Heute: Die Au, das Au...

...und das schöne Au des Bundestrainers

Fangen wir mal mit dem Chinesischen an und sagen: ao. Das hört sich, in etwa, wie unser Schmerzensschrei an und kann ziemlich viel bedeuten. Im ersten (hohen) Ton heißt es beispielsweise hohl oder konkav, im zweiten (aufsteigenden) Ton bummeln, aber auch, mit Silbenverdoppelung : áo’áo , vor Schmerzen aufschreien. Woran man wieder mal sieht, dass gewisse Wörter sich eher im Bauch als im Kopf zu bilden scheinen. Die beiden anderen Töne, den fallend-steigenden und den fallenden, erspare ich uns jetzt, um rasch zum Thema zu kommen, den Bedeutungen der Silbe au in der drittschönsten Sprache der Welt, dem Deutschen. (Als ich einem Chinesen einmal sagte, seine Sprache sei die zweitschönste der Welt, nur Italienisch klinge noch besser, war die Stimmung anschließend recht gedrückt…)

Zum Thema! Im Deutschen gibt es für die Silbe au drei Bedeutungen. Erstens, wie angedeutet, die Interjektion, den Schmerzensschrei, dem man verdeutlichend noch ein -weh anhängen darf, auweh, oder einen Zischer, autsch. Chinesisch heißt dieses au ai, italienisch ahi oder ohi (aber sprechen Sie ja nicht das h aus!), englisch ow oder ouch.

Zweitens gibt es das schöne, selten gewordene Wort Au (oder Aue) für eine Landschaft am Wasser, was uns versierte Indogermanisten unverzüglich auf die Verwandtschaft mit dem lateinischen Wort aqua verweist. So mancher deutsche Ort verrät seine Lage an Fluss oder Bach im Namen, zum Beispiel Schönau oder Reichenau. Ähnlich verhält es sich mit der Ortssilbe -ach, aber die lassen wir beiseite und unterdrücken auch den Seufzer ach!

Drittens haben wir, und jetzt sind wir beim feinsten, dem sogenannten Jogi-au, Bildungshuber sprechen auch vom Löwschen Adverb. Dieses au dankt der Erfolgsfußballer und Wundertrainer Joachim Löw seinem westoberdeutschen (vulgo: alemannischen, in Löws Fall badischen) Mutteridiom, das die deutsche Sprache unendlich bereichert hat, eben au durch das Jogi-au, das wir während der WM in Südafrika so oft vernommen haben. Ich wollte eigentlich schon während des Turniers darauf aufmerksam machen, habe mich aber gescheut, weil ich fürchtete, dann bei so manchem Fan die Aufmerksamkeit für Löws Spielanalysen zu schmälern.

Jetzt, kurz vor dem Dänemark-Spiel, wo’s nicht so drauf ankommt, wage ich meine Empfehlung auszusprechen. Hören Sie sich vor und nach der Begegnung Jogis Bemerkungen an und zählen Sie mit, wie oft er au sagt. Besser, weil Sie dann mit den Fingern einer Hand zählen können, zählen Sie nur die Sätze, in denen das Wörtchen au nicht ein oder zwei Mal vorkommt. Wie Sie auch zählen, es lenkt ab, aber, wie gesagt, bei einem Freundschaftsspiel kommt’s nicht so drauf an, ob man au genau versteht, welche Treffer der einstige Rekordschütze des FC Freiburg so setzt.

Hat man sich ins Jogi-au, das mitunter mehr nach ou klingt, erst einmal eingehört, wird man gewahr, wieviel Bedeutungsnuancen das Wort auch (denn um dessen Kurzform handelt es sich ja beim Löwschen Adverb) hergibt. Es kann soviel wie selbstverständlich heißen. Oder obendrein. Oder ganz bestimmt. Oder nämlich. Oder hingegen oder jedoch. Ober eben auch auch. Würde man aus einem Interview mit Löw jedes au herausschneiden, es ginge vom Inhalt seiner Rede so gut wie nichts verloren, aber es fehlte ihr gleichsam das Schmiermittel, sie würde vielleicht sogar etwas knarren.

So klein es ist, auch hat, wenn man den Etymologen glaubt, eine komplizierte Ahnenreihe. Womöglich sind ein im Deutschen ausgestorbenes Substantiv mit der Bedeutung „Zunahme“  (lateinisch augere = mehren, wachsen steigern, fördern) und eine zum Beispiel mit dem lateinischen  aut, autem (wieder, aber, hingegen) verwandte Partikel irgendwann irgendwie zusammengeflossen.

Jedenfalls war die Bedeutung von auch in früheren deutschen Sprachzuständen genau so vielfältig, wie sie heute noch von unseren alemannischen Schwestern und Brüdern, allen voran Joachim Löw, verstanden wird. Die Versuchung ist groß, ein paar Löwsche Sätze zu zitieren, aber das bringt fast nichts, denn das Jogi-au wirkt nur als Figur der gesprochenen Sprache, eine hübsche Figur. Wir hoffen au, dass er sie au treu bewahrt, und gewöhnen uns das au-Zählen nach dem Dänemark-Spiel au bald wieder ab.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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