Angst vor der Agora, also dem großen, weiten, vielleicht auch noch leeren Platz), Platzangst ist, nein, w a r  das Phänomen, dass man sich, ohne Beistand weit und breit auf sich gestellt, von der Weite, nicht von der Enge bedroht fühlt. Das Gegenstück zur Agoraphobie war – und ist ­–  die Klaustrophobie, also die Angst vor dem Eingeschlossensein, und zu Deutsch hieß dies, als die Begriffe noch nicht durcheinandergeraten waren: Raumangst.

Die Begriffsverschiebung liegt wohl in der Vieldeutigkeit des deutschen Wortes Platz, das, wie so viele Wörter aus der Baugeschichte, von den Römern zu uns kam. Lateinisch platea bedeutete „breite, öffentliche Straße“ und somit auch Platz im Sinne von Piazza San Giovanni oder Alexanderplatz oder Place de la concorde. Dass es bei uns auch noch das kleinste bisschen Raum, etwa einen Sitzplatz oder einen Platz für die Vase im Buffet oder den Groschen im Portemonnaie bedeuten kann, zeigt uns wieder mal, dass viele Wörter, sagen wir, Platzhalter für Bedeutungen sind, die wir ihnen geben. Für den Platz, in dem ein Italiener seine Vespa abstellen möchte, wird er nicht piazza sagen, sondern spazio, und der Brite würde, um sein  Fahrrad abzustellen, a little bit of space suchen (auch so ein vieldeutiges Wort, und mit dem Raum verhält es sich nicht anders).

Genug Platz verschwendet. Ein Redakteursleben lang habe ich versucht, Kollegen zu vermitteln, dass  Platzangst die Angst vor dem weiten Platz ist. Jetzt strecke ich die Waffen und sage entweder nichts, oder ich sage: Ja, ihr habt Recht, Platzangst ist die Angst, keinen oder zu wenig Platz zu haben oder gleich zu platzen vor lauter Enge.

Den Ausschlag gab ein Buch, das ich jüngst, leider erst 15 Jahre nach seinem Erscheinen, gelesen habe, der großartige Roman „Perlmanns Schweigen“ des schweizerischen Philosophen, Sprachgelehrten und Schriftstellers Pascal Mercier. Sie alle haben ihn längst gelesen, wissen, dass er nicht nur schmerzhaft spannend ist, sondern über das Wesen der Sprache tausend Mal mehr erklärt als Weltiswortwechsel  in tausend Folgen. Auch Mercier verwendet, in einem Dialog zwischen dem unglücklichen Helden (einem Linguisten) und einer nicht ganz unattraktiven spanischen Kollegin, das Wort Platzangst ohne weiteres im Sinne von Angst vor der Enge ­– ein Wortwechsel, den ich vermutlich nicht mitmache, aber, mit Dank an Mercier, einfach hinnehme.


 

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Jürgen Knaack

Dienstag, 09-11-10 16:38

Lieber Alfred,
da kann ich dir leider nicht folgen, falsch bleibt falsch, oder, schmeckt Scheiße nun gut, weil eine Million Fliegen nicht irren können. Demnächst ist dann ein frugales Mahl auch ein üppiges, weil es so üppig klingt. Ich frage jemanden, der das Wort Platzangst falsch benutzt immer noch, ob er Angst vorm Platzen hat.
Herzlichst
Dein Jürgen

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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